14. Januar 2021, 21:50 Uhr

Bauern streiten für Tierwohl

In Cloppenburg und Darmstadt blockieren Landwirte Zentrallager von Supermarktketten. Sie fordern einen Milchpreis, von dem die Betriebe leben können. Der Bauernverband protestiert unterdessen gegen Schweinefleischpreise, die ins Bodenlose gefallen sind. Das trifft auch Vogelsberger Landwirte, sagen Marc Ritter und Andreas Kornmann. Dabei geht es auch um das Tierwohl, denn ohne auskömmliche Preise entstehen keine Ställe mit mehr Platz für Rinder und Schweine.
14. Januar 2021, 21:50 Uhr
legatis_jol
Von Joachim Legatis
Investieren in Tierwohl: Marc Ritter will mehr Verständnis für die Arbeitsweise von Landwirten schaffen. FOTO: JOL

Es geht auch um Vogelsberger Landwirtschaft, wenn Bauern ein Zentrallager des Lebensmittel-Riesen Aldi blockieren. Mit ihrer Aktion haben Milchviehhalter aus dem norddeutschen Cloppenburg viel Aufmerksamkeit auf die schwierige Lage für den Berufsstand erhalten. Doch nicht nur Milchbauern steht das Wasser bis zum Hals. Auch Schweinemäster stehen unter starkem Druck, worauf gerade der Bauernverband hinweist. In beiden Bereichen stellt sich die Grundfrage, wie hiesige Landwirte für bessere Haltung von Tieren sorgen können, wenn Preise gesenkt werden.

Deshalb findet Marc Ritter öffentlichkeitswirksame Aktionen gut, auch wenn er Blockaden als politisches Druckmittel eher distanziert sieht. Ritter ist Vogelsberger Sprecher der Initiative »Land schafft Verbindung« (LsV), die in die Protestaktionen in Cloppenburg, Leer und Darmstadt stark eingebunden ist. Er führt mit den Eltern einen Hof mit 120 Milchkühen in Alsfeld-Lingelbach. Zusätzlich baut die Familie Getreide an und betreibt mit zwei Nachbarn eine Biogasanlage für Nahwärme und zur Stromerzeugung. Die Breite des Betriebs zeigt auf, dass moderne Landwirtschaft viele Gesichter hat.

Für die Milchviehbauern in Niedersachsen ist die Lage etwas anders als für die Vogelsberger, sagt Marc Ritter. Die Norddeutschen konzentrieren sich oft auf Milcherzeugung. Da trifft es sie hart, wenn der Lebensmitteleinzelhandel den Einkaufspreis senkt. »Wir haben jetzt einen Preis von 31 Cent pro Kilogramm Milch, das ist ein Niveau, mit dem man vor zehn Jahren leben konnte«, sagt der Betriebsleiter. Aber um die Kosten für Futter, Tierarzt und notwendige Investitionen abzudecken, müssten er und seine Kollegen 40 Cent/kg erhalten.

Es geht ihm und den Mitstreitern von LsV um einen ernsthaften Dialog mit der Politik und da ist noch viel im Argen. »Gesellschaft und Politik fordern von uns andere Haltungsformen für die Tiere«, die Landwirte durchaus gerne umsetzen möchten. Viehhalter haben schon viel gemacht, sie können nur mit gesunden Tieren arbeiten. Ein Beispiel: So verzichtet man auf gentechnikverändertes Futter, was zunächst mit einem Preisaufschlag honoriert wurde. Doch inzwischen gilt das als Standard, der nicht zusätzlich honoriert wird. Es bleiben höhere Kosten im Vergleich zur Konkurrenz in anderen Ländern. Dann kommt der Lebensmitteleinzelhandel und verwiest darauf, dass der Weltmarktpreis niedriger ist. »Das ist aber nicht vergleichbar, weil wir ganz andere Standards einhalten«, entrüstet sich Ritter.

Wenn aktuell gefordert wird, den Rindern mehr Platz in den Ställen zu lassen, stellt sich wieder die Frage, wer dafür aufkommt. Ritter plädiert dafür, Maßnahmen für Tierwohl auf die Preise umzulegen. Positiv ist, dass Aldi nun zugesagt hat, vorrangig Milch und Butter von deutschen Betrieben zu kaufen.

»Perspektive ist eine Katastrophe«

»Das ist ein Schritt in die richtige Richtung«, pflichtet Kreislandwirt Andreas Kornmann bei. Der Kreislandwirt betont, »es kann nicht sein, dass die Landwirte nicht wissen, wovon sie ihre Rechnungen bezahlen sollen und im Lebensmitteleinzelhandel steigen die Renditen«. Deshalb unterstützt er die Forderungen der protestierenden Landwirte. Von Einnahmeproblemen ist er auch mit seinem Ferkelaufzuchtbetrieb betroffen.

Die Lage sei »mäßig und die Perspektive ist eine Katastrophe«, fasst er knapp zusammen. Wegen der Pandemie sind Restaurants geschlossen, die edle Fleischqualitäten abnehmen. Die Afrikanische Schweinepest hat zum Exportstopp in viele Länder geführt, die Preise für Schweinefleisch sinken. Wegen Corona-Infektionen waren die Schlachtbetriebe zeitweilig geschlossen. »Es gibt immer noch einen Riesen-Schweinestau« von rund 600 000 Wutzen, die zur Schlachtung anstehen, sagt Kornmann. Die Mäster lassen die Tiere länger im Stall stehen, dann sind sie aber beim Schlachten schwerer und die Körper lassen sich schlechter in Portionen für Supermarkt-Verkaufsschalen zerlegen. Eine Folge ist, dass der Familienbetrieb in Zell die Ferkel länger aufzieht und später an die Mastbetriebe abgibt.

Das drückt die Einkommen und hat Folgen für Investitionen in das Tierwohl. Denn allein ein Narkosegerät für das Kastrieren von Ebern kostet 12 000 Euro, »das ist viel Geld«, seufzt Kornmann. Um deutlich höhere Beträge geht es beim Bau eines Stalles, den er angehen will. Dabei geht es um die Haltung von Sauen. Er plant, künftig Bewegungsbuchten für Sauen und Ferkel zu bieten. Das bedeutet eine Fläche von 7 Quadratmetern pro Sau. Auf einen Betrieb mit 500 Sauen umgerechnet, ist das sehr viel. »Der Stall wird 40 bis 50 Prozent teurer als ein herkömmlicher Stall«, sagt Kornmann. Für das Tierwohl ist er sehr wohl bereit, mehr Geld in die Hand zu nehmen. Dann ist er aber auch auf einer Linie mit Marc Ritters Forderung nach einer ordentlichen Bezahlung für landwirtschaftliche Erzeugnisse.

Besonders wichtig ist Kornmann, den Wunsch der Landwirte nach Wertschätzung und Regionalität ernst zu nehmen. Denn der Selbstversorgungsgrad beim Schweinefleisch in Hessen liegt »weit unter 100 Prozent«. Das bedeutet unnötig lange Wege zwischen Betrieb und Kunde.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos