25. Oktober 2021, 21:02 Uhr

Weidetiere statt Wolfsreviere

Wer hat Angst vor dem bösen Wolf? Diese Frage schwang am Montag bei einer Kundgebung vor dem Gießener Rathaus mit. Aufgerufen hatte das Bündnis für Weidetierhalter, aus gutem Grund. Unter den Kundgebungsteilnehmern waren auch Vogelsberger. Denn die haben schließlich schon konkrete Erfahrungen
25. Oktober 2021, 21:02 Uhr
Ein Wolf wird im Februar bei Schellnhausen gesichtet, wahrscheinlich ist es die »Ulrichsteiner Wölfin«. FOTO: ULRICH KRUG/BUND

Die Weidetierhalter in Hessen sind besorgt. »In den letzten zehn Jahren hat sich der Wolf in Deutschland unreguliert ausgebreitet. Jährlich wächst die Wolfspopulation um etwa 30 Prozent«, sagte der Vizepräsident des Hessischen Bauernverbands, Volker Lein (Bleidenrod), bei der Kundgebung des Bündnisses der Weidetierhalter auf dem Rathausplatz. Anlass der Demonstration mit rund 200 Teilnehmern unter dem Motto »Wir für unsere Tiere« war die Auftaktveranstaltung der vom hessischen Landwirtschaftsministerium eingesetzten Arbeitsgruppe »Wolf in Hessen«, die zuvor über den Stand der Umsetzung des hessischen Wolfsmanagementplans in Gießen beraten hatte.

Thorsten Schmale ist Schafzüchter aus Hohenahr im Lahn-Dill-Kreis. Er möchte zukünftig weiter mit seinen Tieren auf der Weide stehen und sie nicht nachts in Stallungen halten. »Wir stehen für Dialog, aber die Politik offenbar nicht«, skandiert Schmale in Richtung von Umweltministerin Priska Hinz und Ministerpräsident Volker Bouffier. Vor allem bezieht sich Schmale aber auf den Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, Oliver Conz. »Wir rufen den zuständigen Staatssekretär zum Dialog auf. Kommen Sie ruhig, wir sind hier«, so der Schäfer unter Beifall der Anwesenden.

Hermann Fehrentz, Ziegenzüchter aus Laubach, musste in der Vergangenheit schon häufiger Bekanntschaft mit dem Wolf machen. »Es gab drei Sichtungen von Wölfen bei uns, aber keinen Riss. Dafür wurde eine Ziege von einem Luchs gerissen. Ich sage ganz ehrlich: Die Rissgutachten sind ein Hohn und meistens ergebnislos«, so Fehrentz. Das Veterinäramt verweise dann auf das Ordnungsamt, sobald sich herausstelle, dass die Tiere nicht von Wölfen gerissen wurden. »Die, die sonst Knöllchen verteilen, sollen sich dann darum kümmern?«, fragt sich Fehrentz.

Die Weidetierhalter kritisieren, dass in dem im April 2021 veröffentlichten hessischen Wolfsmanagementplan der Schutz des Wolfes einen weitaus höheren Stellenwert als der Schutz der Weidetiere habe. Herdenschutzmaßnahmen, in Form von Zäunen oder Herdenschutzhunden, lösten das Problem nicht, weil sie nicht überall anwendbar seien und, wie die Praxis zeige, keinen ausreichenden Schutz böten.

Es müsse »alles darangesetzt werden, den Wolf von Siedlungen und Weidetieren fernzuhalten, bevor Tiere oder gar Menschen zu Schaden kommen«, meint Frieder Beyer, Sprecher des Bundesverbands Berufsschäfer. »Die Weidetierhalter haben ihre Sorgen, Argumente und Forderungen der Politik und Verwaltung vorgetragen. Leider wurden diese anscheinend schlichtweg ignoriert«, so Beyer.

Noch größere Bestände erwartet

Tierarzt Dr. Michael Weiler vom Pferdesportverband Hessen geht davon aus, dass Wölfe bei der steigenden Population bereits in drei bis vier Jahren durch hiesige Stadtparks laufen können. »Wir schützen eine Tierart, deren Schutz nicht gerechtfertigt ist. Die romantisierte Ikone der wiederkehrenden Natur soll der Wolf sein, aber das ist Irrsinn«, sagte Weiler. Die Tiere könnten sich perfekt anpassen und durch ihr Jagdverhalten und Intelligenz jede Situation meistern.

Das Bündnis der Weidetierhalter fordert unter anderem die präzise Erfassung des tatsächlichen Wolfsbestands in Deutschland, eine Obergrenze für den Bestand sowie eine präventive Förderung von sämtlichen Herdenschutzmaßnahmen. Ergänzt werden soll das durch eine Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht und regelmäßig stattfinde Arbeitsgruppentreffen mit Vertretern der Weidetierhalter zur Abstimmung des Wolfsmanagements.

Und was hält das Ministerium von den Wünschen der Landwirte? Offenbar nicht viel, meint zumindest Volker Lein: »Herr Conz hat sich nach 15 Minuten zu einem wichtigen Termin verabschiedet. Seine Mitarbeiter waren genauso verdutzt und enttäuscht wie wir.« Den Mut lassen sich die Bauern jedoch nicht nehmen. »Wir werden zu jedem einzelnen Termin kommen und so lange protestieren, bis Sie unsere Forderungen umsetzen«, so Züchter Schmale abschließend.



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