Gemünden

Auf Anhieb die Mehrheit

Gemünden (rs). Mit einer Sensation startete die sozialdemokratische Keimzelle der Gemündener SPD 1964 kurze Zeit nach der Gründung: In Elpenrod erzielte man bei der Kommunalwahl gegen eine bürgerliche Liste die absolute Mehrheit mit vier Stimmen Vorsprung.
29. September 2014, 18:08 Uhr
Der letzte noch lebende Mitbegründer der Gemündener SPD, Herbert Kömpf, wurde von Günter Rudolf (links) und dem örtlichen Vorsitzenden Thomas Schill geehrt.	(Foto: rs)
Der letzte noch lebende Mitbegründer der Gemündener SPD, Herbert Kömpf, wurde von Günter Rudolf (links) und dem örtlichen Vorsitzenden Thomas Schill geehrt. (Foto: rs)

Daran erinnerte das einzige noch lebende Gründungsmitglied Herbert Kömpf am Sonntagnachmittag bei der Festveranstaltung 50 Jahre SPD in Gemünden im Dorfgemeinschaftshaus von Burg-Gemünden. SPD-Fähnchen in den Tischvasen statt Blumen, eine Stellwand mit Plakaten und Flyern aus den Anfangsjahren der Sozialdemokratie in Gemünden und eine Auswahl von alten Broschüren auf Tischen unter einem SPD-Sonnenschirm: die Festveranstaltung 50 Jahre SPD in Gemünden war deutlich rot weiß geprägt. Der insgesamt lockere Rahmen wurde durch ein kalt-warmes Selbstbedienungsbuffelt ergänzt, unter den Gästen waren neben SPD-Vertretern von Landes- und Bundesebene auch die des Kreises, der umliegenden Kommunen und örtlichen Parteien und Vereinen. Der Leipziger Musikwissenschaftler Dr. Joachim Reisaus bereicherte das Programm mit verschiedenen Liedbeiträgen der Arbeiterbewegung wie »Wenn wir schreiten Seit’ an Seit’« und »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit.« Begleitet wurde er dabei auf der Gitarre von Peter
Gabriel.

Nicht nur dem Zeitgeist folgen

Ortsvereinsvorsitzender Thomas Schill zitierte einleitend aus dem alten Wahlkampfbrief des Ortsvereines Elpenrod von 1964. Die Wortwahl sei damals sehr kämpferisch gewesen, so Schill heute gehe es moderater zu. Habe damals eher Aufbruchstimmung geherrscht, gelte es heute zuerst das die Zukunft sichernde zu bewahren. Dabei müsse man feststellen, dass Politik nur in kleinen Schritten vorangehe. Die SPD habe in den vergangenen Jahrzehnten in Gemünden viele Dinge angestoßen, aber auch in für sie negativen Situationen sich immer klar zur Lage bekannt – etwa als ein SPD-Bürgermeister sich als in dem Amt nicht weiter tragbar erwiesen habe.

Günter Rudolph, parlamentarischer Geschäftsführer des SPD-Landtagsfraktion, erinnerte daran, dass es die SPD seit 151 Jahren gebe, die SPD sei somit die älteste demokratische Partei der Welt. Die SPD sei immer die Partei gewesen, die sich für Frieden und Freiheit eingesetzt habe. Es seien Sozialdemokraten gewesen, die früh vor der Gefahr des Nationalsozialismus gewarnt hätten, Frieden zu schaffen und zu bewahren, sei eine immerwährende Herausforderung. Dazu gehöre auch das Bewältigen des Asylbewerberzustromes, wobei den Kommunen bei der Unterbringung mehr Hilfe zukommen müsse. Im Jahr 1964 sei es wohl nicht einfach gewesen, im ländlichen Bereich plötzlich eine Parteigliederung zu gründen. Die Organisatoren seien damals mindestens kritisch beäugt worden. Mittlerweile sei man am anderen Ende der politischen Beteiligung angekommen, es seien – parteiübergreifend – immer weniger Menschen, die sich beteiligen wollten. Dabei sei die Kommunalpolitik die Keimzelle politischen Handelns. Aktuell sei dazu zu sagen, dass die Kommunen besser finanziell ausgestattet werden müssten, sonst müssten die Kommunen Steuern und Gebühren extrem erhöhen, die Verdrossenheit der Bürger sei dann absehbar und nachvollziehbar. Über allem müssten sich die Dörfer dem demografischen Wandel stellen, die Infrastruktur bei zurückgehender Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Die Grundausrichtung der SPD, auch an die Mitmenschen zu denken; lasse man sich nicht vom Zeitgeist kaputt machen, und vor diesem Hintergrund könne man stolz sein auf das, was die Partei geleistet habe, und was sie in der aktuellen Situation zu leisten im Stande sei.

Bundestagsabgeordneter Rüdiger Veit, selbst seit 47 Jahren SPD-Mitglied, erinnerte daran, dass im Gründungsjahr der Gemündener SPD 1964 Willy Brand Bundesvorsitzender geworden sei und die Friedenspolitik dem Ostblock gegenüber begonnen habe. Jetzt sei es schwer vorstellbar, dass im Zuge der Ukraine-Krise das Verhältnis zu Russland wieder eingetrübt sei. Innenpolitisch habe man in der Bundesregierung vieles erreicht, was aus SPD-Sicht wünschenswert gewesen sei. Mit Sorge beobachte er, dass kurdische Organisationen derzeit mit westlichen Waffen einerseits im Kampf gehen ISIS benötigt würden, andererseits aber daraus auch wieder kurdische Selbstständigkeitsbestrebungen mit eben diesen Waffen gestützt werden könnten.

»Jung, mer git in kee Partei«

Geehrt wurden Herbert Kömpf für 50 Jahre Parteizugehörigkeit. Das Gründungsmitglied in Elpenrod erhielt die goldene Ehrennadel. Karl Pitzer bekam die Willy-Brandt-Medaille, die von der SPD eher sparsam vergeben wird. Aber Pitzer habe die SPD in Gemünden immerhin 22 Jahre lange angeführt, hieß es in der Begründung. Von der AG 60+ meinte der Bezirksvorsitzende Hessen Nord Siegfried Richter, man habe in der Partei sicher keine Überalterung, sondern eine Unterjüngerung (unter den rund 60 Veranstaltungsteilnehmern am Sonntag dürften maximal zehn unter 50 Jahre alt gewesen sein). Die SPD könne stolz darauf sein, dass so viele Mitglieder der Partei auch im Alter die Stange hielten und mit ihre Erfahrungen einbringen würden. Zeitzeuge Herbert Kömpf erinnerte an seine Mitstreiter von 1964, die Elpenröder Liste zur Kommunalwahl war angeführt worden von Albert Suppes, gefolgt von Karl Hohl, Otto Reichel, Balthasar Erkel und Willi Philippi. Der phänomenale Wahlsieg habe in einem erzkonservativen Umfeld stattgefunden, auch seine Familie habe die Parteimitgründung in den ersten Jahren nicht verstanden. Seine Mutter, eine sehr christlich geprägte Kriegerwitwe, habe den Schritt des damals 22-jährigen Sohnes anfangs nicht akzeptiert und gesagt: »Jung, mer git in kee Partei«. Später habe sie diesen Schritt aber verstanden.

Ob der Erfolg der jungen SPD in Elpenrod es eine Signalwirkung gehabt hat, bleibt offen, aber im gleichen Jahr erzielte die SPD auch kreisweit erstmals die Mehrheit. Ein weiterer Ortsverein wurde 1966 in Ehringshausen gegründet, eine der treibenden Kräfte dort sei Willi Sann gewesen, erinnerte Kömpf. Sann sei bereits 2000 mit der Willy-Brandt-Medaille ausgezeichnet worden. Mit der Gebietsreform wurde 1972 der SPD-Ortsverein Gemünden gegründet.

Stärken und Schwächen

Peter Gabriel erinnerte in einer Schau von Zeitungsartikel von damals unter anderem an die eher ablehnende Haltung gegenüber der Mehrzweckhalle, man habe sie immer für zu teuer gehalten, konkrete Zahlen nicht bekommen. Frauen hätten in der SPD an vordere Stelle mitgearbeitet, so Anneliese Philippi als Fraktionsvorsitzende und Magdalena Pitzer als Ortsvorsteherin in Ehringshausen, Gabriel gestaltete den Rückblick sehr offen, denn zum einen erinnerte er an die eher resignierende Bilanz, gegen den später verurteilten Bürgermeister Peter Antmansky nicht viel ausgerichtet zu haben und zum anderen mit dem späteren SPD-Bürgermeister Paul Weber nicht die richtige Wahl getroffen zu haben.

Landrat Manfred Görig würdigte die Ortsebene in der Politik, und konstatierte, in der Opposition sei es für eine Partei natürlich eine schwierige Situation. In dieser Hinsicht habe er Karl Pitzer und seine Mitstreiter wegen ihres Engagements immer bewundert. Der allgemeine Veränderungsprozess schlage sich auch in den Mitgliederzahlen nieder, und man müsse mit nicht ausreichendem Geld immer mehr bewältigen. Das mache Politik wenig anziehend. Früher sei gefragt worden, wie groß bauen wir was, heute werde gesucht, wie man das wenige, was man habe erhalten könne, ohne die Bürger über Gebühr zu belasten.

Unterbezirksvorsitzender Swen Bastian erinnerte an das Umfeld der damaligen SPD-Gründung in Elpenrod: Der 1. FC Köln war Deutscher Meister, Ludwig Erhard Kanzler und Nelson Mandela wurde damals zu der langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Antrieb, um in die SPD einzutreten, seien damals wie heute das Ansinnen, Ungerechtigkeiten abzubauen. Das bedinge, dass man nahe an den Menschen sein müsse. Das Gesicht der Partei seien die Mitglieder und Funktionsträger vor Ort. Allgemein müsse man wieder mehr junge Menschen für Politik begeistern,

Bürgermeister Lothar Bott nutzte die Gelegenheit, Klage in Hinblick auf die mangelnde Ausstattung der Kommunen zu führen. Zudem leide die Kommunalpolitik vor Ort auch unter dem demografischen Wandel. Das betreffe nicht nur die Mitgliedschaft, sondern auch den Unmut, den die Bürger denen gegenüber äußerten, die vor Ort greifbar seien. Bei den nächsten Kommunalwahlen werde man merken, wie schwer es ist, für die zu erstellenden Listen auch Menschen zu bekommen. Konkret beklagte Bott, dass die Personalkosten bei den Kindergärten nicht vom Land oder Bund getragen werden, wie dies in den Schulen die Regel sei.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/gemuenden/art577,95313

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