21. April 2021, 21:46 Uhr

Brachflächen bringen bares Geld

Die Landwirtschaft wird künftig mehr Rücksicht auf die Umwelt nehmen müssen. Die Direktzahlungen an Betriebe werden zugunsten des Naturschutzes umgeschichtet. Das hat Folgen für die Vogelsberger Bauern. Es wird Gewinner und Verlierer geben, sagt Bauernverbandsvorsitzender Volker Lein.
21. April 2021, 21:46 Uhr
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Von Joachim Legatis
Landwirte wie Marc Ritter in Lingelbach müssen mit einem Systemwechsel bei den Agrargeldern der EU fertigwerden. Dabei wird es Gewinner und Verlierer geben, sagt Bauernverbandsvorsitzender Lein. FOTO: JOL

Die Ministerinnen haben sich geeinigt und sprechen von einem Systemwechsel für die Landwirtschaft. Das sieht Volker Lein kritisch. »Mir als Bauer wird da Angst und Bange«, meint der Vorsitzende des Kreisbauernverbands als Kommentar auf den Kompromiss in der Agrarförderung zwischen Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und Umweltkollegin Svenja Schulze. Es soll mehr Geld für Umweltschutzmaßnahmen geben, dafür werden die Direktzahlungen gekürzt.

Das nützt den Betrieben, die Fleischrinder in der Herde auf der Wiese stehen haben. Es kann aber die für den Vogelsberg typischen Milchviehbetriebe belasten.

Die absehbare Entscheidung in Berlin wirkt also direkt in den Vogelsberg hinein. Der Kompromiss zwischen Landwirtschaftsministerin Klöckner und Umweltministerin Schulze dreht sich um die Agrargelder, die von der Europäischen Union verteilt werden. Demnach sollen 25 Prozent der Direktzahlungen an Umweltleistungen gebunden werden. Das betrifft Zahlungen von rund sechs Milliarden Euro ab 2023. Von dieser Summe sind bislang rund 4,9 Milliaden Euro sogenannte Direktzahlungen.

Zuschlag für kleine Betriebe

Wie groß die Überweisung an den einzelnen Betrieb ausfällt, das bemaß sich bislang vor allem an der bewirtschafteten Fläche. Künftig sollen diejenigen belohnt werden, die auf Pestizide verzichten und Flächen brach fallen lassen. »Die Landwirtschaft darf der Umwelt nicht schaden«, meint Lein im Gespräch. Die Bauern müssten aber von den Flächen und der Tierhaltung leben. In diesem Spannungsfeld ist manches nicht einfach, es werde Gewinner und Verlierer der Reform geben. So wird künftig eine Weidetierprämie für die Haltung von Mutterkühen, Schafen und Ziegen gezahlt. Damit wird der Trend der letzten Jahre hin zur Mutterkuhhaltung unterstützt. Einige Milchbauern haben den Stall geschlossen und halten lieber Fleischrinder auf der Weide. Auf Milchviehbetriebe erstreckt sich die Prämie nicht, auch wenn die Tiere auf die Weide gehen. »Das finde ich nicht gerecht«, sagt Lein.

Unklar ist auch, wie sich die Pflicht zur Schaffung von Brachen auswirkt. Drei Prozent der Flächen müssen stillgelegt werden. Bei 100 Hektar sind das drei Hektar, auf denen sich wild lebende Tiere und Pflanzen ansiedeln können. Dafür gibt es einen Ausgleichsbetrag. Landwirte erhalten die gekürzte Flächenprämie nur, wenn sie Brachen schaffen. Ob der Einkommensverlust insgesamt ausgeglichen wird, ist unklar. Zudem befürchtet der Vizevorsitzende des hessischen Bauernverbands mehr Bürokratie, wenn die Kontrollen ausgeweitet werden.

Der in Berlin angekündigte Systemwechsel sollte eigentlich die Betriebe im Vogelsberg stärken.

Denn für kleine Betriebe mit Flächen bis 40 Hektar gibt es einen Zuschlag. Zudem sollen Junglandwirte anfangs unterstützt werden, »damit will man die Fortführung des Betriebs sichern«.

Es gibt aber auch Betriebe, bei denen weniger ankommt. Gut wirtschaftende Landwirte mit größeren Flächen müssen ihre Gewinne inklusive Flächenprämie versteuern. Betriebe mit geringerem Ertrag brauchen hingegen von den Agrargeldern nichts abgeben. Lein wünscht sich, dass nicht nur Gelder umgeschichtet werden, sondern dass zusätzliche Mittel für Umweltaufgaben ins System kommen. Bislang ist allerdings unklar, wie die Reform umgesetzt wird.

Schwierig kann es aber für Milchbauern werden, die zwei Millionen Euro in einen neuen Stall investiert haben. Dieser Landwirt »muss erst einmal produzieren, um den Kredit abzubezahlen«. Dabei fehlt dann das Gras von der Brachfläche, die bisher gutes Futter geliefert hat.

Die Brachflächen seien nicht überall ein Gewinn für die Natur, gibt Volker Lein zu bedenken. Das erlebe er beim Naturschutzgroßprojekt Vogelsberg. Für den Umweltschutz würden verwilderte Hecken geschnitten und andere Pflanzen verdrängende Lupinen ausgestochen.



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