Vogelsbergkreis

Ein besonderer Hochzeitszug

Am Samstagnachmittag gab es in Nieder-Ohmen eine besondere Überraschung. Ein Ochsen- und Kuh-Gespann des roten Vogelsberger Höhenviehs zog einen geschmückten alten Erntewagen, früher »Leiterwagen« genannt, die Kirschgartener Straße hinunter zum Dorfgemeinschaftshaus.
24. August 2021, 21:57 Uhr
Jutta Schuett-Frank
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Regina und Wolfgang Kratz fahren mit Familienmitgliedern in einem Erntewagen zur kirchlichen Trauung. FOTO: SF

Am Samstagnachmittag gab es in Nieder-Ohmen eine besondere Überraschung. Ein Ochsen- und Kuh-Gespann des roten Vogelsberger Höhenviehs zog einen geschmückten alten Erntewagen, früher »Leiterwagen« genannt, die Kirschgartener Straße hinunter zum Dorfgemeinschaftshaus.

Auf dem Wagen hatten die Brautleute Wolfgang und Regina Kratz mit einer fröhlichen Kinder- und Enkelschar Platz genommen. Der sogenannte Hochzeitswagen stammt aus Dannenrod und wurde von den Oldtimer-Freunden zur Verfügung gestellt. Karl Wilhelm Becker ist dort auch Mitglied. Der alte Wagen, noch mit Holzrädern bestückt, wurde hervorragend geschmückt und gezogen wurde das alte Fuhrwerk von »Karleins«, Kuh »Gerlinde« und deren Tochter »Gertrud.« Begleitet wurde der Hochzeitswagen von Elke Gottlieb, Dr. Friedhelm Röder (Herbstein) und Rene Küster (Wölfersheim). Sie gehören zum Team rund ums Kuh-Fahrgeschäft. Karl Wilhelm Becker betreibt in Lehrbach einen »Arche-Hof« und hat die erste »Kuh-Schule« etabliert.

Erntewagen aus Dannenrod

Wer sich beim Spalierstehen an der Straße oder durch den Blick aus dem Fenster einen Eindruck verschafft hat, der wird sich die Arbeit und Mühe vergegenwärtigen können, mit der die Vorfahren auf dem Lande ihr Tagewerk auf Acker und Wiese zu bewältigen hatten. Die Mechanisierung nach dem Zweiten Weltkrieg machte durch den Einsatz der Traktoren die Zugtiere bald so weit überflüssig, dass fast der gesamte Bestand des Vogelsberger Höhenrindes verloren ging. Nur durch die Entdeckung eines schon »vergessenen« Restes an Sperma in der Gießener Zuchtstation konnte die hier in Oberhessen prägend gewesene Rasse bisher vor dem Verschwinden gerettet werden.

Weil der Bräutigam selbst in seiner Hopfgartener Zeit als aktiver Ziegenhalter unter anderem Thüringer Waldziegen gehalten hat - ebenfalls eine gefährdete Haustierrasse -, wollte er zu seiner Hochzeit ein sichtbares Zeichen setzen. In Ruppertenrod geboren und aufgewachsen, war seine Familie väterlicherseits dort als sogenannte Faseltierhalter (Haltung von Gemeindebulle, Gemeinde-Eber und Gemeindeziegenbock) tätig; der Hausname »Osseställersch« macht das deutlich. 1956 geboren, ist Wolfgang Alexander Kratz nach seinem Studium in Marburg und Wien seit 1989 als Gemeindepfarrer tätig, zuerst in Hopfgarten bei Alsfeld, dann in Oppenrod, seit 2011 »als höchster Pfarrer Hessens« in Herchenhain und immer zudem als Gehörlosenseelsorger im Vogelsberg, vorher war er zugleich auch »in und um Gießen« zuständig. Fast 25 Jahre war Wolfgang Kratz als Fußball-Schiedsrichter für den SV Ruppertenrod und die Spvgg. Hartmannshain aktiv.

Zuhause »Platt«

Die Braut Regina geb. Enders, 1955 geboren, ist waschechte Nieder-Ohmenerin. Sie war in ihrem Berufsleben als Arzthelferin tätig. Jetz engagiert sie sich als Prädikantin.

In der früheren Mittelpunkt- und später Gesamtschule Nieder-Ohmen saßen beide im gleichen Unterrichtsraum. Erst im gesetzteren Alter haben sie sich dann »wiedergefunden«. In der Bernsfelder Kirche gaben sich beide vor Pfarrerin Sylvia Puchert (Crainfeld) ihr Jawort. Dass ihre alten Klassenkamerad/innen und Kirchenvorsteher/innen der evangelischen Kirchengemeinde Nieder-Ohmen nach dem Traugottesdienst mit Sonnenblumen in den Händen zum Gratulieren kamen, hat die beiden sehr gefreut. Regina Kratz ist seit vielen Jahren selbst Mitglied im Kirchenvorstand. Untereinander und mit ihrer Umgebung sprechen die beiden gerne »oberhessiches Platt«. Ausdrücklich danken beide allen, die diesen besonderen Hochzeitszug bei prächtigem Sommerwetter möglich gemacht haben, eingeschlossen den Posaunenchor und den Singkreis der Gemeinde, die mit einer Abordnung ein Ständchen dargeboten haben.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/ein-besonderer-hochzeitszug;art74,749306

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