30. Juli 2021, 21:33 Uhr

Edelsteaks und Bäuerinnen mit 13 Fingern

30. Juli 2021, 21:33 Uhr
Avatar_neutral
Aus der Redaktion
Tim Frühling bei seiner Autorenlesung im Garten des »hôtel villa raab«.

Alsfeld (pm). Er ist ein Mann der Worte. Was er sagt, liest und schreibt sitzt und trifft - den Humor. Selbst dann, wenn es um ein ernstes Thema wie Mord in seinem mitgebrachten Kriminalroman »Totgegrillt« geht. Tim Frühling - Radiomoderator, Wetterfrosch und seit zehn Jahren auch Buchautor - bewies bei seiner Lesung an der Villa Raab seine Fähigkeiten, aber auch seine feinen Antennen. Alles was am Rande seiner Lesung geschah, baute er spontan ein - das Martinshorn, der vorbeigetragene Streuselkuchen, von dem er sich wünschte, es wäre Salzekuchen gewesen, aber auch die vollautomatische Toilette des Hotels mit Dusch- und Föhnfunktion, die er kurz vor seinem Auftritt entdeckte.

Grillparty endet im Desaster

Es war eine tolle Show, die der Wahl-Frankfurter ablieferte. Der 45-Jährige zeigte sich sehr unkompliziert und kontaktfreudig. Er ist einfach ein unterhaltsamer Typ, dem Wortwitz und Phantasie scheinbar mit in die Wiege gelegt wurden.

Seine Mutter Christine Frühling, die es sich mit Tims Ehemann auf einer Bank neben der Bühne gemütlich gemacht hatte, verrät, dass sie immer schon bemüht war, seine Fantasie anzuregen. Auf Autobahnfahrten gab es lustige Spiele wie Kennzeichen umdeuten. So wurde aus »VB-EK-13« beispielsweise in Sekundenschnelle die »Vogelsberger Bäuerin Erna Konrad mit 13 Fingern«.

Als Teenager entdeckte er das Radio für sich, übte zuhause schon das Moderieren und verfolgte den Weg konsequent. Die gut 100 Gäste hingen an seinen Lippen, verfolgten gespannt die Geschehnisse um den Bauunternehmer Leo Vossen, von Größenwahn und Geltungssucht durchfressen, dessen aufwändig geplante, exklusive BBQ-Party in einem großen Desaster endete.

Ob daran das verunglückte teure Edel-Steak aus Japan - das über raffinierte, dank Brexit möglicher Umwege den Weg nach Deutschland fand - daran schuld war, oder ob einer der Charaktere des Buches etwas damit zu tun hat, lies Frühling offen. Er hatte ja ein paar Bücher zum Kauf mitgebracht, die man vor Ort erwerben und sich widmen lassen konnte.

Stattdessen konzentrierte sich der Autor darauf, wortgewandt den Mercedes der Grills mit allen Raffinessen zu beschreiben oder sich besondere Dips und Soßen für das Barbecue auszudenken, von denen er dringend abriet, sie nachzukochen: »Das ist hier ein Krimi und kein Rezeptbuch!«

»Mir ist es wichtig, dass meine Leser oder Zuhörer sich in den Situationen wiederfinden oder ähnliche Situationen oder Menschen kennen«, erläutert Frühling am Rande der Lesung im Gespräch, für das er sich mit seiner Leserschaft auch viel Zeit nahm.

So kam es auch zu seinem ersten Buch »Nichts kann ich mir am besten merken«. »Ich wollte einfach mal ein paar Sachen aufschreiben, die ich mir merken kann oder die mir auffallen - Unnützes eigentlich - das jeder aber irgendwie auch kennt«, erinnert er sich. Damals gab er seine Geschichtensammlung an eine Bekannte aus dem Fischer-Verlag und war völlig überrascht, dass sie seine Geschichten als Buch veröffentlichen wollte.

Die Aufkleber an den Autos

An seiner Idee des Schreibens, seiner persönlichen Note, allseits bekannte Alltagsszenen so überspitzt und mit dramaturgisch aufbauendem Humor so zu erzählen, dass er sowohl Spannung aufbaut, als auch die Leser - oder in dem Fall Zuhörer - zum herzhaften Lachen bringt, hat er bis heute festgehalten.

Zum Ende der Lesung griff er dann noch mal zu seinem Erstlingswerk. So gab es unter anderem scharfsinnige Gedanken über Aufkleber, die innerhalb von Sekunden ganze Geschichten über die Familie im Auto erzählen: Die gekreuzten Schwerter der Sansibar, der verkorkste Knochen, der Sylt darstellen soll, die Atomkraft-Gegner-Aufkleber aus den 80ern sowie die Eltern, die die Namen ihrer Kinder auf die Heckscheibe kleben: »Früher waren die Aufkleber dafür gedacht, dass der Hintermann aufgrund der leichteren Verletzlichkeit eines kleinen Kindes im Wagen davor langsamer fahren möge. Bei mir sorgen sie dafür, möglichst eng aufzufahren, um auch genau entziffern zu können, mit welcher Scheußlichkeit eines Namens der vor mir seine Brut lebenslang quälen will.« Stichwort: »Priscilla-Joelle-Charmaine an Bord«.

Das Team der »tante mathilde« versorgte die Gäste bei dem schönen Wetter mit Getränken und kleinen Speisen. Nur Gegrilltes gab es nicht: »Wir haben uns bewusst dagegen entschieden«, so die Köche schmunzelnd. »Wir hätten es bei dem Edel-Steak als Konkurrenz in dem Krimi ja nur falsch machen können!«



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos