31. August 2021, 21:45 Uhr

Über Probleme muss man reden

Jetzt beginnt wieder der Schulalltag. Kinder und Jugendliche treffen Freunde, können sich austauschen. Aber in der Corona-Krise gab es auch belastende Momente, die noch nachhängen können. Und das Öffnen der Schulen ist eine fragile Angelegenheit, begründet Ängste, wieder durch Homeschooling von seinesgleichen abge- schnitten zu werden. Wie Schüler damit umgehen sollten, und wie sie Hilfen bekommen können, zeigt sich am Beispiel des Alsfelder Gymnasiums.
31. August 2021, 21:45 Uhr
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Aus der Redaktion
Durch die Corona-Krise begründete Ängste können das Lernvermögen beeinträchtigen. FOTO: DPA

Das ARD-»Mittagsmagazin« berichtete: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die wegen Essstörungen behandelt werden, stieg seit 2020 um rund 60 Prozent. Das zeigen Berechnungen der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH), die sich auf Versichertendaten aus dem ersten Halbjahr 2020 stützen. Auch andere psychische Erkrankungen wie Depressionen und Burn-out haben um 30 Prozent zugenommen. Was also macht Corona mit Kindern und Jugendlichen? In Gesprächen mit der Diplom-Pädagogin Bianca Friedrich und der Schulseelsorgerin der Alsfelder Albert-Schweitzer-Schule, Katja Dörge, zeigt sich, dass Kinder und Jugendliche auch im Vogelsbergkreis tatsächlich unter Corona leiden, und sie zeigen Wege auf, was man als Betroffener oder Außenstehender tun kann.

»Es ergibt sich ein Gesamtbild von Belastungsstörungen und depressiven Auffälligkeiten«, so erläutert Diplom-Pädagogin Bianca Friedrich. Man könne nicht pauschal sagen, dass sich alle Schüler einsam fühlten oder niedergeschlagen seien. Aber es falle deutlich auf, dass sich mehr Menschen einsam oder depressiv fühlten als vor Corona. »Und das aber in dem gesamten Spektrum. Wobei es nicht nur ein Symptom oder eine Auffälligkeit gibt, die dann für alle Jugendlichen gilt«, führt Pädagogin Bianca Friedrich aus. Viel hänge vom sozialen Umfeld der Personen ab. »Wenn es zu Hause ganz viel Unterstützung gibt, und es möglich ist, dass intensiver Austausch nach außen stattfindet, sind viele Jugendliche ganz gut durch diese Zeit gekommen«, ist ihre Erfahrung.

Anders sehe das bei denjenigen Schülern aus, die nicht in einem solchen familiären und sozialen Netz aufgefangen seien, oder die schon vorher psychische Schwierigkeiten gehabt hätten. Dort zeigten sich Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit, Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, häufig gepaart mit Sorgen um die Zukunft, beispielsweise wenn es zu Hause Geldsorgen gebe.

Aber was kann man tun, um zu erkennen, ob jemand Hilfe braucht? »Jugendliche sollten auf jeden Fall ernst genommen werden, wenn sie um Hilfe bitten«, so lautet ein grundsätzlicher Rat der Pädagogin. Häufig sei gerade das nämlich nicht der Fall. Sie rät Jugendlichen auch dazu, es genauso zu formulieren: »Ich brauche Hilfe. Mir geht es nicht gut.« Oftmals könne man aber auch an verschiedenen Anzeichen erkennen, dass ein Mensch unter einer Situation leidet: Wenn sich jemand verändert, also vielleicht schweigsamer wird, obwohl er immer sehr lebhaft war, oder auch umgekehrt, dann kann das ein Zeichen sein. Andere Symptome sind Antriebslosigkeit, Traurigkeit, viele Sorgen.

»Dann macht es viel Sinn, genauer hinzuschauen«, empfiehlt Bianca Friedrich. Wichtig sei, dass, wenn man an sich bemerkt, dass man zu Traurigkeit neigt, Kontakt sucht und in Kontakt zu anderen bleibt. »Vielleicht können auch Erwachsene für Kinder oder Jugendliche einen Kontakt zu Gleichaltrigen herstellen, um für neue Erlebnisse und Möglichkeiten zu sorgen und die Freizeit gemeinsam zu gestalten.«

Am Alsfelder Gymnasium selbst bietet die Schulseelsorge eine Anlaufstelle. Dort gibt es ausgewählte Lehrer, die einem zuhören und Tipps geben, wie man das Problem lösen kann.

Seelsorger haben Schweigepflicht

Doch wie genau läuft es da eigentlich ab? Katja Dörge, Schulpfarrerin, Religionslehrerin und Teil des Seelsorger-Teams der Albert-Schweitzer-Schule, rät dazu: »Wenn man bei der Schulseelsorge einen Termin machen will, sollte man eine E-Mail an einen der Seelsorge-Beauftragten schreiben. Man kann allerdings auch zu den vorgegebenen Zeiten schauen, ob der Raum gerade frei ist«, informiert Dörge. Der Raum der Schulseelsorge ist klein und gemütlich, mit vielen Stühlen, Sesseln und einem Sofa ausgestattet. Dort kann man sich einfach von der Seele reden, was rausmuss. Alle Seelsorger haben eine Schweigepflicht, das heißt, sie dürfen niemandem weitererzählen, was in diesem Raum geredet wird. Mit anderen Worten: Was in diesem kleinen Raum passiert, bleibt in dem Raum.

»Es gibt nichts, was ich noch nicht gehört habe«, berichtet Katja Dörge. Wenn man sich denke, ›die eigenen Probleme seien doch verrückt‹ oder man rede sich das doch nur ein‹ oder ›man ordne die Probleme als unwichtig ein, dann stimme das auf keinen Fall. »Jedes Problem ist wichtig und sollte besprochen werden, auch, wenn es nur ein kleines ist«, betont Dörge.



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