12. Juni 2015, 17:43 Uhr

Denkmal für Holocaust-Opfer: Spendenaktion startet

Bad Nauheim (pm/bk). Umfangreiche Recherchen in historischen Dokumenten haben ein erschreckendes Ergebnis gebracht: 270 Bad Nauheimer jüdischen Glaubens sind während der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten ermordet worden. Diesen Opfern möchte die AG Geschichte der Kurstadt ein Erinnerungsmal setzen.
12. Juni 2015, 17:43 Uhr
Gegenüber vom Aliceplatz soll das Erinnerungsmal stehen: Eine Parkbank aus Bronze und eine Tafel mit den Namen von 270 Bad Nauheimer Holocaust-Opfern. (Foto: Petra Ihm-Fahle)

Beauftragt mit der Gestaltung wurde der Friedberger Kunstprofessor Peter Schubert (die WZ berichtete). Um das Projekt finanzieren zu können, bittet die AG Geschichte jetzt gemeinsam mit der Bürgerstiftung »Ein Herz für Bad Nauheim« um Spenden.

Als in den frühen Morgenstunden des 15. September 1942 die letzten Bad Nauheimer Juden von der Gestapo abtransportiert und in Gettos und Vernichtungslager deportiert wurden, war dies das vorübergehende Ende jüdischen Lebens in Bad Nauheim.

Schon seit Jahren fordern viele Mitbürger, in sichtbarer Form an dieses Verbrechen zu erinnern und die Namen der Opfer öffentlich zu machen. Die Empörung über zunehmende neonazistische Umtriebe gab diesem Wunsch zusätzliche Impulse. Das alles hat die Arbeitsgemeinschaft Geschichte bewogen, das Thema aufzugreifen.

Bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung waren jüdische Bürger fest ins gesellschaftliche Leben der Kurstadt einbezogen. Im 19. und 20. Jahrhundert hatten jüdische Geschäftsleute, Hoteliers, Ärzte, Lehrer und Anwälte wesentlich zum Aufstieg Nauheims zum renommierten Herzheilbad beigetragen. Das jüdische Altersheim (bis 1942) und die jüdische Bezirksschule (bis 1939) waren Orte der Geborgenheit für alte Menschen und Orte für Erziehung und Bildung vieler jüdischer Kinder. Die meisten von ihnen wurden Opfer des Holocaust.

In dem 1987 erschienenen Buch von Stephan Kolb »Die Geschichte der Bad Nauheimer Juden«, das inzwischen vergriffen ist, werden die Namen von 785 jüdischen Bürgern aufgelistet, die in Bad Nauheim geboren wurden oder einmal in Bad Nauheim gewohnt haben. Wie Kolb bereits 1986 belegen konnte, sind 122 von ihnen in Konzentrationslagern ums Leben gekommen. Erneute Nachforschungen der Arbeitsgemeinschaft Geschichte ergaben bei Durchsicht der Meldekartei der Stadt, bei der Auswertung neuen Quellenmaterials und bei Recherche im Internet eine deutlich höhere Anzahl von Holocaust-Opfern unter den Bad Nauheimer Juden. So liegt der Arbeitsgemeinschaft Geschichte jetzt eine Liste mit 270 Namen von Holocaust-Opfern vor, die in den Tod getrieben oder ermordet wurden.

Diese ehemaligen 270 jüdischen Nachbarn, die in Bad Nauheim geboren wurden oder einmal in Bad Nauheim gewohnt haben und die in den Jahren von 1933 bis 1945 deportiert wurden, sollen bis Mitte 2016 mit einem Erinnerungsmal vor dem Vergessen bewahrt werden. Planung, Vorbereitung und Abwicklung des Projekts hat die Bürgerstiftung an die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Geschichte Bad Nauheim übertragen. Das Denkmal wurde vom Friedberger Künstler Prof. Peter Schubert entworfen und soll am Rande des Kurparks gegenüber dem Aliceplatz errichtet werden. Auf einer Steinwand aus Muschelkalk werden die Namen der 270 Bad Nauheimer Holocaust-Opfer verzeichnet sein.

Davor weist eine aus Bronze gegossene Parkbank mit einem zurückgelassenen Mantel aus dem gleichen Material symbolisch hin auf den erzwungenen Weggang der jüdischen Bürger unter Zurücklassung ihrer Habe. Ein QR-Code neben dem Erinnerungsmal führt zu einer ebenfalls von Mitgliedern der AG Geschichte erstellten Homepage, die mit biografischen Angaben und zum Teil mit Bildern und Dokumenten über das Leben und Schicksal der Opfer informiert.

Die Jüdische Gemeinde Bad Nauheims, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der Magistrat der Stadt und die Stadtverordnetenversammlung haben die Errichtung des Erinnerungsmals ohne Einschränkung begrüßt, dem Vorhaben in allen Einzelheiten zugestimmt und ihre Unterstützung zugesagt.

Die Kosten werden auf 40 000 Euro geschätzt und sollen durch Spenden aufgebracht werden. Die Initiatoren hoffen, die Bürger Bad Nauheims dafür gewinnen zu können, die Errichtung dieser Erinnerungsstätte mit eigenem finanziellen Engagement zu unterstützen und so ihr Mitgefühl zu bekunden.

Spenden (mit Absenderangabe) können auf folgendes Konto überwiesen werden: Bürgerstiftung »Ein Herz für Bad Nauheim«, Sparkasse Oberhessen, Konto-Nr. 300 866 27, BLZ 518 500 79, IBAN DE61 5185 0079 0030 0866 27 (Verwendungshinweis: Erinnerungsmal).



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