01. Januar 2021, 17:34 Uhr

Sitzplätze für einen Reichsthaler

Der Glaube an etwas Überirdisches hat das Leben der Menschen zu allen Zeiten beeinflusst. Gewandelt haben sich dabei Sitten und Gebräuche. So gab es im jetzt 1250 Jahre alten Nieder-Gemünden einst ein Kirchenzuchtstrafregister, Sitzplätze in der Kirche wurden verkauft, und aktuell ist das Gotteshaus immer wieder Ort für kulturelle Veranstaltungen.
01. Januar 2021, 17:34 Uhr
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Aus der Redaktion
Luftbild der evangelischen Kirche. FOTO: PM

Die Flusstäler von Ohm und Felda waren schon in vorchristlicher Zeit stark besiedelt. Aufgrund von überlieferten Funde ist anzunehmen, dass auch die Zahl der Verehrungsstätten und heiligen Haine sehr groß war. Diese vorchristlichen Kultstätten waren um die Amöneburg zu finden und dehnten sich in die Seitentäler des Beckens aus. Dort begann sehr frühzeitig, bedingt durch den Verkehr über den Limes und nach dessen Zerstörung, das Vordringen des Christentums. Wenn man sich der Aufgabe stellt, die Geschichte der evangelischen Kirche näher zu bringen, so geschieht das am besten auf Grundlage der mit Enthusiasmus und Kleinarbeit zusammengestellten Unterlagen und Quellen von Karl Erb. Auch der Schreiber der »Dorfchronik« von 1857, Pfarrer August Friedrich Lotz, ist zu erwähnen.

Pfarrer seit 1227

Aus der Umgebung sind folgende Daten bekannt: Ehringshausen wird 1313 Pfarrei; 1577 werden als Filialen Rülfenrod und Oberndorf genannt. Nieder-Gemünden erhielt 1227 einen Pfarrer, 1366 war der Graf von Ziegenhain Patron. 1577 werden als Filialen Otterbach, Hainbach, Ermenrod und Elpenrod genannt. Während 1467 Rülfenrod zu Ehringshausen kam, wurde schließlich Ermenrod 1789 eigene Pfarrei.

Weil 1531 schon ein evangelischer Pfarrer in Nieder-Gemünden tätig war, ist davon auszugehen, dass die Reformation von Marburg ausgehend auch in den Dörfern an Ohm und Felda Fuß gefasst hatte.

Nach Abschluss der Reformation musste der Staat das Erreichte schützen und tat dies durch den Erlass von Kirchenordnungen, diese waren gleichzeitig Staatsordnungen. Im Jahr 1574 wurde von den vier Söhnen des verstorbenen Landgrafen Philipp von Marburg die »Hessische Kirchordnung« erlassen, diese Ordnung findet sich in jedem Pfarrarchiv und war bis ins 18. Jahrhundert gültig. So gab es in Nieder-Gemünden sogar ein Kirchenzuchtstrafregister.

Bis 1602 gehörte Nieder-Gemünden zur Superintentur Alsfeld; und 1634 zum Konvent Grünberg; als Filialort versorgte Nieder-Gemünden auch den Ort Burg-Gemünden. Die heutige Kirche war 1756 vollendet. Eingeweiht wurde sie am 30. Oktober 1756, die Feier fand im heutigen Schüsslerschen Anwesen, dem ehemaligen Gasthaus Bünding, statt. Das Ratswirtshaus wurde erst in 1811 (heutige Gaststätte Holzwurm) errichtet.

Mit dem Neubau wurde auch die Neuregelung in Bezug auf die Kirchenstühle getroffen. Heute betritt man die Kirche und setzt sich an einen freien Platz. Dies war nicht immer so. Dazu erläutert die Chronik von Pfarrer Rupp (Pfarrer von 1737 bis 1771), dem Erbauer der Kirche und vor dem Altar begraben: »Mit den Kirchenstühlen wird’s also so gehalten, dass sie alle frei sind, die Kirchenstühle sollen unentgeltlich unter den Nieder-Gemündener verlost werden, wenn bemeldete Einwohner für ihre Familien noch eines anderen Standes benötigt wird, so ist er für ein Reichsthaler käuflich zu überlassen. Der Erlös ist zum Besten der Kirche«. Später gab es noch Verfügungen, dass die »Mannstände« die Hauptbühne gegenüber der Kanzel waren, die Weibsstände waren die »Bänke« unten. Auch für die Filialisten gab es gesonderte Plätze.

Umstellung von Koks- auf Ölheizung

1972 erfolgte die Umstellung der alten Koksheizung auf Ölheizung (erneuert 1986 und 1992), ein Heizungskeller musste angelegt werden. 1974 waren größere Ausbesserungsarbeiten am Turm notwendig, da bei starkem Regen die Kirchendecke nass wurde, Ziegelsteine fielen bisweilen vom Dach. Auch das wurde in Ordnung gebracht und 80 Quadratmeter Turmfläche neu geschiefert, die aus dem Jahr 1901 stammende Turmuhr wurde 1980 ersetzt, 1982 Dachrinnen erneuert und elektrische Leitungen verlegt.

Der Taufstein wurde 1982 gekauft, seit 1990 steht eine Herz-Jesu-Figur auf einem Sandsteinpodest, diese war auf einer Wiese nahe der Autobahn gefunden worden. Die umfangreichsten Renovierungen der Kirche innen und außen fand von Meistern der Gewerke und unter großer Mithilfe tatkräftiger Bürger 1997 statt. Sämtliche Arbeiten wurden ehrenamtlich geleistet. Dabei hat die Kirche außen und innen eine neue Farbgebung erhalten.

Die Heinemann-Orgel war am 14. Februar 1760 vollendet. Die letzte Orgelrenovierung war 2000. Durch einen glücklichen Zufall konnten die Originalorgelpfeifen wieder eingesetzt werden. Die ursprünglichen Pfeifen wurden im 2. Weltkrieg eingeschmolzen. Da eine baugleiche Heinemann-Orgel ausgemustert wurde, sind die Pfeifen übernommen und restauriert worden. Seither ist der Klang noch besser.

Gleich mehrere evangelische Generationen begleitete Ludwig Fischer.. Sein Nachfolger war Ronald Lommel. Auch Thomas Schill war hier als Pfarrer tätig. Er und seine Ehefrau Ursula Kadelka leisten wertvolle seelsorgerische Dienste. Sie ist seit Juni 1994 als Pfarrerin im Amt. Unter ihr ist die Nieder-Gemündener evangelische Kirchengemeinde (ca. 480 Christen) seit 2017 ein Teil der Evangelischen Katharinengemeinde Gemünden mit den Orten Burg-Gemünden, Bleidenrod, Hainbach, Otterbach und Elpenrod geworden. Die Kirche selbst hat sich zu einem hervorragenden interkulturellen Treffpunkt, zu einem 350 Sitzplätze umfassenden Konzert- und Veranstaltungsort, der weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt ist, entwickelt; dies auch mit rühriger Begleitung der Flüchtlingsinitiative Gemünden.

Von Otterbach kam der Totenweg

Bereits am 1. April 1919 richtete das evangelische Dekanat in Nieder-Gemünden eine Schwesternstation ein. Um der Station die Unsicherheit zu nehmen, wurde dazu unter Pfarrer Wörißhofer ein Frauenverein gegründet, der als Hauptaufgabe hatte: »für die Zukunft eine ordentliche Gemeindekrankenpflege zu schaffen«. Mehrere Krankenschwestern versahen in Nieder-Gemünden Dienst am Nächsten, die letzte diensttuende Krankenschwester war Schwester Anneliese, sie bezog eine Wohnung im Pfarrhaus, 1969 verabschiedete sie sich. Noch heute erinnern sich Nieder-Gemündener an ihren gesundheitlichen Beistand und ihre Fahrzeuge, sie erreichte ihre Patienten zu Hause zunächst mit dem Fahrrad, später mit dem Moped und schließlich mit einer Isetta. Seit 1995 gibt es die Diakoniestation Ohm-Felda, sie ist ein kirchlicher Zweckverband mit dazugehörigem Förderverein.

Für die Erhaltung des Friedhofes war die Kirchengemeinde zuständig, dies änderte sich 1910; seit dieser Zeit ist es die bürgerliche Gemeinde.

Weil jedoch die Mauer um diesen Platz an der evangelischen Kirche zu verfallen drohte und zu klein war, wurde am 2. Mai 1831 der jetzige Friedhof an der Homberger Straße eingeweiht. Damit Angehörige (mindestens bis 1863) ihrer Toten gedenken konnten, wurde auf dem Anwesen Geisel/Redde für den alten Friedhof eine Sandsteintreppe errichtet.

Weil Otterbach eine Kirchengemeinde mit Nieder-Gemünden bildete, bestatteten auch die Otterbächer bis 1827 ihre Toten in Nieder-Gemünden. Der Weg, auf dem die Toten nach Nieder-Gemünden getragen wurden, heißt noch heute der Totenweg.

Mit vielen Stunden an Arbeitsleistungen der Bürger wurde in den Jahren 1986/1987 eine Leichenhalle auf dem Friedhof errichtet.



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