13. Juli 2015, 19:03 Uhr

Stresemannstraße: Operation am Herzstück

Bad Nauheim (bk). Gut zwei Jahre wird sie dauern, die Umgestaltung der Stresemannstraße. Die Geschäftsleute sehen dem Bauprojekt mit Skepsis entgegen. Bürgermeister Häuser sprach beim ersten Spatenstich am Montag vom »Herzstück der Innenstadt mit 70er-Jahre-Charme«, dessen Attraktivität gesteigert werde.
13. Juli 2015, 19:03 Uhr
Hoch hinaus: Politiker und andere Verantwortliche im Sandkasten. (Foto: Nicole Merz)

Dr. Wilfrid Kreutz tritt vor die Eingangstür der Taunus-Apotheke, um Politikerreden zu lauschen. Er und seine Frau Monika leiten das Geschäft seit 1972, haben schon manches Bauprojekt in der Innenstadt erlebt. Der Neugestaltung der Stresemannstraße, für die am Montag der Startschuss gefallen ist, sieht Kreutz wie andere Ladenbesitzer skeptisch entgegen: »Es wird erhebliche Beeinträchtigungen geben.« Zwar sei der Umbau gut geplant, doch Überraschungen könnten nie ausgeschlossen werden. Dank ihrer günstigen Lage an der Ecke Kurstraße/Stresemannstraße dürften sich die Umsatzverluste in der Apotheke in Grenzen halten, andere Einzelhändler und Gastronomen werden mehr zu klagen haben. Sie erinnern sich gut an die Hauptstraßen-Sanierung, die sich etwas länger hinzog als vorgesehen. Betriebsinhaber machten ihrem Frust Luft.

Wie Kreutz einräumt, müsse das Projekt irgendwann in Angriff genommen werden. Das wissen auch die anderen Anlieger und deren Interessenvertretung, der Verein Erlebnis Bad Nauheim. Vorsitzende Natascha Schmidt hatte sich im Bauausschuss mit Kritik an Planungsdetails und »mangelnder Einbeziehung« der Betroffenen zu Wort gemeldet. Heute möchte sie keine Stellung nehmen, wartet ab, wie das Projekt verläuft.

Bürgermeister Armin Häuser ist sich bewusst, wie viel für Händler und Wirte von einem reibungslosen Baufortschritt abhängt. Wie er in seiner Rede zum ersten Spatenstich einräumt, werde es nicht ohne Probleme abgehen. Der Rathauschef sprach von einer »gemeinsamen Aufgabe« von Stadt und Anliegern. Die Verwaltung werde immer ein offenes Ohr für Probleme haben. Die Stresemannstraße als »Herzstück der Innenstadt mit 70er-Jahre-Charme« bilde den letzten Akt einer Aufwertung. Zuvor seinen Park- und Hauptstraße attraktiver gestaltet worden. Zudem hätten Hauseigentümer Zuschüsse für Umbau und Sanierung ihrer Immobilien erhalten. Häuser zufolge wird die Fußgängerzone nach dem Ende der gut zweijährigen Bauphase – Stadt und Stadtwerke investieren 3,7 Millionen Euro – vor allem durch Gestaltungselemente wie Naturstein, Leuchten, Bänke, Bäume und Sprudel noch mehr Anziehungskraft entwickeln, als sie ohnehin bereits besitze. Barrierefreiheit hätten die Planer ausreichend berücksichtigt. Blinden und Sehbehinderten werde ein Leitstreifen auf beiden Seiten der Straße helfen.

Die Geschäftsleute erhalten nicht nur eine attraktivere Einkaufsmeile, sondern bleiben auch von Straßenbeiträgen verschont. Wie der Bürgermeister im Gespräch mit der WZ erklärt, sei eine Sanierung der Straße eigentlich nicht erforderlich. »Das hätte noch ewig gehalten.« In schlechtem Zustand ist aber der Kanal. Weil dessen Instandsetzung die eigentlich Ursache für die Bauarbeiten ist, werden die Anlieger nicht zur Kasse gebeten. Von einer langen Planungs- und Abstimmungsphase spricht Fachbereichsleiter Jürgen Patscha. Anwohner, Polizei, Stadtwerke und andere Betroffene hätten eingebunden werden müssen. Laut Häuser wurden die Anlieger zweimal eingeladen: im April alle, kürzlich noch mal die Geschäftsleute im ersten Abschnitt. Vorwürfe von Bauausschuss-Mitgliedern, das Gremium sei nicht ausreichend an der Planung beteiligt worden, weist der Bürgermeister zurück. Der Ausschuss habe vor geraumer Zeit einen Grundsatzbeschluss gefasst und sich auf Gestaltungselemente geeinigt. »Diese Vorgaben wurden umgesetzt. Die Verwaltung hat dem Ausschuss die fertige Planung im Juni vorgelegt. Eine erneute Beratung und Änderung der Pläne war nicht vorgesehen«, sagt Häuser.

Anmerkungen zur Geschichte der Straße hat Parlamentschef Prof. Friedrich-Karl Feyerabend am Montag gemacht. Das Quartier sei um 1850 entstanden. In der damaligen Fürstenstraße habe man Kurgäste untergebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei der Name auf Anordnung der Amerikaner in Stresemannstraße geändert worden. Ein Einschnitt war laut Feyerabend die Umwidmung in eine Fußgängerzone. Proteste der Einzelhändler hätten 1972 einen ersten Anlauf verhindert. Zwischen 1975 und 1980 sei die Umwandlung dann erfolgt. (bk/Foto: nic)



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