10. November 2021, 21:46 Uhr

Täter mitten aus der Gesellschaft

10. November 2021, 21:46 Uhr
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Von Jutta Schuett-Frank
Bei der Gedenkfeier an die Gewaltorgie gegen Juden in der Pogromnacht 1938 spielte der Posaunenchor auf, Konfirmanden lasen die Namen von jüdischen Nieder-Ohmenern vor, Ansprachen hielten Bürgermeister Sommer und Pfarrer Schellhaas. FOTO: SF

Der 9. November ist ein besonderer Tag in der Deutschen Geschichte. Zuerst wurde vor 103 Jahren die Republik ausgerufen, in 1938 brach eine Gewaltorgie über deutsche Juden aus und im Jahre 1989 sind die Grenzmauern gefallen. Daran erinnerte am Dienstag eine Gedenkveranstaltung mit einem Schwerpunkt auf die Gewaltnacht von 1938. Erstmals fand sie direkt auf dem alten jüdischen Friedhof statt.

Feierlich eröffnete der Evangelische Posaunenchor unter der Leitung von Helmut Langohr die Veranstaltung mit »Von guten Mächten wunderbar geborgen«. Die Andacht hielten Pfarrer Nils Schellhaas, Bürgermeister Andreas Sommer und Irmgard Gückel. Bei der Ausarbeitung hat sie Uwe Langohr unterstützt.

Stellvertretend für die sechs Millionen jüdischer Menschen, die im Holocaust starben, wurden sechs Kerzen entzündet. Es wurde gebetet für alle, die in der nationalsozialistischen Zeit wegen ihres Judentums starben. Ausdrücklich galt das Gebet denen, die man gekannt hat, denen, die man nicht kannte, den weiteren, für die es niemanden mehr gibt, der für sie beten könnte und alle, die Verantwortung für die Zukunft haben. Die Konfirmanden lasen alle Namen von Jüdinnen und Juden aus Nieder-Ohmen mit ihrer Adresse vor.

Eine zu kurze Jugend im 3. Reich

Schellhaas erinnerte besonders an Margot Friedländer, die als Überlebende der Verfolgung immer wieder mit Jugendlichen spricht. Sie wurde am 5. November 1921 in Berlin geboren. Ihre Familie starb im Konzentrationslager. Nach dem Krieg wanderte sie in die USA aus, 2010 kehrte sie nach Deutschland zurück. Kurz vor ihrem 100. Geburtstag hat sie nun in ihrer Heimatstadt noch einmal Orte besucht, die sie geprägt haben, wie Schellhaas berichtete. »Eine zu kurze Jugend. Was für eine Formulierung für die Tragödien in ihrem, wie sie es nennt, zweiten Leben«, so Schellhaas.

Margot Friedländer hat sich jahrelang vor den Nazis verstecken müssen, wurde dann doch ins KZ gebracht. Sie kam mit dem Leben davon - im Gegensatz zu ihrem Vater, zu ihrer Mutter, zu ihrem vier Jahre jüngeren Bruder. Nach dem Krieg zog sie mit ihrem Mann nach Amerika, ihr drittes Leben begann. Sie informierte über ihre Geschichte in Schulen und überall, war aber niemals verbittert.

Schellhaas erinnerte daran, dass dieser Tage der Sohn von Ilse Roth erstmals die Mücker Heimat seiner Mutter besucht hat. Howard und Beth Shefflan aus New York waren auf Spurensuche ihrer Familiengeschichte.

Bürgermeister Sommer erinnerte daran, dass am 9. November 1938 in Deutschland und Österreich über 800 Menschen jüdischen Glaubens getötet wurden. Die Deutschen gingen nicht gegen Unbekannte vor - der Hass entlud sich gegen Menschen, die gut miteinander bekannt waren, Nachbarn, Freunde, Vereinsmitglieder oder Arbeitskollegen. Der Antisemitismus ist nicht am 9. November 1938 entstanden, bereits im 11. Jahrhundert gab es im damaligen Heiligen Römischen Reich deutscher Nation Verordnungen gegen die Juden.

Im 18. Jahrhundert beschrieb Alexander von Humboldt die unhaltbaren Zustände in der Judengasse in Frankfurt, die menschenunwürdig waren. »Daher sind die Abende wie hier in Nieder-Ohmen so wichtig. Von diesen Veranstaltungen geht eine öffentliche Botschaft aus, die uns alle immer wieder daran erinnert, dass großes Unrecht geschehen ist«, betonte Sommer.

Pfarrer Schellhaas sprach von dem pulsierenden Leben mit den jüdischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen in Nieder-Ohmen. In der Zeit der Nationalsozialisten gab es nur einen kleinen und leisen Widerstand. Erschreckend war, dass die Täter mitten aus der Gesellschaft kamen. Gemeinsam mit Irmgard Gückel wurde ein Gebet gesprochen.

Ortsvorsteher Jörg Matthias und Bürgermeister Andreas Sommer legten den Kranz des Erinnerns nieder. Mit einem wundervoll getragenen Musikstück wurde die Andacht vom Evangelischen Posaunenchor beendet. Besonderer Dank ging an die Feuerwehr für die Beleuchtung und den Evangelischen Posaunenchor für die musikalische Begleitung bei der gemeinsamen Veranstaltung der evangelischen und katholischen Gemeinden sowie der Kommune.



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