15. März 2021, 21:30 Uhr

Schöppchen gegen Corona-Blues

Gaststätten zu, Festivals abgesagt und Familienfeiern nur im kleinsten Rahmen - die Corona-Regeln treffen alle Formen von Geselligkeit. Dazu gehört für viele Menschen ein Glas Bier. Entsprechend hart getroffen hat es die Vogelsberger Landbrauereien, die in Kurzarbeit gegangen sind. Nun hofft Brauereichefin Ruth Herget-Klesper auf baldige Wiedereröffnung. Große Freude macht dagegen eine neue Biersorte.
15. März 2021, 21:30 Uhr
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Von Joachim Legatis
Trotz der momentan schwierigen Zeiten für Bierbrauer: Ruth Herget-Klesper freut sich, dass das neue Vogelsberger Schöppche gut ankommt. FOTO: JOL

Einer relativ kleinen Regionalbrauerei machen die Corona-Auflagen stark zu schaffen. Beim Fassbier, mit dem vorwiegend in Gaststätten und bei Großveranstaltungen angestochen wird, verbucht man laut Herget-Klesper ein Minus von 56 Prozent für das Vorjahr. Inzwischen sind es fünf Monate im zweiten Lockdown.

Die Vogelsberger Landbrauereien mussten die Beschäftigten in Kurzarbeit schicken. Bier hat eine Mindesthaltbarkeit von fünf Monaten, die Produktion vom Oktober muss weggekippt werden. Hinzu kommt, dass bereits seit Jahren der Bierkonsum der Bürger rückläufig ist.

Doch es gibt auch Positives zu vermelden. Denn mit ihrem neuesten Bier, dem »Vogelsberg Schöppchen«, surft die Brauerei auf einer Erfolgswelle. Die ersten beiden Abfüllungen sind bereits vielerorts ausverkauft, den Nachschub hat der Braumeister aufgesetzt. Solche guten Nachrichten kann die Brauerei gut gebrauchen. Die Corona-Einschränkungen treffen die Branche hart. Wie hart, kann Ruth Herget-Klesper nur grob umreißen. Da sind die 56 Prozent Minus im vergangenen Jahr beim Fassbier. Gaststätten und Restaurants waren im Jahresverlauf monatelang geschlossen. Dazu kommt das nicht unerhebliche Veranstaltungsgeschäft, Konzerte, Stadtfeste und Kirmesfeiern wurden abgesagt. Der Hopfensaft ist mehr als nur ein Getränk, so Herget-Klesper. »Bier ist Heimat, man wächst damit auf.« Wenn Menschen aus der Region wegziehen und zu Besuch kommen, nehmen sie gerne ein regionale Wurst und einen Kasten des vertrauten Gerstensafts mit. Bier ist auch Teil der Geselligkeit, entsprechend wichtig sind Volksfeste für eine Regionalbrauerei.

Oktober-Produktion weggekippt

Was geblieben ist, sind die Lieferungen an Getränkehändler und Lebensmittelketten. Bei vielen Getränkehändlern herrscht ebenfalls der Blues, weil sie oft Zelte verleihen und Gaststätten sowie Feste beliefern. Auch bei Familienfeiern wie Polterabenden gab es starke Einbußen, Sportvereine als Kunden sind ausgefallen. Die dabei weggefallenen Flaschenbierumsätze führten dazu, dass der Absatz von Flaschenbier im Vorjahr im Vergleich zu 2019 in etwa gleich geblieben ist, obwohl der Absatz über den Lebensmittelhandel und in Getränkemärkten wegen Corona im Plus lag.

Grundsätzlich hat es eine Regionalbrauerei schwer, sich im Lebensmittelhandel zu behaupten. Dieser wird von Ketten beherrscht und von »Schnäppchenkultur« bestimmt. Üblicherweise werden bekannte »Fernsehbiere« für knapp 15 Euro pro Kasten verkauft, die Regionalbiere liegen bei ca. 13,75 Euro. Viele Jahre wurde an Aktionstagen die Kiste Bier einen Euro günstiger angeboten. Inzwischen sieht sich die Lauterbacher Brauerei gezwungen, einen Aktionsrabatt von zwei Euro zu gewähren, weil Lebensmittelketten mit Kistenpreisen von zehn Euro für die bekannten Marken werben. Damit will man die Kunden in die Läden locken, mache aber das Preisgefüge kaputt.

Dabei bleiben auch im Lockdown viele Kosten erhalten. So sind alle Mitarbeiter auf Kurzarbeit, weil beim Brauen und Ausliefern weniger Arbeit anfällt. Auch die Verwaltung schreibt weniger Rechnungen. Man sei dankbar für das Mittel der Kurzarbeit für die rund 45 Beschäftigten. Aber die Abfüllanlage muss am Laufen gehalten werden, auch wenn weniger Bier gefüllt wird. Froh ist Herget-Klesper, dass die Liegenschaft der Brauereigruppe gehört. »Wir sind nicht von Banken abhängig und haben den Rücken frei.«

Für die Zukunft ist die Biersommelière zuversichtlich, auch wenn die Rahmenbedingungen nicht ideal sind. Der Bierkonsum geht seit Jahren zurück. Mitte der 1990er Jahre lag er bei 140 Litern pro Einwohner und Jahr, 2010 nur noch bei 102 Litern jährlich. Im Vorjahr, sicher auch coronabedingt, flossen nur noch durchschnittlich 87 Liter durch die Kehlen. Dem setzen die Vogelsberger neue Produkte entgegen. Das Schöppchen als Helles im bayerischen Stil ist ein Beispiel, der »Pilgerstoff« ein anderes. Das ist ein mildes Vollbier mit Karamellgeschmack. Im Grunde kehrt man zurück zu den 1960er Jahren, so Herget-Klesper. »Früher trank man in Hessen nur Export, erst ab den 1970er Jahren kam Pils auf.« Nun geht der Trend wieder zurück zu milderen Bieren. Der Name »Vogelsberger Schöppchen« verweist auf einen anderen Trend. Die Brauer setzen bewusst auf Regionalität. Da ist er wieder, der Heimataspekt des kühlen Blonden.



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