12. März 2021, 21:48 Uhr

»Gegner sitzen oft weit weg«

Von Rekordgeschwindigkeiten ist der Ausbau der Windenergie derzeit meilenweit entfernt. Im Kerngebiet der OVAG, darunter der Vogelsberg, hat der Stromversorger zwischen 2016 und 2018 seine bisher letzten fünf Windparks ans Netz genommen. Eine »Flaute auf breiter Flur« beklagt Hans-Peter Frank. Gegner des Ausbaus seien oft nicht die Menschen vor Ort, sondern bundesweite Initiativen.
12. März 2021, 21:48 Uhr
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Aus der Redaktion
Zwischen Atzenhain und Nieder-Ohmen stehen Windenergieanlagen der OVAG und eines weiteren Betreibers. FOTO: JOL

Frank ist gleichzeitig Geschäftsführer des OVAG-Tochterunternehmens HessenEnergie, das seit 1993 Windenergieanlagen konzipiert, baut und deren Betrieb führt. Dieser Tage besichtigte er mit OVAG-Vorstand Oswin Veith und Ingo Deitermann (Bauleitung Windprojekte) unter anderem die Anlagen bei Mücke-Atzenhain nahe des Industriegebietes.

Oswin Veith, der an diesem Tag viele Windanlagen der OVAG in Augenschein nimmt, muss seinen Hut festhalten, da der Wind an ihm zerrt. Frank blickt in die Höhe zu den Rotorblättern, die einen Kreisdurchmesser von 115 Metern haben: »Prächtiger Wind für die Anlagen«. Seine Erfahrung wird durch einen Blick auf die digitale Anzeige bestätigt. »Windgeschwindigkeit elf Meter pro Sekunde. Die Anlagen laufen auf Volllast.«

Wenig Grund zur Freude mache aber die aktuelle Situation bei der Windenergie. Der schleppende Ausbau laufe konträr zu den Zielen der Bundesregierung, welche im neuen EEG (Erneuerbaren Energien Gesetz) festgeschrieben werden sollen. »Demzufolge«, erläutert Oswin Veith, rund sieben Jahre lang Mitglied des Bundestages, ehe er den Kommandostand der OVAG betrat, »soll der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung in Deutschland bis 2030 auf 65 Prozent angehobenen werden. Beim derzeitigen Schneckentempo ist das nicht zu machen.«

Inzwischen hat das Trio Ulrichstein erreicht, wo verschiedene Windparks angesiedelt sind. Am Standort Ulrichsteiner Platte nehmen die drei den ältesten Standort der von der Hessen-Energie betreuten Anlagen in Beschau. Hier entstanden 1994 dreißig Meter hohe Anlagen mit einem Rotorendurchmesser von gut 30 Metern und einer Leistung von 225 kW. Was seitdem geschehen ist, gleiche einem Sprung vergleichbar mit den ersten Mobiltelefonen zu den heutigen Smartphones. Hans-PeterFrank: »Wir blicken zurück in die Kindertage der Windkraft.« Nach dem Abbau von 13 Altanlagen haben Hessen-Energie und OVAG hier 2012 sieben neue 138 Meter hohe Anlagen in Betrieb genommen.

Diese Erneuerung durch leistungsstärkere Anlagen, das sogenannte Repowering, ist ein Pfeiler im Konzept der OVAG. Nach eigenen Worten produzierte das Unternehmen 2019 rechnerisch gut 30 Prozent des an die Kunden gelieferten Stroms naturnah. »Dass wir weiterhin unseren Beitrag zur Energiewende leisten wollen und müssen, ist unumkehrbar«, sagt Oswin Veith. »Wir wollen aber nur dort neue Anlagen errichten, wo die Mehrheit vor Ort einverstanden ist und sogar davon profitiert. Das bedeutet für die Politik noch stärkere Überzeugungsarbeit.«

Oft aber, so sieht es Hans-Peter Frank, seien es gar nicht Menschen, in deren Umgebung sich die Rotoren drehen sollen, sondern Organisationen von weit weg, die ihr Veto einlegen. »Wir treffen teilweise auf Vereinigungen, die mit einem sehr fokussierten Blick auf einzelne Umweltthemen und oft irreführenden Argumenten antreten, um generell gegen die Windkraftnutzung zu agieren. Dass ihre Belange ohne Klimaschutz und damit ohne eine CO2-freie Stromversorgung kaum Erfolg haben werden, wird missachtet. Neinsagen ohne Alternative löst keine Probleme.«

Mittlerweile ist die kleine Gruppe am Standort Ulrichstein Kopf und Köppel angekommen, wo die OVAG 2017 in einer Kooperation mit dem Vogelsberger Andy Bohn zwei Anlagen in Betrieb genommen hat. Dass Anlagen wie diese für die Zukunft unverzichtbar seien, daran will Oswin Veith keinen Zweifel aufkommen lassen. »2022 gehen die letzten Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz. Das Ende der Kohle für die Stromerzeugung ist spätestens 2038 vorgesehen. Wenn wir dann keinen geeigneten Ersatz haben, wird der Umstieg zu einer auf nachhaltigen Energieträgern basierenden Versorgung nicht funktionieren.«

Rotorstopp beim Kranichzug

Trotz aller Einsparungen werde der Strombedarf in den kommenden Jahren weiter steigen. Es werde dann wesentlich mehr »Windfelder« bedürfen so wie das größte im Vogelsberg, in Helpershain am »Goldenen Steinrück« mit über 40 Windkraftanlagen verschiedener Betreiber. Auch der OVAG, die an diesem Ort derzeit mit der Hessen-Energie ein umfangreiches Repowering plant. Kleine Anlagen werden durch weniger, aber größere ersetzt, die ein Vielfaches des Stromertrages liefern.

Auch ein Engagement bei einem Offshore Windpark in der Ostsee hat das Interesse der Verantwortlichen der OVAG geweckt. Veith will mögliche Bedenken beschwichtigen, es drohe keine Gefahr von »wildem« Ausbau in den heimischen Regionen. »Die Landesregierung hat mit ihren Teilregionalplänen exakte Flächen vorgegeben, auf denen überhaupt noch gebaut werden darf. Das sind weniger als zwei Prozent der gesamten Landesfläche.«

Zudem seien Ausgleichsflächen oder das Abschalten der Windräder zum Schutz von Fledermäusen und Greifvögeln eine Selbstverständlichkeit. Selbst wenn damit erhebliche finanzielle Einbußen einhergehen würden. Ein Beispiel: »Bei den Kranichzügen im Frühjahr und Winter sind wir gehalten, die Anlagen abzuschalten, wenn ein dafür beauftragtes Büro die Prognose erstellt, ein Massenzug sei zu erwarten. Kürzlich hat das fünf Windparks für achtzehn Stunden gleichzeitig betroffen, was einen Einnahmeverlust von rund 70 000 Euro bedeutet hat.«

Hans-Peter Frank teilt mit Ingo Deitermann eine Kindheitserinnerung, beide sind im Ruhrpott aufgewachsen. »Kohlenstaub auf der draußen aufgehängten Wäsche war der Alltag«, erinnert sich Deitermann. »Deutschland«, so Frank, »hat von der Last profitiert, die das Ruhrgebiet getragen hat. Für mich wirkt im Vergleich dazu der Widerstand gegen die Windkraft vor der eigenen Haustür oft wie eine wenig verantwortliche Haltung. Die sichere Stromversorgung bekommen alle. Ohne Nebenwirkungen ist dieser Standard nicht zu haben«.

Frank sieht zudem eine Behandlung nach zweierlei Maßstäben: »Wo wir mit der Lupe hinschauen müssen, dürfen andere Akteure die Augen schließen«. So könnten etwa kommerzielle Forstbetriebe mit schwerem Gerät durch den Wald brettern. Dann ist vom Schutz der Haselmaus keine Rede mehr«.

Für Oswin Veith steht fest: »Wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, muss die Regierung noch mehr Überzeugungsarbeit in der Bevölkerung leisten und die immer komplexer werdenden Richtlinien in Genehmigungsverfahren gerichtsfest machen.«



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