29. Januar 2021, 21:51 Uhr

Mit Vorträgen Geld für Kirche gesammelt

Religionszugehörigkeiten können sich ändern. Das lässt sich an der 1250-jährigen Geschichte Nieder-Gemündens beispielhaft festmachen. Nach der Reformation dominierte die evangelische Kirche. Erst vor 65 Jahren wurde wieder eine katholische Kirche errichtet. Und auch das Judentum war 300 Jahre integriert. Bis in die 1930er Jahre.
29. Januar 2021, 21:51 Uhr
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Aus der Redaktion

Mit Beginn des Jahres 1946 existiert in Nieder-Gemünden auch wieder eine katholische Seelsorgestelle. Das katholische Leben war vorher seit der Reformation erloschen. Mit den vielen Heimatvertriebenen wuchs dann der Anteil der katholischen Bevölkerung in der Region.

Im damaligen Altkreis Alsfeld war Nieder-Gemünden im Jahr 1946 die erste Pfarrei, in der ein katholischer Pfarrer seelsorgerische Arbeit leistete. Pfarrer Walter Sulke war am 6. September 1946 in Merlau eingewiesen worden und im Oktober 1946 nach Burg-Gemünden übergesiedelt. Zuvor war er Pfarrer in Spornhau im Altvatergebirge. Zur damaligen Seelsorgestelle gehörten 16 Ortschaften.

Zwei Homberger Orte werden betreut

Dem unermüdlichen Einsatz von Pfarrer Walter Sulke war auch auch zu verdanken, dass am 10. Juli 1955 die Grundsteinlegung für eine katholischen Kirche stattfand. Walter Sulke war es, der unter anderem durch Lichtbildervorträge Spenden sammelte, um Eigenkapital gegenüber den Kirchenbehörden nachzuweisen. Sehr spendenbereit waren die Vertriebenen auch selbst. Auf diese Weise war bereits am 22. August 1955 Richtfest, und das Pfarrhaus war schon im Juni 1956 bezugsfertig. Die Kirchenweihe erfolgte am 17. Juni 1956 durch den Diözesenbischof Dr. Albert Stohr, die am 18. Juni 1956 feierlich zu Ende geführt wurde.

Pfarrer Sulke entzündete im Beisein der Bürger, den Gesangvereinen von Nieder-Gemünden und Burg-Gemünden, dem Bürgermeister Friedrich Wilhelm Schäfer und dem Landrat Dr. Kurt Mildner das »ewige Licht,« um die Gegenwart in der heiligen Eucharistie anzuzeigen.

Das Gotteshaus trägt den Namen: Epiphania domini - Erscheinung des Herrn. Zu der Kirchengemeinde zählten neun Ortsteile (alle Gemündener Ortsteile sowie die Homberger Stadtteile Büßfeld und Bleidenrod) mit insgesamt 750 Katholiken.

Am 7. August 1984 trat Werner Heeg die Nachfolge von Pfarrer Sulke an. 1987 wurde der Altarraum der katholischen Kirche neu gestaltet. 2004/2005 erfolgte eine Komplettrenovierung der Kirche. Die im Jahr 2005 geweihte Pfeifenorgel von Orgelbaumeister Kilian Gottwald erfreut die Zuhörer bei Gottesdiensten und regelmäßig stattfindenden Konzerten noch heute. 2012 schlossen sich die Pfarrgemeinden Homberg, Kirtorf und Nieder-Gemünden dann zur Pfarrgemeinde »Johannes Paul II« zusammen, Pfarrer ist Zbigniew Wojcik. In Gemünden wohnen heute 310 Katholiken, 87 davon in Nieder-Gemünden.

Jüdische Einwohner seit 1701 belegt

Nieder-Gemünden hatte früher auch eine blühende jüdische Gemeinde. Noch heute erzählt man von der Synagoge und der Judengasse, sie befand sich in dem heutigen Brühlweg. Rund 300 Jahre lang zählten jüdische Einwohner zum Dorfbild Nieder-Gemündens und lebten in Eintracht und Frieden mit den christlichen Nachbarn, ehe der nationalsozialistische Wahnsinn auch in den Gemündener Ortsteilen um sich griff.

Das älteste Dokument über jüdisches Leben in Nieder-Gemünden ist eine »Rechnung anno 1701«. Mit dem Leben der jüdischen Gemeinde hat sich der Nieder-Gemündener Pfarrer Roland Lommel (1981-1994) auseinandergesetzt.

Ihm ist es zu verdanken, dass viel über die Geschichten der Juden im Dorf erhalten geblieben ist, dazu ist auch das Heimatbuch der Gemeinde Gemünden zu empfehlen.

Die Suche nach den Spuren der ersten Nieder-Gemündener Juden gleicht einem Puzzlespiel. In einem alten Ortsbrandkataster aus dem Jahre 1777 werden zwei Häuser in der Obergasse (heute Brühlweg) genannt. Anfang des 19. Jahrhunderts lebten in Nieder-Gemünden drei jüdische Familien, zwei »Jakob-Linien« und ein weiterer Stammvater: Liebmann Moses. Wolf Jakob, geboren um 1770, hatte vier Söhne, sie wohnten in der Obergasse, heutiger Brühlweg. An ihrem Haus war eine Synagoge angebaut. Willi Moses, Sohn von Liebmann Moses, verkauft 1925 sein Haus, das wegen Baufälligkeit vom Erwerber mit der Synagoge abgebrochen werden musste. Die Synagoge befand sich auf dem Grundstück des heutigen Anwesens Namockel im Brühlweg.

Heute Briefkontakte

Um 1900 lebten in Nieder-Gemünden acht jüdische Familien mit 38 Personen. Bis zum 1. Weltkrieg spielte Antisemitismus keine Rolle. Doch schon 1933 vollzieht sich ein Wandel, der nun stark auftretende aggressive Antisemitismus hat mit dazu beigetragen. Bereits in den Jahren 1904, 1907 sowie 1920 und 1925 verkauften jüdische Bürger ihre Häuser und wanderten unter anderem nach Amerika, Argentinien und Palästina, das spätere Israel aus. Anna Chambre, die 1953 in Nieder-Gemünden verstorben ist, wohnte auch während des Krieges im Dorf. Erfreulich ist, dass heute noch Nachkommen von jüdischen Bürgern Nieder-Gemünden besuchen, auch bestehen briefliche Verbindungen.



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