27. Oktober 2022, 21:36 Uhr

Platt für Anfänger und Profis

27. Oktober 2022, 21:36 Uhr
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Von Hannelore Diegel
Kutschersch Burkhard (rechts) und Martin Philippi boten den Gästen Lustiges und Ernstes - alles auf Platt. FOTO: EVA

»Wir laden ein zum Mundartabend mit Kutschers Burkhard ins DGH, der Eintritt ist frei, wir bitten um eine Spende für die Alsfelder Tafel«, so die Einladung der Landfrauen zu der Veranstaltung, die außer mit einem kleinen Hinweis in der Zeitung nur über Mundpropaganda bekannt gemacht worden war. Diese Vorankündigung zu dem Mundart-Event reichte vollkommen, um das DGH zu füllen, und bewies, dass der großen Gästeschar die regelmäßig in der Presse veröffentlichten Mundartkolumnen von Kutschersch Burkhard alias Journalist Burkhard Bräuning bestens bekannt sind.

Eigentlich, sagte Bräuning, sei er ja solo angekündigt gewesen. Aber dann habe er Martin Philippi, den er schon »ewich« kenne und der auch ein Mundart-Fan sei wie er, zufällig getroffen. Und Martin, der beim Grünberger Gallusmarkt kurz zuvor zum »Wurzelbürger« gekürt worden war, habe spontan angeboten, ihn bei dem Vortrag mit ein paar passenden Liedern zu unterstützen. Und nun würden sie tatsächlich »so eh Stegg sesomme mache«, obwohl sie nicht einmal geprobt hätten. Da könnten die Gäste gespannt sein, wie das funktionieren werde. Er hat zu Martin Philippi gesagt: »Wenn doas klappt, dann träere mir demnächst nur noch als Duo off.« Zuvor hatte die Vorsitzende des Landfrauenvereins Burg-Gemünden, Manuela Ruhl, die Gäste und die Interpreten herzlich willkommen geheißen. Mundart sei Tradition und Brauchtum und gebe Zusammenhalt, sagte sie und zitierte Harald Schmidt, der einmal gesagt habe: »Hochdeutsch geht von Hirn zu Hirn, aber Mundart geht von Herz zu Herz.« Rund 40 Jahre sei es her, sagte Burkhard Bräuning, dass er in Burg-Gemünden gewesen sei. Den Ort habe er dabei gar nicht so richtig kennengelernt, da sein Ziel die ehemalige Gaststätte und Diskothek Edenrock gewesen sei, zu der man am Dorfeingang gleich links abbiegen musste und die damals ein Treff für Jugendliche aus der ganzen Umgebung gewesen sei.

»Etz fang ich emol oh«, sagte Bräuning. Und erzählte, dass die Mundartkolumne aus der einstigen Zeitungsserie »Herrlich Hessisch« heraus entstanden sei. Er habe dann einen Einspalter in der Samstagsausgabe der Allgemeinen auf Platt gebracht. Und montags drauf sei sein E-Mail-Briefkasten gut gefüllt gewesen. Viele Leser waren begeistert.

Auf die Frage aus dem Publikum, wo er herkomme, sagte Bräuning: »Ei das hirt mer doch, doas eass Stockhäuser Platt«, antwortet Bräuning. Schon von Dorf zu Dorf könne sich der Dialekt unterscheiden, schon zwischen seinem Heimatort Stockhausen und Freienseen, wo seine Frau herkomme. Als Synonym für seine Kolumnen habe er, »de Bub vom Kutschersch Karl ean de Kutschersch Anna aus Stockhause«, dann »Kutschers Burkhard« gewählt. Da habe er gar nicht lange überlegt. Der Dorfname Kutscher stamme vom Großvater Heinrich Bräuning IV., der Kutscher im einstigen Erzbergwerk in Stockhausen war. »Platt für Anfänger« war schließlich die erste Kolumne. »Damit es auch diejenigen verstehen, die nicht Platt schwätze«, habe er ein Miniwörterbuch für Nichtmundartsprecher mit Wörtern, die häufig auftauchen, zusammengestellt.

Ei das hirt mer doch

Mit dem Übersetzen verschiedener Wörter stellte Kutschersch Burkhard die Gäste in Burg-Gemünden auf die Probe. So unter anderem mit Bloutwearscht (Blutwurst), dehehm erwen (Homeoffice), Fricht schneire (Getreideernte) oder, besonders putzig, Hetzerchen (kleine Ziegen) und Naujierche (Geschenk für Patenkinder zum neuen Jahr).

Von Martin Philippi auf der Gitarre begleitet, trug Burkhard Bräuning einen Text von Siegward Roth von der ehemaligen Mundartband Fäägmeel vor. Es habe in den letzten Jahrzehnten viele gegeben, die sehr verdienstvoll mit Mundart durch die Lande getingelt seien, doch mit Sicherheit habe es keinen besseren Liedtextschreiber in Mundart gegeben als Siegward Roth. »Es däets« (war doch ganz gut), so das Fazit der beiden Interpreten nach ihrem Debüt als Duo. Bräuning ließ Erinnerungen an frühere Begebenheiten, sei es zu Ostern, Weihnachten, zu Erntezeiten oder gar den traditionellen Schlachtfesten, wie sie früher auf den Dörfern nicht wegzudenken waren, wieder wach werden. Er erzählte von Erlebnissen mit seinen ersten aus selbst verdientem Geld angeschafften Levis-Jeans und passendem Hemd, mit denen er endlich in der Grünberger Schule auch punkten konnte. Erzählungen aus der Familie und jede Menge Mundartanekdoten aus seinen Kolumnen, alles war im Vortrag von Burkhard Bräuning vorhanden, mit dem er die Gäste aufs Köstlichste unterhielt. Darüber hinaus machte Kutschers Burkhard an Beispielen in Bezug auf Musik, Multimedia, Internet oder auch Gerätschaften, die es für alles und jedes gibt, deutlich, wie sich die Welt verändert hat, einem alles schnelllebig vorkommt. Den Abschluss widmete Bräuning seinem Vater mit Schilderungen aus dessen Leben, aus denen deutlich wurde, wie sehr sich die Konsumgesellschaft verändert hat.

Martin Philippi unterhielt die Gäste mit Mundartliedern. Die rund 100 Besucher waren höchst angetan von dem Abend und sie honorierten die zahlreichen Darbietungen mit kräftigem Applaus.



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