26. Februar 2009, 10:38 Uhr

Bizarr anmutender Hurra-Patriotismus und martialische Töne

Nach dem »Wetterauischen Patrioten«, Feudtners »Wochenblatt für Friedberg« und Scribas »Wetterauer Volksblatt« sollen drei weitere Friedberger Zeitungen vorgestellt werden, die politisch »links und rechts von der WZ« standen, um einen Aufsatz von Michael Keller aus dem Jahr 1984 zu zitieren.
26. Februar 2009, 10:38 Uhr
Die »Neue Friedberger Zeitung« verstand sich als tendenzlose Zeitung, stand aber dem Freisinn, dem damaligen Linksliberalismus, nahe.

Das »Wetterauer Volksblatt« musste 1849 nach einem Jahr auf behördliche Anweisung hin eingestellt werden. Kein Einzelfall in jenen Jahren. So wurde 1843 die in Köln erscheinende »Rheinische Zeitung« eines gewissen Doktor Karl Marx »wegen Zügellosigkeit des Ausdrucks und der Gesinnung« verboten. »Zeitungen kann man leicht verbieten; das, was sich in Zeitungen ausdrückt, manchmal weniger leicht«, hat der Historiker Golo Mann in seiner heute noch lesenswerten »Deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts« (1958) geschrieben.

Die Zensur ist so alt wie die Erfindung des Druckens mit beweglichen metallischen Lettern. Im Jahr 1479 wurde der Kölner Universität durch Papst Sixtus IV. die Erlaubnis erteilt, gegen Drucker und Käufer verwerflicher Schriften vorzugehen. Auf die geistlichen folgten schon bald die weltlichen Fürsten, die eine ständige Zensur einführten und dazu eigene Kontrollapparate aufbauten. Zensur, so noch einmal Golo Mann, ist Beschneidung von Freiheit, und die Zeitung ist ein Stück Freiheit; sie sollte es zumindest sein.

Nach 50 Jahren neue Konkurrenz

Nach dem Verbot des »Wetterauer Volksblattes« dauerte es fast 50 Jahre, ehe 1896 mit der »Neuen Friedberger Zeitung für Stadt und Land« wieder ein Konkurrenzorgan zum »Oberhessischen Anzeiger« herausgegeben wurde. Die Zeitung erschien zweimal wöchentlich. Verleger und Redakteur war der spätere freisinnige Landtagsabgeordnete Karl Damm, Redaktion und »Expedition« (Versand) hatten ihren Sitz in der Usagasse 28. »Die Zeitung verstand sich als tendenzlose Zeitung, stand aber dem Freisinn, dem damaligen Linksliberalismus, nahe. Exemplare von ihr sind bis 1920 bekannt, dann fehlen sie. Woran die Zeitung verstarb, muss noch näher untersucht werden«, schreibt Keller in dem zitierten Aufsatz von 1984.

Im Jahr 1904 gesellte sich eine weitere Zeitung hinzu. Die »Deutsche Volkswacht« verlegte ihren Sitz von Offenbach nach Friedberg. Zehn Jahre zuvor war sie als »Organ der deutschen Reformpartei und des mitteldeutschen Bauernvereins« von den der antisemitischen Fraktion angehörenden Reichstagsabgeordneten Hirschl und Köhler gegründet worden. 1904 hatte sie rund 2000 Abonnenten, im Untertitel hieß sie nun »Organ des Hessischen Bauernbundes« und war »allgemeines landwirtschaftliches Anzeigenblatt«.

»Tod oder Sieg war die Losung«

Der Aufruf der ersten Ausgabe vom 3. Oktober 1894 an die »Parteigenossen« gefällt sich in einem heute bizarr anmutenden Hurra-Patriotismus: »Von je war es der Vorzug der Deutschen, auszuharren. Tod oder Sieg war die Losung! Und ein schlechter Soldat, der die Fahne verlässt! Ein guter Soldat folgt seiner Fahne und fällt mit ihr.« Der »Deutschen Volkswacht« war keine lange Zukunft beschieden. 1908 riefen führende Mitglieder des Hessischen Landbundes aus der Wetterau daher die »Neue Tageszeitung« ins Leben. Ihr »Leitspruch« lautete: »Dorf und Stadt - Hand in Hand - Macht groß und stark das Vaterland«. Die »Neue Tageszeitung« bekämpfte das kapitalistisch-liberal-demokratische System und damit verbunden auch die »vaterlandslose« Sozialdemokratie. Wes Geistes Kind das Kampfblatt bäuerlicher Interessen war, zeigt ein Werbeslogan von 1907: »Hinaus mit der großstädtischen, liberal-demokratischen von jüdischem Geist beherrschten Presse.«

Kampfblatt der Bauern

Dass die »Neue Tageszeitung« kein politisch unabhängiges Blatt war und auch nicht sein wollte, macht der in martialischem Ton verfasste Aufmacherartikel der ersten Ausgabe vom 1. Januar 1908 deutlich. Die Redaktion bekräftigt hier ihren Willen, »rechte volkswirtschaftliche Erkenntnis vor allen Dingen ins Volk zu tragen, indem wir es lehren die Macht zu sein, die wir bedeuten, den Einfluss zu haben, der uns gebührt, Einfluss auf gesetzgeberischem, Einfluss auf volksbildendem Gebiete nach jeder Richtung hin«. In der Hanauer Straße 12 in Friedberg wurde 1908 eine moderne Druckerei eröffnet. In der Weimarer Republik stand die »Neue Tageszeitung« auf der Seite der Gegner der Republik; sie war dem rechten bis rechtsextremen Lager zuzurechnen. Als 1932/33 der Hessische Bauernbund, Träger der Zeitung, von den Nationalsozialisten übernommen wurde, wurde auch das Kampfblatt der Bauern liquidiert. Keller: »Nach 1933 hatte es keine Chance, sich gegen die national-sozialistische Parteipresse durchzusetzen. Eine Daseinsberechtigung als Lokalblatt im Friedberger Raum war nicht gegeben, da hier kein Platz neben dem ›Oberhessischen Anzeiger‹ mehr bestand, zumal auch Versuche gescheitert waren, diesen als schwarz-rot-goldenes Blatt zu denunzieren und ihm damit die amtlichen Bekanntmachungen zu entreißen.« Anfang 1934 kam das Aus: Die »Neue Tageszeitung« wurde mit dem »Oberhessischen Anzeiger« zusammengelegt, die Herstellung der Zeitung erfolgte in der Druckerei Bindernagel. Jürgen Wagner

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