28. Oktober 2021, 21:05 Uhr

Unglaublich wahre Geschichten

Dieser Stoff ist filmreif: Was Roland Bock über sein Leben erzählt, ist unglaublich, doch genau so passiert. Der heute 77-Jährige hat gegen einen Bär und einen Stier gekämpft, war Catcher, Geschäftsmann, Schauspieler, Disco-Besitzer und im Knast. Andreas Matlé, Pressesprecher der Ovag in Friedberg, hat aus den Geschichten des Lebemannes eine Biografie geschrieben. Über ein Leben mit großen Erfolgen, tiefen Niederlagen und dennoch viel Optimismus.
28. Oktober 2021, 21:05 Uhr
Erfolg und viel Applaus: Beides hat Roland Bock während seiner Karriere im Sport erfahren. Doch sein Leben hat auch Schattenseiten. Im Buch spricht Bock (heute, kleines Foto) offen über sein Leben. FOTOS: PV/PM/VERLAG

Roland Bock kann Geschichten erzählen. Unglaublich klingen sie: vom Frauenboxen oben ohne, einer Karriere als Catcher, Boxer, Disco-Betreiber, Geschäftsmann. Vom Leben, vom Knast und von Niederlagen. Und von einer Kindheit, die geprägt ist von Missbrauch und Gewalt.

Über sein bewegtes, teils tragisches Leben hat der heute 77-jährige Roland Bock viele Stunden mit Andreas Matlé gesprochen. Der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Ovag in Friedberg war, seit er selber 17 ist, von Bock fasziniert und hat sich sehr für das Catchen interessiert. 2015 traf Matlé Bock in Friedberg, als Roland Bock dort einen Bekannten besucht hat. Sie kamen ins Plaudern, und Bock erzählte seine Geschichten. »Die waren so unglaublich, dass ich dachte, daraus ein Buch machen zu müssen«, erinnert sich Matlé. Doch kann das alles wahr sein, was Bock ihm da erzählte? Er sprach von Olympia, seiner Catcher-Karriere, wie er gegen einen Bär und Stier gekämpft hat, von abenteuerlichen Geschäftsideen und seiner Zeit hinter Gittern. Matlé traf sich mit Roland Bock, hörte zu, nahm die Gespräche auf Kassette auf , tippte hinterher alles ab. Danach begann er zu recherchieren und zu überprüfen, in Archiven, bei Behörden, im Internet: »Es stimmte alles«, sagt Matlé. Also hat er das Buch geschrieben und dafür in Wien den Heftiger Verlag gefunden. »Bock! - Im Kampf gegen Stiere und sich selbst« so der Titel.

In den Gesprächen ist Matlé dem Lebemann Bock sehr nah gekommen. Bock hat viel von sich preisgegeben. Bei den Erinnerungen an seine brutale Mutter, die ihn mit Kochlöffeln und Peitschen malträtierte, kommen ihm die Tränen. »Vielleicht waren das Buch und die Gespräche wie eine Art Therapie«, meint Matlé. Denn Bock hat auch gesagt, dass er seiner Mutter verziehen hat, weiß, warum sie war, wie sie war. Bock spricht über diese Zeit bei Lesungen auf der Bühne. Während die Erinnerungen an seine »wilden Zeiten« förmlich aus ihm heraussprudeln, redet er mittlerweile offen über die dunkleren Kapitel seines Leben, über Schläge, Demütigungen und das Bettnässen bis er zwölf war.

Bock macht auch keinen Hehl daraus, dass er mittlerweile fast ganz unten ist. Er hat nur noch eine kleine Rente. Von allem Geld, das er mal hatte, ist nichts mehr übrig. Das Buch ist ein Stück Zeitgeschichte, eine Mentalitätsgeschichte der alten BRD, wie Matlé sagt. Es schildert Show-Formate, die heute so nicht mehr denkbar wären. Wie das »Frauenboxen oben ohne«. Von der Zeitschrift Emma in den Siebzigern gnadenlos verrissen, vom Stern zur gleichen Zeit hochgelobt.

Bock wird selber zu den Lesungen nach Alsfeld und Friedberg kommen, erzählen, Fragen beantworten. Keine leichte Situation. Bock scheint im Zwiespalt zu sein. Als Jugendlicher war es ihm peinlich, auf dem Siegertreppchen zu stehen - wie bei den Bundesjugendspielen in der Schule. Er wollte nie vor der Klasse reden. Doch suchte er mit allem, was er als Erwachsener machte, die Bühne, stand im Mittelpunkt.

»Er wollte den Applaus, die große Menge und hat mit seiner Art überzeugt«, meint Matlé. Alles manchmal nahe am Größenwahn. Statt die »Frauenboxen-Show« erst einmal auszuprobieren, hat er gleich 200 Hallen gebucht, die er alle bezahlen musste und irgendwann nicht konnte. »Er hatte immer verrückte Ideen. Es ging ihm wohl nie ums Geld, sondern um Bestätigung«, sagt Matlé. Bock bekam Bestätigung: Von vielen Frauen, von Filmstars wie Gerard Depardieu und durch den Sport.

Doch er hat fast alles verloren. Heute lebt er alleine in einer Zweizimmerwohnung, muss sich mit einem Rollator fortbewegen. Seinen Optimismus hat er nicht verloren. »Immer wieder spricht er davon, was er alles machen wird - irgendwann einmal«, meint Matlé. Ob aus Bocks Einfällen tatsächlich etwas wird, bleibt dahingestellt.

Doch Bock sparte bei seinen Gesprächen nicht mit Selbstkritik: Er sei schuld an der Alkoholsucht und dem Tod seiner ersten Ehefrau. Habe nie treu sein können. »Ich war kein guter Vater, hatte nie Zeit, aber Schläge gab es für meine Kinder nie.«



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