11. Oktober 2021, 21:30 Uhr

Schluss mit der Zettelwirtschaft

Digitalisierung war eines der wichtigsten Themen im Wahlkampf. Und an der Ohmtalschule in Homberg wird sie nun greifbar: Alle Schüler ab der Jahrgangsstufe sieben arbeiten dort ab sofort mit iPads. Der Haken: die Kosten müssen die Eltern tragen. Dabei sieht der Schulleiter Bund und Land in der Pflicht - nicht nur bei der Finanzierung der Geräte.
11. Oktober 2021, 21:30 Uhr
LKL
An der Homberger Ohmtalschule arbeiten alle Schüler ab der siebten Klasse im Unterricht mit iPads. SYMBOLFOTO: DPA

Nach der Bundestagswahl sollen sich die Schüler im Internet über mögliche Koalitionen informieren? Dafür müssen Lehrer im Vorfeld in der Regel einen Computerraum buchen - sofern einer frei ist. Dann folgt der Umzug der Klasse mit Sack und Pack in den mit Technik ausgestatteten Raum und bis alle online sind, ist die Hälfte der Zeit vorüber. Aber nicht an der Ohmtalschule in Homberg: Dort ist digitaler Unterricht ab diesem Schuljahr kein Hexenwerk mehr, sondern Alltag.

Während andernorts noch Testphasen mit sogenannten Tablet- oder iPad-Klassen laufen, hat sich die Ohmtalschule drei Jahre nachdem die erste Klasse mit dem digitalen Unterricht gestartet ist, entschieden, dass alle Klassen ab dem siebten Schuljahr mit den Apple-Geräten arbeiten sollen. Man habe den Eindruck, so Schulleiter Carsten Röhrscheid, dass die Technik sonst oftmals eher in lernstärkeren Gruppen zum Einsatz komme.

Zudem soll durch den einheitlichen Einsatz der Geräte dafür gesorgt werden, dass der Wechsel zwischen den Schulzweigen möglichst unkompliziert ist. »Wir wollen die iPads in der Breite einsetzen und Durchlässigkeit ermöglichen.«

Damit die Schüler die Physikstunde nicht mit TikTok-Videos und Online-Spielen verbringen, kann der Lehrer nachschauen, wer welche Apps benutzt. Aber verbringen Kinder und Jugendliche heute nicht ohnehin genug Zeit vor Bildschirmen? Ja, in vielen Fällen schon, meint Röhrscheid. Aber da sei es sinnvoller, den privaten Gebrauch einzuschränken. »Außerdem sind die Bildschirmzeiten bei Weitem nicht so hoch wie befürchtet.« Ute Tondar und Marco Kunz, die sich um die Einrichtung der Geräte kümmern, gleichzeitig als Fachllehrer Praxiserfahrung haben, bestätigen das: Bei Auswertungen ist man laut Kunz auf einen Durchschnittswert von eineinhalb bis zwei Stunden pro Vormittag gekommen. Röhrscheid: »Das iPad ist ein zentrales Arbeitsmittel, aber es ersetzt nicht alles andere.«

Was es ersetzen soll, ist vor allem die Zettelwirtschaft. Stattdessen ist digitale Heftführung angesagt. Das heißt allerdings nicht, dass die Schüler nicht mit Stift und Papier arbeiten dürfen, wenn sie das denn wollen - denn auch Handschriftliches lässt sich ja digitalisieren und einfügen. Wer in Spanisch noch einmal Grammatik-Regeln wiederholen muss, die zwei Jahre zuvor auf dem Lehrplan standen, muss dann jedenfalls nicht nach alten Heften kramen.

Zudem lassen sich verschiedene mediale Formate integrieren. So können die Kinder auf Erklärvideos zugreifen oder aber selbst welche drehen. Sie können englische Texte nicht nur lesen, sondern auch anhören. Und Hausaufgaben müssen nicht immer schriftlich abgegeben werden, das geht auch mal mündlich.

Mehr als ein Schulbuchersatz

Aber eignet sich das Tablet für alle Fächer? Prinzipiell schon, meinen die Lehrkräfte. Schließlich gebe es nützliche Apps. Kunz öffnet einen Graphen, um ein Programm für den Mathe-Unterricht zu zeigen, mit dem quadratische Funktionen anschaulich werden. »So können die Schüler wie kleine Forscher erproben, was passiert«, sagt er und tippt einen anderen Wert ein, woraufhin sich die Kurve verschiebt. »Die Tablets bieten einfach mehr Möglichkeiten, um selbstständig zu arbeiten.«

Da die Vogelsberger Schulen »Activeboards« statt Tafeln benutzen, können Schüler und Lehrer Inhalte mit der ganzen Klasse teilen: Dinge abschreiben oder Arbeitsblätter austeilen? Dass das nicht mehr nötig ist, spart Zeit, die nun an anderer Stelle benötigt wird.

Denn den Schülern soll auch Medienkompetenz vermittelt werden. Wie finde ich seriöse Quellen und welche Bilder darf ich verwenden? Bei der Unterrichtsvorbereitung lernen auch die Lehrkräfte Neues. Und stehen vor der Frage, wie sich die neue Technik im Unterricht möglichst sinnvoll einsetzen lässt. »Die Tablets sollen mehr sein als nur ein Tafel- und Schulbuchersatz«, sagt Röhrscheid.

Letzterer sind sie auch noch gar nicht, das Schleppen schwerer Bücher bleibt den Schülern nicht erspart. Viele der Verlage verkaufen noch keine reinen E-Book-Lizenzen. Ohnehin wünscht man sich an der Ohmtalschule jedoch auch weit mehr als eine reine Digitalisierung der Texte. Stattdessen müsse es darum gehen, multimediale und interaktive Elemente einzubauen, sagt Röhrscheid. »Bei den Schulbuchverlagen fehlt es noch an Ideen oder an Willen.«

Das zweite Manko betrifft die Finanzierung der Tablets und die Bereitstellung von Infrastruktur und Personal. So stehen nur einige Geräte für Schüler zur Verfügung, deren Familien es sich nicht leisten können. Der Rest wird von den Eltern bezahlt.

Die Stunden für Einrichtung und Wartung der Geräte stammen von einem Stundenkontigent, über das die Schulen frei verfügen können - und fehlen anderswo. Der Wunsch: IT-Fachpersonal, extra Stunden, um die Geräte einzurichten und im besten Fall ein Fach digitale Medien. »Dass Land und Bund viel über das Thema Digitalisierung reden und dann die Schulen und Landkreise damit alleinelassen, finde ich nicht in Ordnung«, so Röhrscheid.



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