13. Mai 2021, 22:09 Uhr

Der Vogelsberg trocknet aus

Der Vogelsberg trocknet aus, auch die Schneeschmelze und der Frühjahrsregen brachten keine Trendwende. Das zeigt sich am niedrigen Wasserstand in Bächen und steinharten tieferen Bodenschichten. Die Folgen sind absterbende Fichten und Buchen sowie Quellen, die länger als üblich trockenfallen. Sorgen bereitet auch der Grundwasserspiegel.
13. Mai 2021, 22:09 Uhr
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Von Joachim Legatis
Die Ohmquelle bei Ulrichstein plätschert im Frühjahr, aber der Boden bleibt zu trocken. FOTO: JOL

Die sprießenden Knospen und der leichte Regen der vergangenen Tage täuschen darüber hinweg: Es ist viel zu trocken in der Vogelsberger Natur. Quellen werden zu Rinnsalen, Fichten und Buchen leiden unter Dürrestress und das Grundwasser bekommt keinen Nachschub aus den oberen Bodenschichten. Das berichten Waldexperte Hans-Jürgen Rupp, Ruben Max Garchow vom Naturschutz-Großprojekt und der Quellen-Spezialist Stefan Zaenker.

So sieht Zaenker »eine dramatische Lage«. Er hat für öffentliche Einrichtungen bereits mehrere Gutachten zum Zustand der Quellbereiche erstellt. Der Niederschlag in Winter und Frühjahr hat nicht gereicht, um den Grundwasserspiegel aufzufüllen, der in den vergangenen Dürrejahren gefallen ist. »Wenn sich nicht richtig was tut, sind die Quellen in vier Wochen wieder trocken.« Das hätte verheerende Folgen für Tierchen wie die seltene Rhönschnecke, die in natürlichen Höhlen leben.

Bereits im vergangenen Jahr hat Zaenker im Bereich Alsfeld 30 Quellbereiche untersucht. Dabei wurde der Rückbau von gemauerten Wasserbecken besprochen, um geschützten Tieren mehr Lebensraum zu schaffen. Bei dieser Untersuchung kam auch zur Sprache, dass die Quellen über die Jahre hinwg austrocknen. »Es ist verheerend, was da passiert, irgendwann wird es einen Kampf um das Wasser geben«, folgert Zaenker.

Das zeigt sich deutlich im Wald. Ohne Wasser haben Bäume keine Lebensgrundlage, wie Hans-Jürgen Rupp beklagt. Der Leiter des Forstamts Romrod und Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald sieht das Hauptproblem in tieferen Bodenschichten. Durch Schnee und Regen im Winter und Frühjahr ist die Oberfläche gut durchfeuchtet. Aber die Bodenschichten in 1,50 Metern Tiefe »sind hart wie Beton und nehmen kein Wasser auf«. Das schädigt die älteren Bäume, die jungen Bäumchen können zunächst noch wachsen.

Hauptproblem war der Sommer 2018 mit lang andauernder Hitze. Danach kamen zwei trockene Jahre, allein im Vorjahr lag der Niederschlag um rund 20 Prozent unter dem Durchschnitt. »Sie müssen im Wald nach oben schauen, da sehen sie die lichten Kronen und abgestorbenen Äste«, fordert Rupp auf. Die Fichten seien in den niedrigeren Höhenlagen des Vogelsbergs stark betoffen, aber auch die »Hauptbaumart« Buche leidet unter Dürrestress.

Klimakrise mit Dürre und Hochwasser

Damit sie nicht zum Risiko für Spaziergänger und Autofahrer werden, werden kränkelnde Buchen gefällt. Rupp spricht gar vom »Buchensterben«, weil sich auf geschwächten Bäumen ein weitverbreiteter Pilz massiv vermehren kann.

Helfen könnte nur wochenlanger Landregen. Nach der langen Trockenheit ist der Untergrund verdichtet, das Regenwasser verdunstet und gelangt nicht mehr in tiefere Schichten. Und wenn es regnet, dann wie aus Kübeln in einem kleinen Gebiet. Das führt zu Hochwasser wie im vergangenen Jahr gleich mehrfach in Gemünden und Romrod. Das Wasser fließt aber schnell ab, statt langsam zu versickern.

Die einzige Abhilfe sieht Rupp darin, »die Reißleine zu ziehen«, um den Temperaturanstieg zu begrenzen. Seit 1880 sei die Durchschnittstemperatur um 1,2 Grad Celsius gestiegen. Das bringe Dürre und andere Wetterextreme.

Die Folgen von Jahren ohne ausreichende Regenmengen bekommt auch das Hochmoor auf dem Vogelsberg-Gipfel zu spüren. Dort ist vor Jahren die Drainage verschlossen worden, um Wasser zurückzuhalten. Zunächst hat sich das Hochmoor erholt, wie Ruben Max Garchow sagt.

Doch auch im regenreichen Hohen Vogelsberg sinken die Wasserpegel, wie man beim Monitoring des Moores feststellt. So ist der Pegel unter anderem im September/Oktober 2020 stark gesunken. »In den letzten drei Jahren sieht man den Einfluss von zu geringen Regenmengen deutlich«, so lautet das Fazit des Projektleiters.

In Bereichen, wo die Drainage des Feuchtbereichs erhalten geblieben ist, sank der Moorwasserpegel sogar um einen Meter. Garchow bestätigt, was Rupp sagt. Bei Bodenuntersuchungen im Raum Grebenhain hat man unter einer feuchten Bodenschicht komplett ausgetrocknete Bereiche gefunden. Die Lage bei den Quellen ist unterschiedlich, einige fallen trocken, andere führen weiter Wasser.

Wiese verbrennt

Noch eine Folge des Klimawandels ist die starke Sonneneinstrahlung. Denn die Wiesen im Hohen Vogelsberg werden gemäht, um Viehfutter zu erhalten. Manche Grasflächen sind im heißen Sommer des Vorjahres regelrecht verbrannt, wie Garchow beobachtet hat. Nun müssen sie sich erst langsam regenerieren. Doch eine Kältewelle hat die Vegetation um zwei Wochen zurückgeworfen. Nun fehlt Gras als Viehfutter.



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