28. November 2008, 20:30 Uhr

»NPD im Vogelsbergkreis im Aufbau begriffen«

Homberg (kan). Wie treten rechte Jugendliche heute in Erscheinung, was sind ihre politischen Themen und welche Weltsicht vertreten sie? Diese Fragen wurden am Donnerstagabend in der Aula der Ohmtalschule beantwortet.
28. November 2008, 20:30 Uhr
Lehrkräfte, Schüler und andere Interessierte informierten sich an der Ohmtalschujle über »Lebensfelder rechter Jugendlicher«. (Foto: kan)

Homberg (kan). Wie treten rechte Jugendliche heute in Erscheinung, was sind ihre politischen Themen und welche Weltsicht vertreten sie? Diese Fragen wurden am Donnerstagabend in der Aula der Ohmtalschule beantwortet. Michael Weiss vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum und Kirsten Neumann vom Mobilen Beratungsteam gegen Rassismus informierten Lehrkräfte, Schüler und andere Interessierte über »Lebensfelder rechter Jugendlicher«. In den Nachrichten biete sich oft ein widersprüchliches Bild von der Situation, sagte Michael Weiss. Einerseits nehme die Zahl der Übergriffe zu, andererseits scheine sich die NPD selbst zu zerstören. Tatsächlich nimmt die Zahl der Kleinaufmärsche zu und »gerade im Vogelsbergkreis ist die NPD im Aufbau begriffen, sie vergrößert sich, indem sie Kameradschaften an sich bindet«.

Im anstehenden Wahlkampf werde sich nun zeigen, was die Partei auf die Beine stelle. Michael Weiss erklärte, dass Kameradschaften Basisgruppen mit regionalem Bezug sind, aus rechten Jugendgruppen gewachsen und er verdeutlichte dies an zwei Beispielen aus der Region. So seien auch die »Berserker Kirtorf« aus einer Jugendgruppe gewachsen, heute seien die meisten von ihnen keine Jugendlichen mehr und hätten ihren »Neonazismus in den Alltag übertragen«. Ihr Hauptinteresse ist das Organisieren von Feten und Konzerten, weshalb es oft heiße, dass sie nicht politisch engagiert seien. Weiss wies aber darauf hin, dass über die Kultur junge Menschen angezogen werden. Ein großes Problem sei auch, dass die Gruppe mittlerweile in der normalen Partykultur angekommen sei und dort sehr selbstverständlich auftrete. Etwas anders stelle sich die Situation bei den »Freien Kräften Schwalm-Eder« dar, dieser Kamderadschaft gehören sehr viele junge Leute an. In den vergangenen Monaten sei es zu heftigen Gewalttaten gekommen, im Juli wurde ein 13-jähriges Mädchen beinahe totgeschlagen. Äußerlich seien diese Neonazis kaum noch als solche erkennbar, sie hätten sich aus unterschiedlichen Musikkulturen zusammengefunden und wollen das angestaubte Äußere der älteren Gruppierungen ablegen. »Auch bei ihrer Propaganda muss man ganz genau hinschauen, um sie als rechtsradikal erkennen zu können«.

Ein weiteres Problem kann man auf Partyseiten im Internet entdecken, so Weiss weiter. Dort werden Fotos von Leuten mit Nazisymbolen auf Dorfdiscos, Abi-Feiern oder ähnlichem gezeigt. Man könne die »Neonazis kaum noch von der Dorfjugend trennen«, erklärte er, viele von ihnen seien Mitglieder in den örtlichen Vereinen. Damit sei das oft vorgebrachte Argument, man könne rechte Jugendliche durch das Einbinden in Vereine reintegrieren, entkräftet. Michael Weiss machte deutlich, dass die Szene über soziale Räume funktioniert. Deshalb seien etwa Konzerte der »Böhsen Onkelz« so kritisch zu betrachten. Die Gruppe sei zwar keine Neonaziband, aber hier treffen die rechten Jugendlichen auf nicht-rechte Fans. Kirsten Neumann informierte über Themen, mit denen rechte Gruppen ihre Propaganda betreiben. Zu den klassischen Themen gehören offener Rassismus und Antisemitismus, daneben gebe es moderne Themen, bei denen die rechtsradikale Position nicht so leicht zu erkennen sei. Dies sei zum Beispiel der Fall, wenn »Heimatschutz« als Naturschutz getarnt und mit Projekten gegen Gentechnik umgesetzt werde. Darüber hinaus werden Jugendliche über popkulturelle Begriffe wie Freiheit gelockt.

Dass diesem Auftreten als Popkultur nach außen ein ganz anderes internes Auftreten gegenüberstehe, zeigte sie an einer internen Einladung zu einer Vortragsveranstaltung, in der es plötzlich sehr viel deutlicher um rechte Themen gehe als in den zu Werbezwecken hergestellten Aufklebern. Lehrkräften empfahl Kirsten Neumann auch im Unterricht auf bestimmte Einstellungen und Argumente der Schüler zu achten, um rechtsradikale Züge früh erkennen zu können.

Zu diesen Elementen gehörten unter anderem Ablehnung demokratischer Grundrechte für bestimmte Gruppen, Antiliberalismus, Sozialdarwinismus und ein Hang zu Verschwörungstheorien. Das Problem bei der Abgrenzung zwischen rechten und nicht-rechten Ideologien sei, dass sich viele Themenbereiche überkreuzen, so sprechen sich nicht nur Neonazis gegen die Globalisierung aus, sondern auch nicht-rechte Gruppierungen wie attac. Die rechten Gruppierungen nutzten oft tagesaktuelle, emotional berührenden Themen und lösten durch überzeichnete Bilder Angst aus. Im Unterschied zu anderen Gruppierungen forderten sie radikale Lösungen, die nicht mit dem Gesetz vereinbar sind, etwa die »Todesstrafe für Kinderschänder«.

Zu den Vorfällen in Schwalmstadt der letzten Monate sagte Michael Weiss, dass hier keine politischen Gegner die Opfer waren, sondern »Leute wegen ihres Aussehens oder wegen Einstellungen zu bestimmten Themen zu Gegnern gemacht wurden«. Viele von ihnen bekamen Drohungen in Form von Kurzmitteilungen oder E-Mails. Weiss und Neumann machten auf das Problem aufmerksam, dass es keinen geschützten Raum gebe, in denen sich nicht-rechte Jugendliche aufhalten können. Sie empfahl, möglichst viele solcher Räume einzurichten. Ein besonderes Problem komme auf dem Land hinzu: Viele Rechte ziehen von der Stadt aufs Land, während es andere umgekehrt eher das Land verlassen und in die Städte gehen. Im Anschluss war Raum für Fragen und Diskussionsanregungen der Zuhörer, was rege genutzt wurde, so dass die Besucher zahlreiche Anregungen mitnehmen konnten.

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