09. Oktober 2015, 17:53 Uhr

Runder Tisch unterstützt Flüchtlinge in Ermenrod

Feldatal-Ermenrod (jol). Die neue Flüchtlingsunterkunft im Ermenrod wird von der Bevölkerung freundlich aufgenommen, bei einer Info-Veranstaltung gründete sich spontan ein »Runder Tisch«.
09. Oktober 2015, 17:53 Uhr
Gut besucht war die Info-Veranstaltung zu der Flüchtlingsunterkunft in Ermenrod, daran knüpfte der Runde Tisch an. (Foto: Archiv)

Offener Beifall bei der Diskussion um Hilfe für Flüchtlinge und Ablehnung von Hetze - selten hat Bürgermeister Dietmar Schlosser so viel Unterstützung erfahren wie bei seinem beherzten Eintreten gegen einen Redner mit offenkundig extrem rechten Hintergrund. Bei der Diskussionsrunde am Donnerstag im Gemeinschaftshaus Ermenrod über die neue Flüchtlingsunterkunft wurden die anwesenden Syrer und ein Afghane überaus freundlich begrüßt. Am Sonntag will der neu gegründete »Runde Tisch« die Neu-Ermenröder beim Salzekuchenfest bewirten, natürlich gibt es die oberhessische Spezialität dann auch ohne Schweinespeck.

Wichtigstes Ergebnis des Info-Abends mit Hans Ulrich Merle, Flüchtlingsexperte des Vogelsbergkreises, war die Gründung des Runden Tischs. Ein dutzend Besucher der Veranstaltung trugen sich spontan in die Liste ein, die Rolf Schmidt herumgehen ließ. Man will mit Kleidern und Fahrrädern helfen, gesprochen wurde über Fahrdienste und Unterstützung beim Deutschlernen.

Die positive Stimmung konnten die vier Besucher aus dem extrem rechten Spektrum nicht stören, von denen einer im Stil der Szene-typischen »Wortergreifungs-Strategie« versuchte, mit einem Redeschwall voller Vorverurteilungen die gut 60 Besucher zu beeindrucken. Als der Reibertenröder über angebliche Ängste der Bevölkerung sprach, wurde er von »Aufhören«-Rufen mehrerer Besucher übertönt. Schlosser stellte sich kurzerhand neben den Mann aus Reibertenrod und verbot ihm, die anderen zu unterbrechen. Dabei wurde Schlosser mit Beifall der übrigen Besucher unterstützt. Eine Besucherin hatte dem Rechts-Redner zuvor auf seinen ersten Beitrag hin vorgeworfen, sie habe keine Angst vor den Flüchtlingen sondern vor allem vor der Gewalt, die von interessierten Kreisen ausgeübt werde.

Flucht in »ein modernes Land«

Merle erläuterte, den Kreis-Mitarbeitern sei es wichtig, dass die Unterkünfte »innen und außen einen wertschätzenden Eindruck machen«. Bei der Sicherheit gebe es keine Kompromisse. Pro Bett müssten in einem Zimmer sechs Quadratmeter Fläche gegeben sein, dazu 3 qm »Bewegungsfläche« mit Flur, Bad und Küche. Vorgeschrieben ist eine Ausstattung mit Bett, Schrank, Tisch, Stuhl und einem Kühlschrank, um Konflikte um Lebensmittel zu vermeiden. Zur Zeit seien zwölf Häuser in Betrieb, aber am Dienstag kämen 49 Flüchtlinge, für die noch keine Unterkunft vorhanden sei.

Die ersten 15 Monate erhalten die Flüchtlinge abgesenkte Sozialleistungen, also einen gekürzten Hartz-IV-Satz und begrenzte medizinische Leistungen, zum Beispiel keine Behandlung von Traumatisierung. Um die Flüchtlinge möglichst schnell integrieren zu können, bietet der Kreis aus eigenen Mitteln einen kleinen Sprachkurs an, um Alltagssprache zu vermitteln. Dabei biete ein Lehrer der Volkshochschule zwei Stunden pro Woche Unterricht, ergänzt werde das durch Ehrenamtliche, die das Gelernte mit zwei weiteren Wochenstunden vertiefen.

Die Betreuung der Flüchtlinge geschehe im Auftrag des Bundes, eine neue Verordnung sehe ab November deutlich mehr Sprachkurse vor. Das betreffe den normalen Gang des Anerkennungsverfahren, wenn der Kreis Flüchtlinge nach der ersten Anhörung aufnimmt. Darüber hinaus könne das Innenministerium den Kreis verpflichten, eine große Zahl Flüchtlinge zur Entlastung der Erstaufnahmeeinrichtungen aufzunehmen. Das sei bereits in mehreren Landkreisen kurzfristig geschehen, so Merle - damit nahm er am Donnerstag die Entwicklung von Freitag vorweg, wonach der Vogelsbergkreis 1000 Flüchtlinge aus Erstaufnahmeeinrichtungen aufnehmen muss.

Die gut 60 Besucher interessierten sich für Hilfe, hatten aber auch Fragen, wie man am besten mit den Bewohnern der Unterkunft umgehen sollte. Ein Nachbar berichtete, er war überrascht, wie positiv die jungen Männer auf ein schlichtes »Hallo« auf der Straße reagiert hätten. Eine Nachbarin hat einen Kuchen als Geschenk erhalten und war sich nun unsicher, ob sie als Frau alleine in die Unterkunft gehen könne, um den Teller zurückzubringen. Sie fragte nach eventuellen kulturellen Schranken. Mit Übersetzung einer Besucherin fragte man kurzerhand bei den Flüchtlingen nach. Und diese sagten, sie seien ganz bewusst in ein modernes Land geflüchtet, sie wüssten über die Rolle der Frauen in Deutschland gut Bescheid. Etwas anderes sei es, wenn es die Frauen in der eigenen Familie betreffe, hieß es.

Der Deutschkurs für die zwölf Flüchtlinge wird wohl nicht so schnell kommen, erläuterte Merle auf eine Frage hin. Denn man brauche 20 bis 25 Teilnehmer. Der Vermieter der Unterkunft hat allerdings nach eigenen Angaben bereits einen Bekannten gefragt, ob er Unterricht geben könne. Und der pensionierte Lehrer habe eingewilligt. Auch ist er bereits dabei, eine Internetverbindung zu legen, damit die Syrer und der Afghane Kontakt zu ihren Familien aufnehmen können.

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