13. Mai 2022, 21:50 Uhr

Erinnerung an jüdische Familien

13. Mai 2022, 21:50 Uhr
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Von Jutta Schuett-Frank
Gunter Demnig aus Alsfeld hat in Bobenhausen ÍI die ersten Stolpersteine verlegt. FOTO: SF

Bei bestem Wetter hatten sich fast 100 Gäste und Interessierte getroffen, um bei der Stolpersteinverlegung dabei zu sein. Bürgermeister Edwin Schneider begrüßte alle im Namen der Stadt Ulrichstein hier in Bobenhausen II, zur ersten Verlegung von Stolpersteinen in der Geschichte der Stadt. Ein besonderer Gruß galt dem Künstler Gunter Demnig aus Alsfeld, den städtischen Vertretungen, Norman Kleeblatt aus New York mit Susan Rambow, Pfarrer Dr. Detlef Metz, Tobias Stier und seiner Familie, Frau Speier-Miller (dadurch Kontakt nach Israel) und Christel Buseck von der Koordinierungsgruppe Stolpersteine Gießen.

Für die musikalische Begleitung an der Zeremonie konnten Anka Hirsch (Cello) und Ulrike Schimpf (Saxophon) gewonnen werden. Sie begleiteten die Veranstaltung mit Vortragsstücken wie »Dance pice« von Wiliam Helsy (deutscher Jude), Abidau von John Zorn (amerikanischer Jude) oder auch von Ulrike Schimpf »Courage«.

Bürgermeister Edwin Schneider sagte: »Wir feiern in diesem Jahr zwei Stadtjubiläen: 675 Jahre Stadtrechte und 50 Jahre Großgemeinde. Diese Jubiläen sollen mit verschiedenen Veranstaltungen begangen werden. Die erste ist die heutige Verlegung von Stolpersteinen als Erinnerung an unsere ehemaligen Mitbürger.«

Ulrichstein hat seit dem 14. Jahrhundert eine lange jüdische Geschichte. Davon zeugen zum Beispiel das ehemalige Judenbad und die ehemalige Synagoge in der Kernstadt, aber insbesondere auch die beiden Judenfriedhöfe in Ulrichstein und Bobenhausen. Deshalb soll im Rahmen der Jubiläen auch an die durch den Nationalsozialismus verfolgten, deportierten und ermordeten jüdischen Mitbürger erinnert werden.

Bereits vor fünf Jahren hatte Norman Kleeblatt, Ururenkel der Familie Aaron, Bobenhausen besucht und Kontakt zum Bürgermeister aufgenommen. »Wir waren mit weiteren Angehörigen auf dem Judenfriedhof in Bobenhausen und hatten uns mit Elfriede Möser getroffen, die später in dem Haus, in dem die Familie Aaron gelebt hat, gewohnt hat. Leider kann Frau Möser den heutigen Tag nicht mehr miterleben«, berichtete das Stadtoberhaupt. Ein weiteres Treffen mit Norman Kleeblatt und seinen Angehörigen folgte im Jahr 2020.

»Da waren wir auch gemeinsam in dem Haus in der Hoherodskopfstraße 24. Günther Rahn hat uns dankenswerterweise durch das Gebäude, in dem die Aarons einst lebten, geführt und die Räumlichkeiten gezeigt«, so Schneider weiter. Kleeblatt habe dabei angeregt, vor dem Haus Stolpersteine zu verlegen. Die nötigen Schritte dazu wurden schnell in die Wege geleitet. Die Stadtverordneten haben bereits am 29. Mai 2020 den einstimmigen Beschluss gefasst, die Stolpersteine zu verlegen und die Kosten zu übernehmen.

Über die Presseberichte ist dann auch Tobias Stier aufmerksam geworden und hat angefragt, ob für die Familie Reiss vor seinem Haus in der Hoherodskopfstraße 61 diese Erinnerungstafeln verlegt werden könnten. Auch dieser Anregung ist die Stadt Ulrichstein gefolgt. Die Verlegung der Stolpersteine in Bobenhausen sollte ursprünglich bereits im vergangenen Jahr stattfinden, Dies war aber aufgrund Corona im letzten Jahr nicht möglich.

Die ersten Stolpersteine wurden in der Hoherodskopfstraße 61 vor dem Hause von Tobias Stier verlegt. Herman Reiss, Ida Reiss, Betty Reiss und Anneliese Reiss lauten die Namen auf den Steinen. Tobias Stier erinnerte: »Wer ein altes Haus erwirbt, wie meine Eltern vor 40 Jahren, dann besitzt man nicht nur das Gebäude zum Leben und Arbeiten, man tritt auch ein in seine Geschichte.« Seine Eltern stellten Nachforschungen an. Vor dem Krieg hat das Haus der Familie Reiss gehört. Hermann und Ida Reiss betrieben in Bobenhausen ein Kolonialwarengeschäft. Sie hatten vier Kinder Alfred, Julius, Betty und Recha. Alfred machte eine Ausbildung zum Lehrer und arbeitete später im Philanthropin, der Schule der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, und sein Bruder Julius erlernte das Bäckerhandwerk. 1933 kam die Machtergreifung. Die Reichspogromnacht brachte dann ein jähes Ende. Alfred verließ 1939 Deutschland und floh nach Palästina. Familie Reiss verkaufte in Bobenhausen alles und zog nach Frankfurt, denn die jüdischen Einschränkungen wurden immer stärker. Auch Frankfurt wurde unsicher, und so zogen sie nach Holland zu ihrer Tochter Recha. Tochter Betty und deren Tochter Elisabeth blieben in Frankfurt. Betty schickte ihre Tochter Elisabeth mit einem Kindertransport nach Palästina. Betty selbst wurde am 19. Oktober 1941 in das Ghetto von Lodz deportiert, von dort verliert sich jede Spur.

Nach dem überraschenden Überfall der deutschen Wehrmacht in das neutrale Holland im Mai 1940 wurden die Eltern Reiss und ihre Tochter Recha im Judendurchgangslager Westerborg interniert. 1943 folgte die Deportation ins Vernichtungslager Sobibor, an der polnisch-ukrainischen Grenze. Dort wurden Hermann und Ida Reiss am 23. Juli 1943 ermordet.

Jetzt, 79 Jahre später, verlegte der Künstler Gunther Demnig zur Erinnerung an die ehemaligen Bobenhausener Mitbürger,Stolpersteine vor dem damaligen Wohn- und Geschäftshaus der Familie Reiss.

Gedenken an Familie Aaron

Die zweite Verlegestelle war das Haus der Ururgroßeltern von Norman Kleeblatt in der Hoherodskopfstraße 24. Dort verlegte er gemeinsam mit Gunter Demnig die drei Stolpersteine seiner Vorfahren. Liebmann Aaron, Louis Aaron und Auguste Katinka Aaron.

Die dritte Station an diesem Tag war das Dorfgemeinschaftshaus. Dort hatte Ortsvorsteher Karl Rudi eine Fotoausstellung installiert. Sein Dank galt all denen, die ihm das Bildmaterial zur Verfügung gestellt und die ihn »als Zugezogenen mit viel Geduld ertragen haben, wenn er die Geschichten der Familien kennenlernen wollte«. Auch gab es eine gedeckte Kaffeetafel, um das Erlebte sacken lassen zu können.

Bildhauer Gunter Demnig hatte vergangene Woche in Bayern seinen 90 000. Stolperstein verlegt. Begonnen hat alles vor 30 Jahren mit seinem ersten Stolperstein vor dem Kölner Rathaus. Bislang war er in 27 Ländern tätig, in diesem Jahr kommt noch der Kosovo hinzu. Auch wenn er schon so viele Stein verlegt habe, berühre ihn jeder einzelne, denn immer stehe eine schreckliche Geschichte dahinter. »Stolpersteine sind nicht zum Stolpern gedacht, sondern man stolpert im Kopf und im Herzen.«



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