02. Dezember 2013, 17:18 Uhr

Von Socken und Sachsen

Mücke (ks). Eine Glosse schreiben ist »wie auf einer Glatze Locken drehen«. Auf dieser Glatze dreht der bekannte Literaturkritiker, Autor und Journalist Hellmuth Karasek auch im 80. Lebensjahr munter weiter.
02. Dezember 2013, 17:18 Uhr
»Für Leonie und Valentina« – Hellmuth Karasek nahm sich in einer Pause während der Lesung viel Zeit zum Signieren der Bücher und für einen kleinen Plausch. (Foto: ks)

Am Sonntag amüsierte er mit launigen Betrachtungen über 100 Zuhörer im aquariohm. Auch wenn der eine oder andere Witz (etwa von der Sächsin, die eigentlich nach Bordeaux wollte, wegen unglücklicher Aussprache aber in Porto landete), nicht mehr ganz taufrisch ist, so sorgte der Sprachroutinier doch für einen unterhaltsamen Abend. Die Organisatoren von OVAG, Sparkasse Oberhessen und Förderverein Hallenbad konnten mit der Resonanz jedenfalls mehr als zufrieden sein. Dr. Thorsten Reichel hatte die Gäste begrüßt und sich erfreut darüber gezeigt, dass Karasek als passionierter Schwimmer dem Mücker Bad ein großes Lob zollte. Karasek greift pointiert kleine Begebenheiten des Alltags auf, scheinbar auch nichtige, und reichert sie mit seinem großen Erfahrungs- und Erlebensschatz an. Neben Betrachtungen zur Sprache oder zum Reisen widmet er sich auch immer wieder gern dem Verhältnis der Geschlechter wie in seinem neuen Buch (»Ihr tausendfaches Weh und Ach – was Männer von Frauen wollen«).

Schaffner-Englisch

Und so berichtete er, wie eine Barbara ihn bei einer Lesung ins Träumen brachte (»Barbara, komm mit mir nach Afrika«), aber zitierte auch aus dem »Struwwelpeter.« Er scheut bekanntlich auch das leicht schlüpfrige Parkett nicht, wenn er sich etwa an ein Buch mit Billy Wilder und die besondere Bedeutung von Buchteln erinnert. Je globalisierter die Welt wird, desto mehr Sehnsucht nach Dialekt hat Karasek festgestellt. Und nimmt nicht nur Sächsisch auf die Schippe, sondern auch den neuen Dialekt »Schaffner-Englisch« (Senk yu for träwelling wiss Deutsche Bahn). Karasek erinnerte an Loriot, den er mehrfach interviewte, und die berühmte Nudel, und an Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki, der bei der Ankunft an der Himmelstür sicher vorwurfsvoll mit der Bibel gewedelt hat – »der da oben hat ihn jetzt an der Backe«. Aus seiner Erfahrung kann er viele amüsante Episoden hervorkramen, aber auch aktuell werden, wenn es um Schwaben in Berlin oder den maroden Hauptstadtflughafen geht, zudem Walter Ulbricht in bekannt näselnder und leicht abgewandelter Manier gesagte hätte: »Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu bauen. ..« Sich selbst nimmt er aufs Korn, wenn er berichtet, wie er zum Auftritt ins literarische Quartett musste, aber nur noch dreckige Tennissocken zur Hand waren. Darauf tingelte er durch Hotels in der Hoffnung, dass ein Gast ein paar passende Socken vergessen hat – und hatte Glück. Karasek nahm sich in der Pause Zeit, um Bücher zu signieren und den einen oder anderen anderen Plausch mit den überwiegend weiblichen Fans zu halten.

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