09. Mai 2021, 19:43 Uhr

Birnbaum erinnert an Opfer

09. Mai 2021, 19:43 Uhr
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Aus der Redaktion
Ivonne Pfohl, Moritz Bierwirth und Jannis Kimm aujs der Fachoberschulklasse setzen den Birnbaum im Hof der Gedenkstätte Speier in Angenrod. Mit dabei sind Bernhard Pfohl (Firma Otterbein) sowie vom Trägerverein Claudia Legatis, Gerhard Zinßer, Konrad Rüssel und Jürgen Udo Pfeiffer. FOTO: PM

Alsfeld (pm). Sie wollen »ein Zeichen setzen, dass es weitergeht« und pflanzen einen Birnbaum. Dieser Tage haben Ivonne Pfohl, Moritz Bierwirth und Jannis Kimm im Hof der Gedenkstätte Speierhaus einen Birnbaum eingepflanzt. Mit einiger Mühe gruben sie das Pflanzloch für ein Exemplar von »Gellerts Butterbirne«. Erschwert wurde die Arbeit durch die Ziegelreste und Splitter im Erdreich des Hauses an der Bundesstraße in Angenrod. Die Scherben erinnern an die turbulente Geschichte des Anwesens.

Der junge Obstbaum steht anstelle eines prächtigen Birnbaums, den Hauseigentümer Leopold Speier im September 1942 umgesägt hat. Kurz danach wurde der Familienvater mit Ehefrau und zwei Kindern sowie mit vier weiteren Angenröder Juden von der Polizei verschleppt und später ermordet. Nach einem Augenzeugenbericht, auf den Autor Ingfried Stahl verweist, wollte der Hauseigentümer das leckere Obst nicht seinem Nachfolger überlassen und hat den Baum kurzerhand umgesägt.

Auf diese Begebenheit sind die drei Schüler der 12. Klasse der Fachoberschule an der Max-Eyth-Schule Alsfeld im Unterrichtsprojekt »Alsfeld entdecken« gestoßen. Dabei kooperiert die Schule mit dem Verein Gedenkstätte Speier Angenrod, der das Speierhaus als außerschulischen Lernort zur Geschichte der Landjuden saniert und eingerichtet hat. Über Jahrhunderte waren Juden im Vogelsberger ASlltag präsent. In Angenrod waren um 1861 knapp 42 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner jüdischen Glaubens. Die Ausstellung im Speierhaus handelt vom Zusammenleben im Dorf, den Kontakten im Alltag und dem Berufsleben. Andere Bereiche verweisen auf Ausgrenzung und Ermordung im 3. Reich.

Dass auch Vogelsberger im Jahre 1942 deportiert und getötet wurden, finden die Schüler nach eigenen Aussagen erschreckend. Unter den Angenrödern, die im September 1942 am Haus der Familie Speier in einen Lkw geladen wurden, waren auch die erst neunjährige Liselotte Speier und ihr 14-jähriger Bruder Alfred.

An die letzten Jüdinnen und Juden von Angenrod wollen die Schüler mit ihrer Aktion erinnern. In Absprache mit dem Gartenbaubetrieb Räther suchten sie einen geeigneten Baum aus. Eine Spende der Zement- und Kalkwerke Otterbein unterstützte die Pflanzaktion, an der auch Vertreter des Speierhaus-Vereins teilnahmen. Einen großen Dank richten hierbei die Schüler den Zement- und Kalkwerken Otterbein, die den Baum und einen Sack Weißkalkhydrat gespendet haben.



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