18. November 2022, 22:03 Uhr

Nicht auf Veganer eindreschen

18. November 2022, 22:03 Uhr
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Aus der Redaktion
Wohin geht der Trend in der Landwirtschaft? Das war jetzt auch Thema beim Tag der landwirtschaftlichen Ausbildung in Alsfelld. Hier Besucher einer Messe vor einem riesigen Mähdrescher. FOTO: DPA

Einen krisenfesten Job bietet die Landwirtschaft - dies betonte Andreas Sandhäger, Direktor des Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen anlässlich des Tags der landwirtschaftlichen Ausbildung in Alsfeld. Im feierlichen Rahmen wurden 167 Landwirtinnen und Landwirte, die die Abschlussprüfung im Ausbildungsberuf abgelegt haben, ins Berufsleben verabschiedet. Und der Beruf des Landwirts oder der Landwirtin ist systemrelevant - das habe nicht zuletzt die Pandemie gezeigt.

Betrieb Nagel aus Schlitz geehrt

»Die Gesellschaft braucht gut ausgebildete, gesellschaftlich engagierte Landwirte«, so Sandhäger. Geehrt wurden auch 30 Meisterinnen und Meister der Landwirtschaft aus den Prüfungsjahren 2020 sowie dem aktuellen Jahr 2022 und elf goldene Meisterinnen der Hauswirtschaft sowie 14 Meister der Landwirtschaft, die anlässlich ihres 50-jährigen Meisterjubiläums eine Urkunde erhalten hatten.

Karsten Schmal, Präsident des Hessischen. Bauernverbandes, ging auf die Diskussionen im Zuge der Klimadebatte ein und sagte, »dass die Landwirtschaft Teil der Lösung ist, nicht Teil des Problems.« Besonders die jüngere Generation müsse die Zeichen der Zeit nutzen und es trotz der unsicheren politischen Rahmenbedingungen schaffen, die Unterstützung und Wertschätzung der Bevölkerung zu gewinnen.

Annette Enders, Abteilungsleiterin aus dem Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, lobte die Berufswahl: »Ihr seid als Landwirte der Garant für unsere Zukunft und eine stabile Gesellschaft.« Geehrt wurden auch Ausbildungsbetriebe aus Babenhausen und Dipperz.

Ebenfalls wurden Christian und Bianca Nägel aus Schlitz geehrt. 15 Auszubildende haben sie in den vergangenen zwölf Jahren auf ihrem Rindermastbetrieb, der auch als Prüfungsbetrieb fungiert, auf die Arbeit in der Landwirtschaft vorbereitet. Beide sind zudem stellvertretende Mitglieder im Prüfungsausschuss. Zum Abschluss hielt der beste Absolvent der Meisterprüfung, Marvin Scheld, eine humorige Rede. Passend dazu erklärte Prof. Dr. Wilhelm Windisch, der den Lehrstuhl für Tierernährung an der Technischen Universität München leitet, dass man das »Feindbild Veganer« nicht verteufeln dürfe, sondern man müsse aufklären.

In manchen Teilen der Gesellschaft werde der Rückgang der tierhaltenden Betriebe begrüßt, denn so die Auffassung, dies sei dem Klimaschutz zuträglich. Windisch bot mit seinem Vortrag »Können wir uns Nutztiere in Zukunft noch leisten?« einen Blick auf die gegenwärtige Ernährungsdebatte. Vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung und einer immer knapper werdenden landwirtschaftlichen Nutzfläche veranschaulichte er anhand eines Fußballfeldes, wie gering der Anteil von Ackerland gegenüber Grünland sei. »Weltweit gesehen ist nur der Strafraum des Fußballfeldes ackerfähig. Die übrigen 70 Prozent des Spielfeldes sind absolutes Grünland.«

Gleichzeitig müsse berücksichtigt werden, dass ein Kilogramm pflanzliche Lebensmittel unvermeidlich mindestens vier Kilogramm nicht essbare Biomasse wie beispielsweise Stroh lieferten. Die in der Biomasse enthaltenen Nährstoffe müssten im Sinne einer Kreislaufwirtschaft wieder dem Boden zugeführt werden. »Über den Pfad einer veganen Fruchtfolge würden wie beim Komposthaufen im Garten Nährstoffe als Emissionen ungenutzt in die Luft entweichen.« Wesentlich effizienter sei es demnach, »wenn die Verdauung der Biomasse unter Luftabschluss in einer Biogasanlage oder einem Kuhmagen geschieht.« »Das Prinzip ist dasselbe, aber vom Biogas kann niemand etwa abbeißen. Bei der Nutztierhaltung habe ich als Mehrwert zusätzlich hochwertige Lebensmittel erzeugt«, so Windisch.

Den Ruf Kuh als Klimakiller entkräftete der Professor mit dem Verweis auf den jüngsten Weltklimabericht, danach verbleibe Methan - anders als CO2 - nur circa zehn Jahren in der Atmosphäre. Die landwirtschaftlich erzeugte Biomasse dürfe laut Windisch nicht für eine rein vegane Ernährungsweise aufgegeben werden. Wichtig für eine klimaangepasste Tierhaltung sei vielmehr, dass nur in den Trog gelangt, was für den Menschen als Nahrung ungeeignet sei.

Diese Veränderung der Nutztierfütterung auf nicht essbare Biomasse führe dann »zwangsläufig auch zu einer veränderten Ernährungsweise der Menschen.« Denn laut einer Agrarstudie drosselt eine solche Fütterungsumstellung die für den Menschen verwertbaren Lebensmittel tierischer Herkunft bei Rindfleisch und Milchprodukten um bis zu 40 Prozent, bei Schweinefleisch läge der Rückgang bei 70 Prozent und bei Eiern und Geflügelfleisch sogar bei über 95 Prozent.

Die Kombination von pflanzenbasierter Ernährung mit der Fütterung der für den Menschen nicht verwertbaren Nebenprodukten an Nutztiere erzeuge also das Maximum an Nahrung aus derselben Biomasse und sei somit klimafreundlicher - und biete Raum für alle Ernährungsweisen.

Unter den besten ist in diesem Jahr auch Marvin Scheld aus Kirtorf-Wahlen.



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