07. Juli 2021, 21:45 Uhr

Jeder Sechste verlässt Branche

Die Sonne scheint, die Corona-Inzidenzwerte sinken, Hotellerie und Gastronomie haben wieder mehr zu tun. Aber haben sie dafür nach der Krise noch das nötige Personal? Viele Arbeitnehmer haben der Branche den Rücken gekehrt, sagt die Gewerkschaft NGG. Stimmt, weiß Valerio Dogana, Hotellier und Gastronom aus Büßfeld. Aber es bleibt die gute Nachricht: Im Vogelsbergkreis ist es noch nicht zu einer pandemiebedingten Insolvenz gekommen.
07. Juli 2021, 21:45 Uhr
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Von Rolf Schwickert
Servicekraft händeringend gesucht: Viele Hotels und Gaststätten finden aktuell kein Personal - weil während der Lockdowns ein großer Teil der Beschäftigten die Branche verlassen hat. Die Gewerkschaft NGG fordert, die Arbeit im Gastgewerbe attraktiver zu machen. FOTO: NGG

Supermarktkasse statt Biertheke: Im Zuge der Corona-Pandemie verzeichnen die Hotels und Gaststätten im Vogelsbergkreis eine dramatische Abwanderung von Fachkräften. Innerhalb des vergangenen Jahres haben nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) im Landkreis rund 300 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte dem Gastgewerbe den Rücken gekehrt - das ist mehr als jeder sechste Beschäftigte der Branche, teilt die NGG unter Berufung auf jüngste Zahlen der Arbeitsagentur mit.

Angesichts weiterer Lockdowns bis in den Mai hinein dürfte sich der Personal-schwund bis heute nochmals zugespitzt haben, befürchtet Andreas Kampmann, Geschäftsführer der NGG-Region Nord-/Mittelhessen. »Viele Menschen schätzen es, nach langen Entbehrungen endlich wieder essen zu gehen oder zu reisen. Aber ausgerechnet in der Sommersaison fehlt einem Großteil der Betriebe schlicht das Personal, um die Gäste bewirten zu können«, meint Kampmann.

Für die Lage macht der Gewerkschafter insbesondere die Einkommenseinbußen durch die Kurzarbeit verantwortlich: »Gastro- und Hotel-Beschäftigte arbeiten sowieso meist zu geringen Löhnen. Wenn es dann nur noch das deutlich niedrigere Kurzarbeitergeld gibt, wissen viele nicht, wie sie über die Runden kommen sollen.«

Wenn die gut ausgebildeten Fachkräfte in Anwalts- oder Arztpraxen die Büroorganisation übernähmen oder in Supermärkten zwei Euro mehr pro Stunde verdienten als in Hotels und Gaststätten, dürfe es niemanden überraschen, dass sich die Menschen neu orientierten, meint der Gewerkschafter.

»Ich habe von einigen Kollegen gehört, dass sie händeringend Personal suchen«, berichtet Valerio Dogana aus Büßfeld. Denn deren Personal habe sich in der Krise anderweitig orientiert. Viele hätten eine Anstellung im Lebensmittelhandel, in Arztpraxen oder Sanitätshäusern gefunden. »Den Umgang mit Menschen haben unsere Mitarbeiter gelernt, und jetzt haben sie eher geregelte Arbeitszeiten«, bestätigt Dogana einen Kritikpunkt der Gewerkschaft.

Aber das mit den langen Arbeitszeiten in der Gastronomie sieht Dogana auch systembedingt. Denn der Gast erwarte eine Essen oder eine Unterkunft jederzeit, entsprechend müsse das Personal da sein. Eine daraus resultierende höhere Entlohnung sei nicht realistisch, weil nicht weiterzugeben, wie beispielsweise im Handwerk. Grundsätzlich sieht Dogana auch nicht bei allen neuen Stellen, in die Personal aus Hotellerie und Gastonomie abgewandert sind, eine bessere Entlohnung. Mehr Sicherheit und geregeltere Arbeitszeiten seien hingegen nicht zu bestreiten.

Staatliche Finanzhilfen

Die Gewerkschaft NGG verweist zudem auf umfassende Finanzhilfen des Staates für angeschlagene Betriebe. So könnten sich Hotels und Gaststätten im Rahmen der Überbrückungshilfen in einem Monat bis zu 60 Prozent der Personalkosten bezuschussen lassen, wenn sie Angestellte aus der Kurzarbeit zurückholten (Restart-Prämie).

Hilfen des Staates sieht auch Dogana positiv, aber er hat aufgrund eigener Erfahrung auch zwei Erschwernisse ausgemacht. So sei das Beantragen der Überbrückungshilfen sehr mühsam, aber man habe sie schließlich bekommen,

Aber: »Wir bekommen Hilfe, und wenn wir dann Umsatz haben, wird das wieder abgezogen, das haben wir im Vorfeld nicht gewusst«, berichtet Dogana, Das hätte man im Vorfeld besser kommunizieren müssen. Unter dem Strich sei die Unterstützung aber sicher besser gewesen als nichts.

Bei allen Erschwernissen in der Krise für seine Branche sieht Dogana auf den Vogelsbergkreis bezogen positiv, dass noch kein Kollege insolvent geworden sei. Gegebenenfalls werde das noch 2022 folgen, wenn Gastonomen einen Start aus der Krise versucht und eingesehen haben, dass es nicht klappt.

Dogana hofft, dass die Testpflicht für Gäste in der Innengastronomie aufgehoben wird, wie in anderen Bundesländern. Als gut stuft er ein, dass weiter geimpft wird, aber die Delta-Variante sei nicht zu unterschätzen, Und er hat Bedenken: »Ich hoffe, dass uns der Sommer nicht im Herbst auf die Füße fällt, Aber zum Glück werden jetzt viele geimpft.«



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