18. Juli 2021, 22:33 Uhr

»Hier stehe ich und klinge«

18. Juli 2021, 22:33 Uhr
Johann Andreas Heinemann baute in Oberhessen mehr als ein Dutzend Orgeln und gilt als bedeutenster Orgelbauer der Region. Seit 1760 klingen die Pfeifen in Nieder-Gemünden und die Orgel tut zuverlässig ihren Dienst. FOTO: C: GEITL

Betritt man die Kirche in Nieder-Gemünden wird der Blick sofort auf die Orgel gelenkt, die direkt gegenüber dem Eingang aufrecht und stolz auf der Empore steht. Und so klingt sie auch, direkt, geradeaus, präsent und klar, oft auch zart und farbenreich. Pfarrerin Kadelka fasst es zusammen: »Ein schöner Sound.«

Bei näherer Betrachtung fallen Pfeifen auf, die unten dunkel, oben hell sind. Sie wurden angelängt. Konnte man das nicht schöner machen? Ja, das hätte man, aber aus gutem Grund sollte die Anlängung sichtbar sein. Pfarrerin Kadelka berichtet: »Wie so viele Kirchengemeinden musste auch unsere Gemeinde im 2. Weltkrieg Glocken und Prospektpfeifen abgeben, ein klanglich herber Verlust. Nachdem die Kirche um die Jahrtausendwende renoviert wurde, kam ein Nieder-Gemündener mit seinem Besucher, um die wunderbar aussehende Kirche zu besichtigen«.

Der Besucher staunte und stutzt: Unsere Orgel! Der Besucher stammt aus Gemünden/Wohra, wo Orgelbauer Heinemann eine sehr ähnliche Orgel gebaut hatte.

Diese Orgel war marode und musste aufgegeben werden, aber sie besaß noch die originalen Pfeifen aus dem 18. Jahrhundert! Durch Vermittlung des Besuchers gelang es, diese originalen Pfeifen nach Nieder-Gemünden zu bringen. Die Gemeindemitglieder aus dem Wohratal waren glücklich, dass ihre Pfeifen eine solch wunderbare Verwendung in der Schwesterorgel im Feldatal fanden.

Der Liebe wegen nach Oberhessen

Man verständigte sich darauf, den Verlust der Orgel in Gemünden und der Pfeifen in Nieder-Gemünden als Wunde sichtbar zu lassen. Deshalb wurden die originalen Pfeifen mit hellem Material angelängt. Aber der klangliche Unterschied zu den Ersatzpfeifen, die nach dem 2. Weltkrieg eingebaut waren, war für jeden hörbar.

Wie kommt eine Orgel mit thüringischen Wurzeln nach Oberhessen? Mitte des 18. Jahrhunderts wird in Laubach mit finanzieller Unterstützung des Laubacher Grafen eine große Orgel von thüringischen Orgelbauern erbaut. Der Geselle Johann Andreas Heinemann verliebt sich, heiratet in Laubach und wird in Gießen mit seiner Orgelbauwerkstatt seßhaft.

Er baut in Oberhessen mehr als ein Dutzend neuer Orgeln und gilt als bedeutenster Orgelbauer dieser Region. Seit 1760, nun also bereits 261 Jahre, klingen die Pfeifen in Nieder-Gemünden und die Orgel tut mit großer Zuverlässigkeit ihren Dienst. Bis heute zeugt das Instrument von der hohen Kunst der mitteldeutschen Orgelbautradition.

Und nun lädt die Kirchengemeinde dazu ein, den Kirchraum und die Orgel mit Hörbeispielen, Fotos und einem kleinen Film auf der Dekanatswebsite unter der Adresse www.vogelsberg-evangelisch. de kennenzulernen.

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