31. März 2021, 21:38 Uhr

Der Mann mit dem Spaten

Er redet sehr ruhig, er kann zuhören, abwägen. Gute Kommunikation ist sein Anliegen. Andreas Sommer ist seit drei Jahren Bürgermeister von Mücke. Den größten Teil seines Berufslebens hat er allerdings als Forstbeamter verbracht. Das erklärt seine vielen Baumpflanzungen. Jetzt blickt er auf die erste Hälfte seiner Amtszeit zurück.
31. März 2021, 21:38 Uhr
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Von Rolf Schwickert
Bürgermeister Andreas Sommer pflanzt in Ober-Ohmen eine neue Linde am Spielplatz. Das ist nachhaltig, denn ein alter Baum in der Feuerwehrausfahrt ist gefällt worden. FOTO: SF

Herr Sommer, Bürgermeister sieht man normalerweise am Schreibtisch, bei Reden oder Ehrungen. Sie treten häufig zu Baumpflanzungen mit einem Spaten in Erscheinung.

Für einen Forstmann ist es nichts Neues, immer wieder mal einen Baum zu pflanzen. Das werde ich auch beibehalten. Nachhaltigkeit kommt ja aus der Forstwirtschaft, wenn man etwas gefällt hat, muss man nachpflanzen. Heute ist das in aller Munde.

Schon im Wahlkampf vor drei Jahren haben Sie Wert auf gute Kommunikation gelegt. Beobachten Sie in Mücke einen Trend zum Positiven?

Ja, auf jeden Fall. Das ist der Schlüssel, wenn man glaubwürdig sein will. Auch die Tatsache, dass ich mich hier auf die Kommunalarbeit konzentriere und allerlei Pöstchen seitlich ablehne, Wenn ich die Kommunikation ernst nehme, dann brauche ich die Zeit. Das fängt an mit der Bürgersprechstunde montags. Sie ist immer noch gut besucht, trotz Corona. Ich besuche alle Ortsbeiratssitzungen, Dienstbesprechungen gibt es auf allen Ebenen, jeden Montag fängt die Woche mit einer Abteilungsleiterbesprechung an. Ich bin rund um die Uhr dabei, zu kommunizieren und Informationen weiterzugeben.

Kommunikation könnte auch im neuen Parlament wichtig sein, weil eine Koalition nicht absehbar ist.

Warum eigentlich immer der Zwang zur Koalition? Ein ehrlicher Dialog findet in der Form statt, dass man sich einer Sache zuwendet. Das ist bereits in vielen Fällen so geschehen. Es gibt viele Ideen der Fraktionen, die letztlich von allen Fraktionen auch angenommen wurden. Das ist eine super Sache, das hat in den letzten drei Jahren gut funktioniert. Und so stelle ich mir das auch zukünftig vor. Ich kann mir eine künftige Gemeindevertretung auch ohne definierte Mehrheiten vorstellen. Das ist dann auch ein deutlich fairerer Umgang miteinander.

In Mücke muss sehr viel investiert werden. Ist das alles zu schaffen?

Ja, wir haben einen strammen Investitionshaushalt vorgelegt. Ein Grund dafür ist, dass Investitionen darunter sind, die wir uns in den vergangenen Jahren verkniffen haben aus Gründen der Haushaltskonsolidierung. Dazu gehören die Erweiterung am Bauhof, die Kitaerweiterungen, die Verbesserungen bei Löschwasserreserven und das Feuerwehrhaus in Atzenhain - für manche Kommunen ist das ein Drei-Jahres-Programm. Ich bin ein Anhänger von Investitionen, denn wir sind kein Sparverein. Klug war sicher die Entscheidung, das zu strecken. Denn es ist illusorisch, dass wir das alles im laufenden Jahr schaffen.

Investitionen werden mal abgearbeitet sein. Die Personalkosten für zehn neue Stellen bei der Kinderbetreuung bleiben. Wie wird das gestemmt?

Ja, die Kosten werden bleiben, man kann nur andere Betreuungsmodelle forcieren wie beispielsweise Tagesmütter. Jede Tagesmutter, die ein Kind betreut, ist für uns eine echte Einsparung. Ich hatte bereits 2020 dem Kreis den Vorschlag gemacht, wir stellen das Bahnhofsgebäude Nieder-Ohmen zur Verfügung, tragen die Nebenkosten, Hauptsache wir geben Tagesmüttern die Chance, Kinder zu betreuen. Vor diesem Hintergrund der Kostenbelastung war es richtig, bereits im Vorjahr die Einnahmenseite zu stärken. Bei einigen Gebührensätzen müssen wir allerdings noch nachlegen.

Eine Diskussion gab es zu Straßenausbaubeiträgen. Wie wird das in den nächsten Jahren weiter gehen?

Wir bleiben bei den Straßenausbaubeiträgen bei der einmaligen Erhebung, und so lange wie möglich wird repariert. Eine Option wäre, den Gemeindeanteil zu erhöhen, um die Anlieger zu entlasten, und auch die Streckung der Zahlung auf 20 Jahre ist eine Erleichterung für die Bürger. Wir haben die möglichen Abrechnungsvarianten in öffentlichen Veranstaltungen vorgestellt, und im Nachgang kam weder aus der Bürgerschaft noch aus der Lokalpolitik das Bedürfnis, den seitherigen Modus zu ändern.

Mücke verzeichnet Zuzug. Wie wird der Nachfrage Rechnung getrage?

Aktuell wollen wir das Baugebiet Atzenhain entwickeln, aber da müssen wir neue Wege gehen. Das werden wir extern vergeben. Wir haben erste Gespräche mit Investoren geführt. Das sollte dann im Haushalt erst gar nicht auftauchen. Wir müssen schon aufpassen, dass wir auch die anderen Ortschaften mitnehmen.

Fliegenpatschen, Logos, Embleme, Honig, - das alles für eine Identität Mücke. Ist das im Hinblick auf Tourismus?

Ja, wir sammeln entsprechende Produkte. Ich bin ein Freund von Symbolen. Das Logo haben wir hin zu Hessens grüner Mitte weiter entwickelt, um vom rein geografischen Begriff einen Qualitätsbegriff einzubringen. Die Artenvielfalt hier müssen wir nutzen. Ich bin dankbar für unseren naturnahen Seenbach, den hohen Waldflächenanteil. Es muss uns klarer werden, dass das viel wert ist. Identität kommt durch heimische Produkte, jetzt der Honig und die Vogelsberger Landeier, demnächst kommen Nudeln, Kartoffeln sind in Vorbereitung. Vor gut eineinhalb Jahren haben wir unsere kleine Tourismus-AG gegründet, das macht sich ganz gut.

Lockdown bedeutet Schwierigkeiten für Gastronomie und andere Firmen. Sind Schließungen abzusehen?

Es gibt sogar Gastronomie, die vom Lockdown profitiert, keine Personalkosten, ganz beschränkte Nebenkosten hat. Aber andere können oder wollen dem Personal nicht kündigen, für die ist es dann dramatisch. Viele Firmen über die Gastronomie hinaus haben leider Schwierigkeiten, mit den Beschränkungen zurecht zu kommen. Mir ist aber glücklicherweise keine Firma bekannt, die mittlerweile auf der Kippe steht.

Was war besonders erfreulich?

Angenehm überrascht hat mich, wie schnell und einfach die Waldkita funktioniert hat. Es ist fast unheimlich, das ist ein echtes Erfolgsmodell. Jetzt haben wir eine Warteliste und auch schon integrative Betreuung. Alle Beteiligten haben optimal agiert. Betriebswirtschaftlich muss man für eine eingruppige Einrichtung 500 000 Euro kalkulieren, und hier werden wir mit der Waldhütte bei 65 000 Euro landen.

Wird es eine zweite Waldgruppe geben?

Es gibt keine konkrete Plaung, aber wir überlegen das tatsächlich. Denn auch wenn Merlau und Groß-Eichen erweitert sein werden, haben wir wohl noch eine Warteliste. Wir überlegen eine zweigruppige Einrichtung, eine indoor, eine outdoor für Ü 3 Das wäre dann nicht auch in Flensungen, sondern in einer anderen Ortschaft, wo Gemeindewald vorhanden ist.

Vor zwei Jahren haben Sie im Rückblick auf das erste Jahr nichts bereut. Bereuen Sie inzwischen etwas?

Nein, ich habe nichts dazu gelernt. Aber - ja doch: Ich hätte den Wechsel schon vorher machen sollen. Denn Bürgermeister ist ein toller Beruf. Ich kenne die öffentliche Verwaltung, und ich kenne die kommunale Selbstverwaltung, man kann hier Ideen umsetzen. Kommunale Selbstverwaltung heißt, selbst gestalten können, und das ist eine Supersache, wenn man die Gremien auf seine Seite bringt, und wenn man die Zeit dafür hat. Bestes Beispiel ist der Seenbach. Innerhalb kürzester Zeit wurde das geplant und begonnen, auf fast eineinhalb Hektar kann man was Gutes tun für den Artenschutz.

Sie sind ein nicht parteigebundener Bürgermeister. Fehlt da Vernetzung?

Ich kann das nicht sehen. Ich habe einen guten Draht zum Kreis, auch wenn ich kein Parteimitglied bin. Ich bekomme alle Informationen, die auch die anderen bekommen. Vielleicht muss ich mich etwas mehr selbst darum kümmern. Wenn ich bisher die Finger ausgestreckt habe nach Fördermitteln, hat das super funktioniert. Etwa beim Radweg Bernsfeld - Nieder-Ohmen: Ein Brief ans Ministerium und 14 Tage später ist die Zusage der vollen Kostenübernahme da. Und die unabhängigen Bürgermeister werden in Hessen immer mehr.

Sie sagen, man muss neben dem Spaß am Beruf auch viel Zeit mitbringen. Vor zwei Jahren haben sie geäußert, sich mehr Zeit für die Gattin frei schaufeln zu wollen. Hat das geklappt?

(Lacht) - Sagen wir mal so: Ich habe das Glück gehabt, dass mich meine Gattin bezüglich Arbeitsaufwand noch überholt hat. Durch die Gründung der zweiten Praxis kann ich jetzt sagen: Was ist denn eigentlich aus unserem gemeinsamen Termin geworden?



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