04. April 2014, 14:08 Uhr

Viel Geduld mit traumatisierten Hunden

Ulrichstein-Helpershain (jol). Das Leben mit ihren Hunden, den Katzen, dem Huhn hat für Brigitte Jonescheit eine besondere Bedeutung: Sie pflegt misshandelte Hunde, bis sie wieder in einer Familie leben können.
04. April 2014, 14:08 Uhr
Brigitte Jonescheit mit ihrem Rudel – sie sucht ein Heim für Chipsie, die schwarz-weiße Hündin vorne rechts. (Foto: jol)

»Kommen Sie rein, aber die Hunde nicht direkt ansehen und setzen Sie sich einfach.« Mit klaren Anweisungen begrüßt Brigitte Jonescheit den Besucher. Sie öffnet das Tor zum Garten, in dem sie gerade noch mit ihren sieben kläffenden Vierbeinern am Kaffeetisch saß und siehe da, nach wenigen Minuten haben sich die neugierig schnuppernden Vierbeiner abgeregt und strolchen wieder über die große Wiese. Die resolut wirkende Frau betreibt in Helpershain eine Pflegestation für traumatisierte Tiere und sucht nun ein Zuhause für »Chipsie«. Die eineinhalbjährige schwarz-weiße Mix-Hündin hat sich nach einem Jahr bei Brigitte Jonescheit so weit an Menschen gewöhnt, dass sie nun in erfahrene Halter-Hände übergehen kann.

Als sechs Monate altes Jungtier hat Chipsie wie besessen in die Käfiggitter gebissen und gebellt, was das Zeug hielt, sobald sich Menschen näherten. »Sie hat schon im Mutterleib die Stresshormone abgekriegt, wenn ihre Mutter Angst vor Menschen hatte«, das musste ihr dann mit viel Geduld abtrainiert werden. Ihre Mutter war ein Straßenhund in einem osteuropäischen Land, wie die meisten Hunde Jonescheits. Viele Menschen bemühten sich darum, vernachlässigten Tieren aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn ein neues Heim zu bieten. Aber die schwierigen Tiere unter ihnen brauchen erst mal eine sehr erfahrene Hand, bis sie in eine »normale« Familie können.

Hunde brauchen Regeln

So geriet Chipsie in Panik, wenn sich Menschen näherten, weil sie diese nur als Gefahr kannte. Jonescheit brachte die Hündin deshalb zunächst in einen Raum ihres Hauses am Vogelsbergweg, stellte Futter und Wasser hin und ließ die Tür offen. Nach einer Weile sprang der kleine Neuankömmling über die Abgrenzung und gesellte sich zu den sechs anderen Hunden. »Sie hat kein Problem mit Hunden und lernte über das Rudel, dass Menschen keine Gefahr darstellen.« Es dauerte noch vier Monate, bis das intelligente Tier es zuließ, dass Jonescheit sie anfasste.

Geduld und Konsequenz im Umgang mit Hunden sind Kennzeichen einer erfolgreichen Pflegestelle, ist Brigitte Jonescheit überzeugt. Hunde brauchen Regelmäßigkeit und klare Regeln. Mitleid »muss man ausblenden«, wenn man mit traumatisierten Tieren arbeitet. Sie musste sich erst den Respekt der Hündin erarbeiten, bevor sie näher herankam. »Ich darf nicht von dem Hund erwarten, ich tu dir was gutes, also bist du dankbar. « Mit viel Geduld müssen sich Hunde und Menschen aneinander gewöhnen. Das gelte eigentlich für alle Hunde, besonders aber für traumatisierte Tiere.

Quälen aus Lust

Seit 40 Jahren ist die Frührentnerin im Tierschutz aktiv. Vor acht Jahren hat sie angefangen, sich um traumatisierte Hunde zu kümmern. Damals kam Bax zu ihr, ein großer Rüde, der sexuell missbraucht wurde. So musste sie Heißwachs aus seinen Ohren holen und er war mit einer Taschenlampe penetriert worden.

Das Quälen von Hunden, Katzen, Schweinen und anderen Tieren, um die eigene Lust zu befriedigen, ist laut Jonescheit nicht selten. Sie schätzt auf Grundlage von Steuer- und Strafverfahren, dass allein in Hessen jährlich ein Umsatz von einer Million Euro mit Filmen und Bildern gemacht wird, die sexuell missbrauchte Tiere zeigen. Diese Tiere müssen danach mühselig an angstfreien Umgang mit Menschen gewöhnt werden.

In den letzten Jahren seien hunderte Straßenhunde aus Südosteuropa nach Deutschland gebracht worden, was angesichts der haarsträubenden Verhältnisse dort durchaus verständlich sei. Darunter sind aber eine ganze Reihe auffälliger Tiere, so hat Jonescheit einen Berg an Anfragen, aber sie kann nicht mehr Hunde aufnehmen.

Sie begrüßt es, dass ab Herbst strengere Regeln für Pflegestellen gelten, dann werde ein Sachkundenachweis gefordert. Das schaffe klare Verhältnisse und zudem werde der Tierhandel mit Hunden aus Südosteuropa durch neue Vorschriften eingedämmt. Ein Problem der Import-Tiere: Einige sind krank, Staupe, Parvovirose und sogar Tollwut können so eingeschleppt werden. Das gefährde sogar das Wild in den Wäldern. Mit dem Kreis-Veterinäramt kommt sie sehr gut klar – auch bei unangemeldeten Besuchen.

Brigitte Jonescheit hat zwei Wünsche: Die Leute sollen sich nur Hunde anschaffen, wenn sie mit ihnen umgehen können, am besten mit Hilfe einer Hundeschule. Und sie wünscht sich, dass ein Mensch mit Hundeerfahrung ihre Chipsie aufnimmt. Kontakt: Tel. 06645-9189231.



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