17. April 2008, 22:24 Uhr

Kleine Schritte hin zur Vielfalt ohne Fremdenhass

Kirtorf (jol). Die Arbeit für Vielfalt jenseits von Fremdenhass und gegen Rechtsextremismus ist keine Sache des schnellen Erfolgs, sie erfordert viele kleine Zwischenschritte. Aber sie lohnt sich auch, wie die jüngste Mitgliederversammlung des Kirtorfer Aktionsbündnisses gegen Rechtsextremismus zeigte.
17. April 2008, 22:24 Uhr
Das Aktionsbündnis gegen Rechtsextemismus erhielt gestern in Kassel für seine Arbeit eine Urkunde und ein Preisgeld von 1000 Euro. (Foto: pm)

Kirtorf (jol). Die Arbeit für Vielfalt jenseits von Fremdenhass und gegen Rechtsextremismus ist keine Sache des schnellen Erfolgs, sie erfordert viele kleine Zwischenschritte. Aber sie lohnt sich auch, wie die jüngste Mitgliederversammlung des Kirtorfer Aktionsbündnisses gegen Rechtsextremismus zeigte. Mit Stolz präsentierten die Aktiven der kleinen Vereinigung ein Programm, das seit vergangenem Jahr recht viele Jugendliche angesprochen hat und das als sichtbares Zeichen in einigen örtliche Geschäften und Gaststätten eine Protestresolution gegen Rechtsextremismus gebracht hat. An der Versammlung nahm fast ein Dutzend junger Leute teil. Auch überregional wird das Aktionsbündnis hoch geschätzt: Am Donnerstag verlieh das Bündnis für Demokratie und Toleranz in Kassel einen Förderpreis (Urkunde und Preisgeld) an die Kirtorfer.

Mit dem Preis wolle die Bundesregierung dem Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung mehr Anerkennung verschaffen, erläuterte Staatssekretär Alfred Hartenbach. Das »Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus in Kirtorf» setze da an, wo die Grenzen des staatlichen Handelns erreicht seien, würdigte Hartenbach den zweiten hessischen Preisträger, der mit 1000 Euro bedacht wurde.

Anfangs habe die Bevölkerung den rechtsextremen Umtrieben in der mittelhessischen Gemeinde noch mit einer »gewissen Gleichgültigkeit und stillschweigenden Akzeptanz« gegenübergestanden, Hartenbach. Es sei das Verdienst der vor genau vier Jahren gegründeten Initiative, dass dies heute nicht mehr so sei.

Zurück zur Mitgliederversammlung im Rathaus: hier erinnerte Dieter Schmidt an die positive Resonanz, die die Resolution gegen Rechtsextremimus bei Geschäftsleuten und in Vereinen gefunden hat. Das Protestschreiben ist in einer ganzen Reihe an öffentlichen Einrichtungen der Großgemeinde ausgehängt worden.

Albert Naumann zeigte auf, wie die Vorschläge von Jugendlichen für Aktivitäten in diesem Jahr umgesetzt werden. So habe es erst kürzlich einen spannenden Vortrag von Prof. Krahulec gegeben, der für mehr Zivilcourage warb (die Allgemeine berichtete). Das sei immer noch ein Problem, es sei eben nicht leicht, dann einzugreifen, wenn es nötig ist. Experimente hätten aber gezeigt, dass eher Frauen zum Intervenieren bereit sind.

Andere Vorschläge, die von Jugendlichen in den Treffen des Vorjahres vorgebracht wurden, sind aufgegriffen worden. So will man im Herbst einen Ausflug zum Kletterpark Schlitz unternehmen. Demnächst sei ein Seminarwochenende in Frankfurt vorgesehen. In Vorbereitung sind eine Fahrt zur Gedenkstätte Trutzhain, einem ehemaligen Lager für Kriegsgefangene, sowie ein Rundgang in Kirtorf, bei dem über die frühere jüdische Gemeinde informiert wird. Pedro Valdivielso ergänzte, dass das Aktionsbündnis zudem eine rege Öffentlichkeitsarbeit betrieben hat, um zu zeigen, dass man weiter am Extremismus-Thema dran ist. In Kooperation mit dem evangelischen Dekanat und mit Förderung des Vielfalt-Programms der Bundesregierung habe das Bündnis ein Angebot für Grundschüler vorbereitet. Im Mai sollen Polizeibeamte für den Verein SMOG, »Schule machen ohne Gewalt«, mit Drittklässlern Trainingskurse machen. Leider gab es nicht genug Interesse bei den Eltern für eine eigene Veranstaltung. Geplant sind noch eine Veranstaltung über Rechtsextremismus im Internet sowie eine über Rechtsrock unter dem Titel »Umgang mit braue Tönen«. Musik sei einer wichtigsten Wege, über die Neonazis an Jugendliche herankommen. Geplant ist noch ein Gespäch mit Zeitzeugen des Dritten Reichs, von denen es nicht mehr so viele gibt. Zudem will das Bündnis ein Seminar »Argumente gegen Stammtischparolen« anbieten. Positiv, so Valdivielso, entwickelt sich die Zusammenarbeit mit anderen Gruppierungen imKreis. Da sei das Vielfalt-Programm des Bundes hilfreich, mit dessen Hilfe Verbände wie Jugendrotkreuz und Jugendfeuerwehr eigene Initiativen gestartet haben. Zudem sei der Kontakt zu den Gruppen im »Netzwerk gegen Rechtsextremismus Vogelsberg« ausgesprochen gut. Interessant verlief jüngst eine Fahrt an die Mecklenburgische Seenplatte mit Jugendlichen aus Mücke sowie Vertretern des Jugendamts. Dabei erfuhren die Besucher mehr über Jugendarbeit in einem strukturschwachen Gebiet Ostdeutschlands. »Was die auf die Beine stellen, ist toll«, meinte Naumann.

In einem Dorf gebe es sieben Rockbands, eine Gruppe habe einen Film über Menschen mit Behinderungen gedreht und es gebe eine gute Werkstatt für Jugendliche, die den Hauptschulabschluss nachmachen. Wichtig sei professionelle Betreuung: Mit ihrer Hilfe liege die Durchfallquote bei nur 7 %. Im Herbst soll eine Gruppe von der Müritz in den Vogelsberg kommen - einen Tag nach Kirtorf.

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