11. Juni 2021, 21:49 Uhr

Prachtstück der Orgelbaukunst

11. Juni 2021, 21:49 Uhr
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Aus der Redaktion
Wegen ihrer Dimensionen ist die Hauptorgel der Dreifaltigkeitskirche mit ihren jetzt 27 Registern das größte und älteste Instrument der Stadt Alsfeld. FOTO: PM

Alsfeld (pm). Dekanatskantor Simon Wahgy macht auf die Orgel der Dreifaltigkeitskirche und ihre Geschichte aufmerksam. Alsfeld hat eine lange Geschichte im Orgelbau, hat aber durch den Einfluss von wirtschaftlichen Veränderungen und von Kriegen mit Ausnahme des alten Orgelprospektes der Walpurgiskirche, kein altes Werk mehr erhalten können. Die große Orgel der Dreifaltigkeitskirche steht seit 1964 in der ehemaligen Klosterkirche des Augustiner-Emeritenordens von Alsfeld, gegründet um 1400.

Spätestens nach der letzten historisch motivierten Renovierung der gotischen Hallenkirche in 1956 und der Aufstellung der neuen »kleinen« Chororgel 1963 war klar, dass dieser Raum eine außergewöhnliche und hervorragende Akustik vorzuweisen hat.

Wahrscheinlich führte diese Erkenntnis dazu, die neue große Orgel auf der Westseite im Langchor auf zwei Ebenen mit ihren beachtlichen Ausmaßen aufwendig in die Emporen der Westseite zu integrieren. Nach ersten Quellen um 1490 bildete diese Orgel den prächtigen Schlusspunkt eines über mehrere Jahrhunderte währenden Entwicklungsprozesses. Zuvor gab es bereits in Klosterzeiten eine kleinere Orgel mit 5 Registern auf einer Orgelempore im Südchor, die über das Dormitorium zu erreichen war.

An Zeitgeschmack angepannt

Wegen ihrer räumlichen Integration und der daraus gewachsenen Dimensionen ist die Hauptorgel mit ihren jetzt 27 Registern das größte und älteste Instrument der Stadt Alsfeld.

Nach vielen Jahren des Leerstandes und einer beachtlichen Zerstörung am Ende des Dreißigjährigen Krieges konnte dieser historische Raum gerettet werden. Pfarrer Johann Georg Happel und der Unterstützung durch Constantin (Stam) Volkmar aus Lauterbach ist es zu verdanken, dass die evangelische Dreifaltigkeitskirche im 17. Jahrhundert wieder aufgebaut und geweiht werden konnte. Die wechselvolle Geschichte der gotischen Hallenkirche findet sich auch in der Geschichte der Orgeln wieder.

Die älteste Erwähnung seit der Reformation stammt von 1662, in der die alte Renaissance-Orgel im Rahmen der Renovierung farblich neu gestaltet wurde. Das Instrument besaß wiederum fünf Register, wobei von einem vorreformatorischen Regal 4« die Rede ist, das bis 1696 im Museum lagernd in dieses Instrument eingebaut wurde.

1772 wird diese Orgel durch Ankauf der Sterzing- Orgel aus Lauterbach ersetzt. Die barocke Sterzing-Orgel besaß 17 Register, wurde 1727 in Eisenach erbaut und 1754 durch Jost Oestreich umgebaut. 1832 soll Wilhelm Bernhard aus Romrod dieses Instrument reparieren, 1852 baut er aber eine neue Orgel mit 18 Registern im spätbarocken Stil ein. Dieses Instrument wird von dem Orgeltechniker Thurn als vorzüglich und solide abgenommen. Bereits 1908 wird diese von der Firma Förster und Nicolaus technisch und mit der Erweiterung auf 21 Register dem damaligen Zeitgeschmack der Romantik angepasst.

Alle Instrumente fanden bis dahin auf unterschiedlich gestalteten Emporen ihre Aufstellung im Chorraum. Erst 1963, nach zwei Weltkriegen, in denen die Kirche zwischenzeitig als Lagerraum genutzt und entfremdet wurde, konnte die Kirche fertig renoviert werden.

Der renovierte Kirchenraum erhält zunächst eine neue Chororgel und 1964 die große Hauptorgel auf der Westseite vom gleichen Orgelbauer. Sie wurde vom namenhaften, aus Sachsen stammenden Orgelbauer Fritz Abend intoniert. Von der Urorgel im vorreformatorischen Kloster stellt die Hauptorgel nach 500 Jahren währender Geschichte die siebte Orgel der Klosterkirche dar.

Prächtiger Klang

Diese Orgel entstand in Zeiten der Orgelbewegung, die die Reformation der romantischen Klangvorstellungen zur barocken Klangpracht einleitete. Mit Orgelbaumeister Abend fand sich ein profunder Kenner der barocken Instrumente von Silbermann.

Dies bewahrte die Orgel vor den allzu extremen Vorgehensweisen der Orgelbewegung, konnte aber noch nicht das umsetzen, was die komplexe und fortgeschritte Materialkunst der Barockzeit ausmachte.

In einer späteren Restaurierung und Erweiterung durch Orgelbaumeister Dieter Noeske (*1936-2020†) von 1999 bis 2000 konnten viele Grundzüge dieser Klangvorstellung in die Realität umgesetzt werden. Der prächtige Orgelklang von der leisen Gambe bis hin zum Organo Pleno erklingt jetzt perfekt im Raum.



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