03. Juni 2008, 20:44 Uhr

Religiöse Kräfte nehmen mehr Einfluss auf Politik in Israel

Feldatal-Kestrich (jol). Knapp über die Hälfte der jüdischen Israelis bezeichnen sich selbst als »säkular«, aber fast alle legen Wert auf Einhalten der Feiertage, orthodoxe Hochzeit und Beschneidung der Jungen. Das liegt vor allem darin begründet, dass sich viele Juden als Teil einer jüdischen Nation sehen
03. Juni 2008, 20:44 Uhr
Prof. Dr. Gutmann: Einfluss religiöser Gruppen in Israel nimmt zu. (jol)

Feldatal-Kestrich (jol). Knapp über die Hälfte der jüdischen Israelis bezeichnen sich selbst als »säkular«, aber fast alle legen Wert auf Einhalten der Feiertage, orthodoxe Hochzeit und Beschneidung der Jungen. Das liegt vor allem darin begründet, dass sich viele Juden als Teil einer jüdischen Nation sehen, als Teil des Volkes Israel, und deshalb die religiösen Vorgaben einhalten, auch wenn sie praktisch nicht-religiös sind. In diese Feinheiten der israelischen Politik führte am Montag Abend Emanuel Gutmann ein. Der emeritierte Politikprofessor verwies beim Vortrag in der Alten Synagoge Kestrich auf eine zunehmende Aufladung der Politik mit Religion - auf jüdischer und palästinensischer Seite.

Der 1924 in München geborene Gutmann erläuterte nach der Begrüßung durch Ralf Müller vom ev. Dekanat in hervorragendem Deutsch den Einfluss der religiösen Kräfte in Israel mit der Gründungsgeschichte: 1948 einigten sich die größte religiöse Gruppe »agudat israel« mit den nicht-religiösen Zionisten darauf, einen israelischen Staat zu akzeptieren. Problem: Die Thora schreibt diese Aufgabe Gott zu, nicht den Menschen. Deshalb sind jüdische Feuertage wie Schabbat und Pessach ebenso festgeschrieben wie das Ehestandsrecht. Es gibt in Israel keine Zivilehe, Juden heiraten beim Rabbiner, Muslime bei Religionsgelehrten. Viele Juden leben mit zwei Kalendern, dem euro-christlichen für das Geschäftsleben und dem religiösen für den Alltag. Auch viele nicht-religiöse Juden zünden Freitagabend eine Schabbatkerze an, das ist Brauch.

Über die Jahrzehnte hat der Einfluss religiöser Gruppen in Israel zugenommen, besonders der der »Lubawitscher«, eine Gruppe, in der viele einen verstorbenen Rabbi als vorübergehend abwesenden Messias ansieht. Hinzu kommt, so Gutmann, dass die orthodoxen Juden seit der Eroberung von Westbank und Gazastreifen im Jahre 1967 immer radikaler geworden sind. Folge: Je mehr die rechte Seite des Parteienspektrum um die Likud-Partei Rücksicht auf Lubawitscher und Orthodoxe nimmt, desto heftiger reagiert die »linke« Seite um die Arbeitspartei. Bei arabischen Israelis wurde ebenfalls der Islam-Bezug über die Jahre wichtiger.

Wie es weitergeht, wisse keiner, da die großen Parteien offenbar immer schwächer werden und viele kleine Parteien um die Macht buhlen. Den Vergleich mit der Weimarer Republik, den ein Gast sah, wies Gutmann aber teilweise zurück. Zwar gebe es viele Kleinparteien, aber damals in Deutschland war Innenpolitik zentral, in Israel ist es die Außen- und Sicherheitspolitik.

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