23. September 2021, 21:46 Uhr

Hund erschossen: Haftstrafe

In dem Gerichtsverfahren war fast alles dabei: Tierquälerei, Pistolenschüsse, illegale Waffen, Polizistenbeschimpfung und viel Verachtung für die Obrigkeit. Am Ende verurteilte das Alsfelder Schöffengericht den 64-jährigen S. zu zwei Jahren und drei Monaten Haft. Er hat mit einer illegalen Waffe seine Zuchthündin erschossen, der Richter sprach von einer »barbarischen Hinrichtung«.
23. September 2021, 21:46 Uhr
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Von Joachim Legatis
Der Weimaraner »Ayko« ist an einer Erbkrankheit gestorben. Um seine Herkunft zu vertuschen, hat der Vogelsberger Verkäufer seine Zuchthündin erschossen, wie das Schöffengericht urteilt. FOTO: VIER PFOTEN

Ein Schuss aus der Pistole zerschmetterte die Schnauze der Hündin »Nena«, ein weiterer traf sie in der Brust und ließ sie qualvoll verbluten. Eineinhalb Jahre später verurteilt das Schöffengericht Alsfeld einen 64 Jahre alten Hundezüchter für Tierquälerei, Besitz von illegalen Waffen und Beamtenbeleidigung zu zwei Jahren und drei Monaten Haft. Im Zuschauerbereich nahmen die Tierschützerinnen der Organisation »Vier Pfoten« das klare Urteil mit Genugtuung auf. Die Berufung ist allerdings bereits angekündigt.

Der Angeklagte hat laut Urteil im Februar vergangenen Jahres seine Rassehündin mit einer Pistole im Garten erschossen. Das blieb im Ort nicht unbemerkt, die Polizei rückte mit einem Sondereinsatzkommando an, um die Waffe zu finden. Der erboste Züchter bedachte die Beamten unflätig. Im Haus fanden die Polizisten neben der Pistole eine ebenso illegale Pumpgun.

Kranker Welpe

Damit nicht genug, zeigte der 64-Jährige eine bemerkenswerte Haltung zu Justitia. Es war am Dienstag bereits der vierte Versuch, das Gerichtsverfahren über die Bühne zu bekommen. Dreimal ist der Angeklagte nicht freiwillig erschienen. Diesmal machte der Vorsitzende Richter Dr. Bernd Süß kurzen Prozess und ließ den Rentner von Polizisten holen. Der beschwerte sich erst noch telefonisch, dass die Polizei vor seinem Auto stünde, bequemte sich dann aber doch zu seinem Verfahren, das mit über einstündiger Verspätung begann. Gegen diese Eigensinnigkeit des Rentners konnte auch sein Verteidiger nichts ausrichten.

Im Gerichtssaal behielt ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes den Angeklagten im Blick. Der ließ sich erst nach mehrmaliger Ermahnung dazu herab, den vorgeschriebenen Mundschutz richtig aufzusetzen.

Im Verfahren kam auch die Vorgeschichte der tödlichen Schüsse zur Sprache. Demnach hat eine Frau aus Nordrhein-Westfalen 2016 einen Welpen von dem Angeklagten erworben, der angeblich von der Vogelsberger Hündin stammte. Das Jungtier war dauernd krank und starb 23 Monate später an den Folgen einer Erbkrankheit. Die Käuferin strengt seit 2018 die Gerichte an, um klären zu lassen, ob sie von S. betrogen wurde.

Denn die Krankheit wird von der Mutter auf ihre Kleinen übertragen, was per Gentest festgestellt werden kann. Im Frühjahr 2020 sollte das Vogelsberger Veterinäramt diesen Test bei der Zuchthündin machen. Kurz nach der Ankündigung des Amts erschoss der Angeklagte die Hündin. Der Kadaver wurde ausgegraben und genetisch untersucht. Das Tier war kerngesund, weshalb der kranke Welpe kein Nachkomme von ihr sein konnte, wie der angeklagte Züchter behauptet hat.

Das wird in einen Betrugsprozess münden, wie der Staatsanwalt in der Verhandlung andeutete. Das Gerichtsverfahren am Dienstag drehte sich allerdings nicht um die Hintergründe, sondern um die dramatischen Ereignisse im Februar vergangenen Jahres.

Der 64-Jährige sagte, er habe die Hündin erschossen, weil sie weggelaufen und wieder trächtig geworden sei. Die Waffen gehörten ihm und es könne sein, dass er die Polizisten beleidigt habe. Sie seien um 6 Uhr früh in das Haus eingedrungen, »da raste ich aus«, sagte er. »Wenn ich eine Handgranate gehabt hätte, hätte ich sie auf die geworfen.«

Die Zeugen lieferten Details des Geschehens. Eine Ortsbewohnerin hatte wenige Tage zuvor beim Spazierengehen einen Schuss gehört und sah die Hündin zuckend am Boden liegen. Ein Tierarzt des Veterinäramts berichtete, dass frühere Kontrollen nur einmal kleine Beanstandungen bei dem Züchter ergeben hätten. Eine Pathologin des Landeslabors stellte bei dem Hundekadaver zwei Einschüsse fest. Ein Schuss hatte die Schnauze verletzt, was schmerzhaft, aber nicht tödlich ist. Ein weiterer Schuss traf größere Blutgefäße im Brustraum, die Hündin ist innerlich verblutet. Das Ganze konnte durchaus 20 Minuten gedauert haben.

Ein Waffenspezialist der Polizei erläuterte, dass eine Pistole mit Kaliber 9 Millimeter sowie eine Pumpgun gefunden wurden, beide sind illegal. Zu der Pumpgun gab es einen Kurzwaffengriff, was strafverschärfend ist. 134 Schuss 9-mm-Munition, Patronen für die Pumpgun und für ein Kleinkalibergewehr fanden die Polizisten bei der Durchsuchung. Eine Beamtin erinnerte sich daran, eine größere Menge Bargeld im Büro gefunden zu haben. Der Angeklagte hatte sein Einkommen mit knapp 800 Euro Rente angegeben. Zudem fanden sich stapelweise Blanko-Impfpässe und TÜV-Plaketten bei dem Angeklagten. Der 64-Jährige hat fünf Vorstrafen im Register, wegen Betrugs, Beleidigung, Körperverletzung und Urkundenfälschung.

Der Staatsanwalt plädierte schließlich auf eine Gesamtstrafe von drei Jahren Haft. Der 64-Jährige habe seine Hündin erschossen, um den Gentest zu verhindern. Der ergab später, dass die Hündin nicht die Mutter des verkauften Welpen ist. Der Züchter habe in einem Prozess um den Verkauf des Welpen gelogen. Die Hündin sei »hingerichtet« worden und habe extreme Schmerzen erduldet. Auch der Besitz illegaler Waffen und die Polizistenbeleidigung seien erwiesen.

Der Pflichtverteidiger plädierte auf eine Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren. Das Erschießen der Hündin sei ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, wonach das Töten von Wirbeltieren ohne vernünftigen Grund verboten ist. Der Besitz der Pumpgun sei nicht so gravierend, weil der Griff abgebaut war. Die Beleidigungen seien nicht schwerwiegend.

Das Schöffengericht folgte der Argumentation des Staatsanwalts. Eine Haftstrafe von über zwei Jahren kann nicht zur Bewährung ausgesetzt werden. Das Töten der Hündin nannte Dr. Süß eine »barbarische Hinrichtung, der Hund hat gelitten«. Der Besitz der Pumpgun sei als Verbrechen zu ahnden, weil die Waffe eine potenzielle Gefährdung be- deute. Der Angeklagte habe Waffen aus einer vermeintlichen Selbstverteidigungshaltung heraus besessen, die Voraussetzungen dafür seien aber keineswegs gegeben.



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