14. März 2008, 18:16 Uhr

»Das Militär kann in Krisengebieten keinen Frieden bringen«

Homberg (pm). Das Militär kann in Krisengebieten keinen Frieden herbeiführen. »Im Irak wird deutlich, dass der Versuch, mit militärischen Mitteln Frieden zu schaffen, scheitern muss und der falschen Seite in die Hände spielt.«
14. März 2008, 18:16 Uhr
Prof. Dr. Wilfried Härle beim Vortrag. (Foto: pm)

Homberg (pm). Das Militär kann in Krisengebieten keinen Frieden herbeiführen. »Im Irak wird deutlich, dass der Versuch, mit militärischen Mitteln Frieden zu schaffen, scheitern muss und der falschen Seite in die Hände spielt.« Das Beispiel Afghanistans hingegen zeige, dass die Friedensdienste durch den Bau von Straßen, Schulen und Krankenhäusern dem Land auf diesem Wege zum Frieden helfen würden. Zugleich seien Friedensdienste aber auf den Schutz durch militärische Kräfte angewiesen. Mit diesen aktuellen Beispielen illustrierte der Heidelberger Theologe Prof. Dr. Wilfried Härle am Mittwochabend in Homberg/Ohm die neue Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Härle sprach auf Einladung des Evangelischen Dekanats Alsfeld im Homberger Gemeindehaus. In seiner Begrüßung wies Dekan Dr. Jürgen Sauer auf die veränderte politische Lage seit der ersten Friedensdenkschrift hin, die die EKD im Vorfeld der Nachrüstungsdebatte 1982 vorgelegt hatte: Danach sei die Sowjetunion zusammengebrochen. Statt einer »Friedensdividende« seien jedoch zahlreiche regionale Kriege ausgebrochen. Der internationale Terrorismus habe eine ganz neue Bedrohung hervorgebracht. So stelle die neue Denkschrift dem Wort »Frieden« ein »gerecht« zur Seite. Härle, der federführend an der Ausformulierung der neuen Friedensdenkschrift der EKD beteiligt ist, referierte aus der Denkschrift vier Grundelemente, die einen »gerechten Frieden« ausmachten: Er müsse Schutz vor Gewalt bieten, der Förderung der Freiheit dienen, dabei zugleich soziale Not abbauen und kulturelle Verschiedenheit anerkennen.

Gerade der letzte Punkt bringe einen neuen Aspekt in die evangelische Friedensethik ein. Der gegenseitige Respekt vor unterschiedlichen Kulturen und Traditionen sei unverzichtbarer Bestandteil eines »gerechten Friedens«. Dazu gehöre dann, dass die unterschiedlichen Kulturen ihre jeweiligen Lebensweisen nicht anderen Kulturen verordnen könnten. Konfliktlösungen seien nur innerhalb der Denkstrukturen der jeweiligen Nationen möglich, Friedensdienste könnten diese unterstützen.

Das Leitbild des »gerechten Friedens«, das die EKD-Schrift dem »gerechten Krieg« entgegensetzt, setze auch juristisch auf die Durchsetzung des Rechts. »Als Rechtsordnung ist Friede wie jede Rechtsordnung auch Zwangsordnung. Im Konfliktfall muss Recht auch durchgesetzt werden«, zitierte Härle die Denkschrift.

Universale Institutionen müssten deswegen gestärkt werden. Die UN sei hingegen ein "Papiertiger", wenn sie finanziell ausgeblutet und damit handlungsunfähig werde. Der USA sprach der Theologe das Mandat einer Weltpolizei ab. Der »gerechte Friede« setze einen Vorrang nicht-militärischer Instrumente bei der Friedenssicherung ebenso voraus wie den Ausbau von Wegen der zivilen Konfliktbearbeitung.

Friede, das hätten bereits frühere Studien der EKD besagt, sei eine politische, keine militärische Aufgabe. Gerade Europa könne mit seiner Geschichte einen Beitrag leisten, sei es doch vor 80 Jahren noch undenkbar gewesen, dass die beiden Erzfeinde Deutschland und Frankreich einmal wichtige und enge Partner werden könnten. Eine schwierige Rolle spiele Deutschland hingegen bei der Waffenproduktion: Der größte Teil der Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen komme durch Kleinwaffen ums Leben. Gerade der Export von Kleinwaffen aus Deutschland habe sich aber in den vergangenen zehn Jahren versiebenfacht. Ein eigenes Unterkapitel widme die Denkschrift dem Beitrag der Religionen für den Frieden. Hier fordere die EKD nicht nur auf den Verzicht jeglicher religiöser Legitimation von Gewalt durch die offiziellen Repräsentanten der Religionen, sondern auch ein offensives Entgegentreten gegen diese Legitimationsansätze. Als Beispiel verwies Härle auf die »Kabuler Resolution zur Ächtung des Selbstmordgedankens als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den Islam vom 12. Mai 2007«. Härle betonte noch einmal den Prozesscharakter des »gerechten Friedens«. Dieser sei ein Leitbild, an dessen Verwirklichung Christen mitarbeiteten, der aber nicht sofort zu haben sei. »Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten«.



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