19. Oktober 2009, 18:04 Uhr

»Was vor Jahren toll war, zieht heute nicht mehr«

Mücke (rs). »Es braucht neue Perspektiven im Dorfleben. Was vor 35 Jahren noch toll war, zieht heute nicht mehr.« - Mit dieser Zusammenfassung von Moderator Hartmut Kind endete kürzlich dass zweite Arbeitsgruppentreffen zum Projekt »Mücke 2020« im Dorfgemeinschaftshaus Flensungen.
19. Oktober 2009, 18:04 Uhr

Mücke (rs). »Es braucht neue Perspektiven im Dorfleben. Was vor 35 Jahren noch toll war, zieht heute nicht mehr.« - Mit dieser Zusammenfassung von Moderator Hartmut Kind endete kürzlich dass zweite Arbeitsgruppentreffen zum Projekt »Mücke 2020« im Dorfgemeinschaftshaus Flensungen. Nach neun Besuchern beim ersten Treffen waren einen Tag später immerhin 20 Personen gekommen, darunter zwei, die auch in den anderen Arbeitsgruppen mitwirken, und fünf Kommunalpolitiker. In einer ausführlichen Diskussion zu »Soziales, Kultur und Bildung« sowie »Infrastruktur und Städtebau« kristallisierten sich Ansätze zur Nachbarschaftshilfe und einem Austausch kulturell aktiver Gruppen heraus. Ein nächstes Treffen für alle vier Arbeitsgruppen findet am Mittwoch, dem 21. Oktober, im DGH Flensungen um 19.30 Uhr statt.

Der öffentliche Personennahverkehr war das erste Thema. Bürger fanden es einerseits gut, dass Mücke überhaupt einen Anschluss mit zwei Bahnhöfen ans Schienennetz hat, andererseits wiesen sie auf Mängel hin, etwa ein zu geringes Angebot oder die mangelnde Anbindung an den überregionalen Verkehr im Knotenpunkt Gießen. Grundsätzliches Ziel müsse es sein, ein Angebot von Bahn und Bus zu erhalten. Dazu wurde angeregt, die Bahnhöfe und das Umfeld zu verbessern, es folgte aber auch der Hinweis, dass die Besitzverhältnisse dies beim Bahnhof Mücke (noch) nicht zuließen. Als Verbesserung des Haltepunktes wurde ein Kiosk genannt, allerdings wies Moderator Kind darauf hin, dass dafür jemand das unternehmerische Risiko eingehen müsse. Wenn auch die Bahnverbindung grundsätzlich positiv gesehen wurde, so kamen doch Hinweise auf eine ungenügende Anbindung der anderen Ortsteile. Oft seien Bahnverbindungen nur mit dem Pkw zu erreichen, das Angebot Anruf-Sammel-Taxi (AST) sei nicht genügend. Inwieweit das zutrifft, blieb offen, denn viele der Anwesenden ließen durchblicken, nicht zu wissen, was AST ist.

Befürwortet wurden Fahrgemeinschaften oder Nachbarschaftshilfen für Leute ohne eigenes Fahrzeug. Angeregt wurde, zu einem festen Termin in der Woche eine Fahrgelegenheit aus den Ortsteilen in das Geschäftszentrum Mücke mit zweistündigem Aufenthalt einzurichten, wobei die Kunden an der Haustüre abgeholt und wieder hingebracht werden sollten. Ins Gespräch kam der Begriff von Einkaufspatenschaften (mobile Menschen helfen kranken oder alten Menschen), was neben dem Zweck des Einkaufens noch eine soziale Komponente habe. Dieses und Mitfahrgelegenheiten müssten über eine Infostelle koordiniert werden. Kind wies auf laufende Einrichtungen in Lauterbach-Maar und im Ebsdorfergrund hin und ergänzte, bei dieser Art Zusammenschlüssen biete jeder an, was er leisten kann und aufgreifen, was er benötigt. Dabei werde der Aufwand gegengerechnet, es fallen nur geringe Geldbeträge für den koordinierenden Verein an.

»Wir werden uns mit einem geordneten Rückbau vertraut machen müssen.« - Manchen Besucher werden die Worte von Moderator Kind hart getroffen haben. Aber mit dem Geburtenrückgang und dem Trend, dass Menschen mehr und mehr in die Regionen mit Arbeitsplätzen abwandern, werden besonders kleine Orte nur mit sehr viel Aufwand zu halten sein, ein Aufwand für Wasser und Kanal beispielsweise, der auf die Einwohner der Gemeinde umgelegt werden müsste. Vor diesem Hintergrund wurde überlegt, was man tun kann, um in den Ortskernen mit immer weniger Bewohnern noch ein relativ hohes Niveau zu halten, aber es wurde auch deutlich, dass das, was man bereits heute von Landstrichen in Mecklenburg-Vorpommern kennt, irgendwann den Vogelsberg erreichen wird: Es werden moderne Wüstungen entstehen, denen am besten ein geplanter Rückzug oder eine Umsiedlung vorangehen sollte.

Der gesellschaftliche Wandel drückt sich auch in der Nutzung der Gemeinschaftshäuser aus: Rund 200 000 Euro schießt die Gemeinde allein für den laufenden Unterhalt jährlich zu, das in Flensungen wurde aktuell für 350 000 Euro saniert. Die Nutzung der öffentlichen Gebäude ist von Ortsteil zu Ortsteil sehr unterschiedlich, einige sind sehr gut belegt, andere nur wenige Male im Jahr. Vor diesem Hintergrund sollten DGHs - so ein Vereinsheim vor Ort sei - geschlossen werden. Besser solle man das Vereinsheim erhalten, meinten Arbeitsgruppenmitglieder. Sie wiesen auf das Modell in Laubach-Freienseen hin, wo das Gemeinschaftshaus von einem Verein betrieben wird.

Zum Thema Kultur stellten verschiedene Besucher fest, dass es neben ihren Gruppen in Mücke auch andere gibt (das Lesen einer Tageszeitung hätte diese Lücke nicht entstehen lassen). Außer einem Zusammenschluss bildender Künstler und historisch Interessierter, die die Geschichte nachfolgenden Generationen erhalten wollen, gibt es verschiedene Theatergruppen, für deren Arbeit unter anderem ein zentraler Proben- und Veranstaltungsort angeregt wurde. Teure Sachen seien nur einmal anzuschaffen, ein zeitraubender Auf- und Abbau etwa in einem Dorfgemeinschaftshaus entfalle. Zu anderen Veranstaltungen wurde auf den Wandel im Vereins- und Gemeinschaftsleben hingewiesen. Als Pendler nach einem langen Arbeitstag vor Ort Zeit zu investieren sei anstrengend, die Zahl der Engagierten gehe zurück. Begeisterung herrsche indes, wenn etwas geboten wird, wusste ein Bürger zu berichten. Verschiedentlich habe er Straßenfeste organisiert, der Zulauf sei enorm gewesen. Aber es habe sich niemand gefunden, der mal die Organisation in die Hand nimmt. Von einem regelrechten Boom berichteten Ruppertenröderzur dortigen 800-Jahr-Feier. Danach sei der Elan vorbei gewesen. Zu diesen Negativbeispielen wurden die Faschingsveranstaltungen als Kontrapunkt genannt, wobei der Umzug mittlerweile größeren Narrenhochburgen den Rang ablaufe. Da entwickele sich in Mücke wohl eine neue Art der Kultur.

Mittwoch nächstes Treffen

Ein nächstes Treffen für alle vier Arbeitsgruppen findet am Mittwoch, 21. Oktober, im Gemeinschaftshaus Flensungen um 19.30 Uhr statt. Alle Bürger, auch die, die bisher bei keinem der Termine waren, sind dazu eingeladen.

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