29. März 2021, 21:53 Uhr

Wo das Damwild klettert

Rinder und Schafe sind im Vogelsberg alltäglich, aber nicht Damhirsche. Seit einigen Monaten züchtet Marcel Westrupp in Ermenrod diese mittel- große Hirschart, um später das Fleisch zu vermarkten. Die kleine Herde erfreut auch Spaziergänger, die an dem vier Hektar großen Gehege entlangwandern.
29. März 2021, 21:53 Uhr
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Von Joachim Legatis
Eine Damwildherde hält Marcel Westrupp in einem Gatter bei Ermenrod, Bürgermeister Leopold Bach (l.) sieht das als Bereicherung in Feldatal an. FOTOS: JOL

Die hübschen Tiere sind ein echter Hingucker für Spaziergänger. Auf einem Hanggrundstück am Ortsrand von Ermenrod lebt seit einigen Monaten eine Damwildherde mit neun Tieren, deren geflecktes Fell für Aufmerksamkeit bei Spaziergängern sorgt. »Es kommen schon viele vorbei und gucken«, sagt Marcel Westrupp, Halter der Herde. Trotz des idyllischen Anblicks ist das Ganze kein Hobby, sondern landwirtschaftliche Wildtierhaltung. »Als Hobby würde so etwas gar nicht genehmigt«, sagt der Ermenröder.

Das bestätigt Bürgermeister Leopold Bach, »eine Genehmigung hierfür ist nicht so einfach zu bekommen«. Es waren viele Dinge zu beachten, um schließlich grünes Licht für die Haltung von Wildtieren als landwirtschaftliche Nutzung zu erhalten. Bach freut sich darüber, dass es mit Unterstützung der Gemeinde geklappt hat. Es ist ein weiteres Highlight in der ländlichen Kommune und passt hervorragend zu der gegenüber liegenden Greifvogelwarte von Falkner Michael Simon. Westrupp ist gelernter Maschinenbaumeister und betreibt die Damwildhaltung als Nebenerwerb. Er setzt darauf, dass die neun weiblichen Tiere im Frühsommer Nachwuchs bekommen und die kleine Herde wächst. Schließlich will er das Fleisch vermarkten, eine Zusammenarbeit mit Metzgern und Gastronomen ist das Ziel. »Das gibt ein herrliches Wildfilet und Braten sowie eine sehr gute Bratwurst«, die Lehrgänge zum Halten und Zerlegen hat er bereits absolviert. Damwildfleisch ist fettarm, zart und ein guter Vitamin-B-Lieferant.

Ein gut zwei Meter hoher und über einen Kilometer langer Zaun mit stabilen Holzpfosten umgibt das Gelände, auf dem die Damhirsche stehen. Die Materialien sind mit der Naturschutzbehörde abgestimmt. Etwa vier Hektar Gelände mit viel Grasland, Büschen und Bäumen hat Westrupp erworben. Im vorderen Bereich ist ein Holzhaus als Wetterschutz, das hat das Veterinäramt vorgegeben.

Westrupp ist froh, ein großes Areal bekommen zu haben, das er unterteilen kann. Dann kann er die Herde abwechselnd auf den Weideflächen halten, »damit sich die Wiese auch erholen kann«. Im Sommer ernähren sich die Damhirsche vom Aufwuchs, im Winter füttert Westrupp Heu und Getreide zu. Die Weibchen sind gedeckt, Westrupp hofft auf Nachwuchs im Mai oder Juni.

Es hat etwa eineinhalb Jahre gedauert, bis die Wildtierhaltung genehmigt war. So mussten Stellungnahmen von der Naturschutzbehörde und dem Amt für Landwirtschaft eingeholt werden. Das Grundstück hat der Halter vor rund vier Jahren gekauft. Mit seinem Steilhang und einem Wiesenplateau eignet es sich nur bedingt für andere Zwecke. »Da war alles zugewuchert«, erinnert sich Westrupp. Mit Mulcher und Bagger hat er das Gelände offener gestaltet, dabei half die ganze Familie mit. Schließlich stand eine Ziegenherde für ein Jahr auf der Fläche und knabberte die Sträucher herunter.

»Jetzt ist es ideal, die Tiere brauchen Wiesen zum Fressen und Gestrüpp, um sich zu verstecken«, sagt er gut gelaunt. Als Wildtiere wollen die Damhirsche Distanz zum Menschen und eine ruhige Umgebung. »Damwild ist perfekt für die Terrassen«, sagt Westrupp und zeigt auf den Hang, der stufenartig zum Feldweg abfällt. Die Tiere sind kleiner und leichter als ihre europäischen Vettern, das Rotwild, deshalb treten sie die Erdschichten nicht ab.

Nur zur Fütterungszeit kommen die Damhirsche näher an den Zaun, wie sich beim Ortstermin zeigt. Westrupp raschelt demonstrativ mit dem Eimer voller Getreide und streut schließlich die Körner großflächig aus. An ihn hat sich ist die Damwildherde gewöhnt. Die Tiere beäugen aber die Besucher am Zaun und trauen sich erst nach und nach zur Futterstelle.

Dass die Ulrichsteiner Wölfin auch durch dieses Gebiet streift, sieht Westrupp durchaus mit Sorge. Nun überlegt er, noch einen Elektrodraht vor dem eigentlichen Zaun zu spannen.

Mit der Haltung der zierlichen Hirsche hat sich Westrupp einen Jugendtraum verwirklicht. Mit seiner Familie ist er früher öfter in Wildparks gegangen, »Hirsche haben mich schon damals besonders interessiert«. So hat er sich informiert, wie eine Wildtierherde zu halten ist und kam schließlich auf die Damhirsche. Dabei spielen wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle, »es muss sich ja auch rechnen«. Die Zusatzarbeit bereut er nicht. »Nach der Arbeit beruhigt es mich sehr, wenn ich herkomme und sie füttere.«

Und der Bürgermeister ist froh, dass es geklappt hat, eine solche Form der Tierhaltung in der Gemeinde zu etablieren. Es ist eine Bereicherung auf dem Weg, Wandertouristen ins Feldatal zu locken. Gerade für Kinder ist es schön, am Gehege entlangzustreifen. Bach sieht mögliche Synergieeffekte mit der nahe gelegenen Greifvogelwarte und dem Lutherweg, der am Gatter entlangführt.



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