06. Mai 2011, 18:25 Uhr

Charme und Stil der alten Häuser erhalten

Mücke/Vogelsbergkreis (ks). Jahrhunderte lang war es üblich, bei Neubauten das alte Material wieder zu verwenden.
06. Mai 2011, 18:25 Uhr
Das Fachwerkhaus in Ober-Ohmen wird sorgfältig restauriert. Die Anlagen für die moderne Heiztechnik mittels Geothermie werden in einem Anbau hinter dem Haus untergebracht.

Erst im Bauboom der vergangenen 50 Jahre verlor sich diese Tradition. Sie wieder zu erwecken ist ein Ziel der Denkmal-Akademie, die dazu jetzt einen Kurs anbot. Rund 30 Teilnehmer informierten sich, sie waren teilweise von weit her angereist. Sie besuchten unter anderem die Restaurierungswerkstatt für alte Baustoffe von Ciril Kovse in Merlau und Atzenhain und sahen schön in Stand gesetzte Fachwerkbauten in Ober-Ohmen. Die Teilnehmer zeigten sich durchweg sehr angetan von den Anregungen, die sie bekommen haben.

Christoph Freudenberger hatte sie am Morgen zunächst in einem Vortrag auf das Thema eingestimmt. Dazu wurden viele Bilder gezeigt mit Verweis auf Materialien, die alle wieder verwendet werden können - Holz, Ziegel, Stützen, Fenster, Türen, Steine und einiges mehr.

Klar wurde auch, dass der sorgfältige Abbau eines alten Hauses zwecks Wiederverwendung des Materials viel Handarbeit ist. »Das dauert fast so lange wie ein Neubau,« hieß es. Eine gewisse Portion Idealismus kann dabei nicht schaden. Die bringt auf jeden Fall Dr. Helmut Schraml in Ober-Ohmen mit, der es sich seit Jahren zur Aufgabe gemacht hat, alte Fachwerkhäuser restaurieren zu lassen, die er dann vermietet. Er führte die Gruppe am Donnerstag durch einige Häuser, darunter ein Wohnhaus mit anschließender Scheune, die heute als großzügiges Wohnzimmer mit atemberaubender Deckenhöhe dient.

Geschickt wurden alte Elemente wie Holzbalken mit neuem Wohnkomfort verknüpft. So wird das Haus mit Geothermie beheizt, in den Wänden und Fußboden sind Leitungen verlegt, die auch im härtesten Vogelsberger Winter für behagliche Wärme sorgen. Und wenn das wirklich nicht reichen sollte, tut ein großer Kamin ein Übriges. Der Hausbewohner ist jedenfalls sehr zufrieden mit dem Ergebnis, das zeigt, dass moderne Ansprüche und alte Traditionen kein Widerspruch sein müssen. Mittels Geothermie wird auch das Wasser erwärmt, »ein echtes Ökohaus«, so Bauherr Dr. Schraml. Für die Technik wurde eigens ein Anbau erstellt, natürlich mit alten Steinen und in historischer Form. Schraml würde es begrüßen, wenn es mehr Leute gäbe, die erkennen, was in solchen alten Gebäuden steckt und sich ihrer annehmen. »Langfristig geht es auch darum, den Charme und Stil der alten Häuser und Orte zu erhalten. « Dabei will er auch ein wenig Werbung für das Landleben machen, so der Mücker, der selbst eine alte Fachwerk-Hofreite bewohnt. Gerade Ober-Ohmen sei in dieser Hinsicht eine echte Perle, schwärmt er. Und das kann man gut nachvollziehen, wenn man zwischen grünen Wiesen mit Obstbäumen und einem leise plätschernden Bach steht. Das Wort Idylle ist an dieser Stelle zu Recht angebracht. Das haben auch andere erkannt und so zählen zu seinen Mietern auch ehemalige Stadtbewohner.

Meist Kunden aus der Region hat der Atzenhainer Ciril Kovse, der sich seit langem darauf spezialisiert hat, besonders alte Türen oderFenster wieder aufzubereiten. 70 Prozent seiner Kunden wollen diese in alte Häuser einbauen, rund 30 Prozent aber auch in Neubauten. Auf dem Programm der Kursteilnehmer stand auch eine Besichtigung einer translozierten Scheune, die heute in Laubach als Hochzeitssaal und für Kulturveranstaltungen genutzt wird.

Neben Architekten und Mitarbeitern von Bauämtern wollten auch private Bauherren mehr über das Wiederverwenden alter Baustoffe wissen. Unte den Teilnehmern war zudem ein Architekt aus Frankfurt, denn dort sollen bekanntlich auf der Fläche des abgerissenen ehemaligen technischen Hochhauses rund 30 Häuser aus alter Zeit wieder rekonstruiert und aufgebaut werden, was gar nicht so einfach ist. Auch hier wird deshalb Ausschau nach alten Baustoffen gehalten, um am Ende einen möglichst originalgetreuen Eindruck zu erzielen.

Am Morgen war zudem über die Bergung und Wiederverwendung historischer Baustoffe am Beispiel des Tabaklagers Herbolzheim berichtet worden.



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