20. Mai 2021, 21:37 Uhr

»Bau-Arge in die Schranken weisen«

20. Mai 2021, 21:37 Uhr
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Von Kerstin Schneider
Die Erdmassen vom Autobahnbau sollen möglichst über einen Weg ab dem Segelflugplatz zur MHI-Deponie transportiert werden. FOTO: JOL

Bei den Autobahn-Bauarbeiten will die Stadt jetzt nachdrücklich ihre Rechte einfordern. Denn bereits jetzt würden Bürger und städtische Wege über Gebühr belastet, so die Ansicht vieler in der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am Mittwoch in der Stadthalle. Die Mehrheit (außer den Grünen) ließ aber keinen Zweifel daran, dass man die Bauarbeiten nicht verzögern will, das erhöhe nur die Belastungsdauer.

Wulf Hahn vom Büro RegioConsult und Rechtsanwalt Matthias Möller berichteten zum Stand verschiedener Untersuchungen zur A 49. Hahn erklärte frühere Prognosen zur Verkehrs- und Lärmbelastung als veraltet und viel zu niedrig. Denn diese seien vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise 2008 zustande gekommen, die heutige Verkehrsbelastung somit erheblich unterschätzt worden. Das gelte auch für die Bevölkerungsentwicklung und die Beschäftigtenzahl. Die hätten sich ganz anders entwickelt als vorhergesagt (kein Rückgang).

47 000 statt 35 000 Kfz auf A 49

Die Prognose von Kfz auf der A 49 sei viel zu niedrig angesetzt. So war man 2011 von 35 000 Kfz täglich ausgegangen, laut neuen Schätzungen seien 47 000 und mehr am Ohmtaldreieck realistisch. Auch ist das geplante Gewerbegebiet bei der Prognose nicht berücksichtigt worden. Laut Hahn wird es sicher »ein Drittel mehr Verkehr auch auf den nachgeordneten Straßen geben«. Besonders betroffen sind 53 Häuser in der Berliner Straße. Angrenzende Bereiche von Berliner und Marburger Straße seien gar nicht untersucht worden. Hahn riet zu einer schalltechnischen Untersuchung, zudem müsse dringend ein Verkehrsmodell für Homberg her. Das unterstrich Anwalt Möller, denn dann können Private bei einer überschreitung der Grenzwerte Ansprüche auf Schallschutz erheben. Die Kosten liegen bei rund 30 000 Euro, dennoch werde sich der Aufwand lohnen. Hier sei aber zu überlegen, Land und DEGES auch bei den Kosten in die Pflicht zu nehmen. Die Arbeiten können erst im Spätsommer beginnen, um fast »Vor-Corona-Bedingungen« zu haben.

Barbara Schlemmer beklagte, schon jetzt würden Baustellen-Lkw viel zu schnell fahren und andere gefährden. Eckhard Hisserich forderte, die DEGES solle die Kosten übernehmen, denn »die wollen was von uns«. Möller sagte, der Planfestellungsbeschluss habe große Lücken, so fehlten wichtige Zahlen über die Belastung der nachgeordneten Straßen der Autobahn. Zum Baulärm sagte Hahn, es sei vieles im Planfeststellungsbeschluss untergegangen. Aussagen dazu seien »hochdefizitär«. Die zusätzliche Lärmbelastung durch Baustellenfahrzeuge sei nicht ermittelt, die Transporte von Erdmassen nicht berücksichtigt worden.

Bauablaufplan nicht bekannt

Ein Konzept habe ursprünglich vorgesehen, die Erdmassen über den Weg vom Segelflugplatz zur MHI abzufahren. Diesen Weg habe die Bau-Arge Ende vergangenen Jahres verworfen, ein neues Konzept gebe es nicht. So werde viel von diesem Verkehr durch Homberg gehen. Auch ein Rettungswege- und Umleitungskonzept fehle bislang, genauso wie ein Bauablaufplan. »Wir wissen nicht, was in welchem Bauabschnitt stattfindet«, so Hahn. Die Baustellenverkehrsprognose müsse schnellstens vorgelegt werden. Hahn weiter: »Wenn am Ohmtaldreieck ein Stau entsteht, dann gibt es dafür kein Umleitungskonzept.«

Möller empfahl die Baulärmprognose unbedingt. Es gebe einen einklagbaren Anspruch darauf. »Das dauert aber lange.« Im Planfeststellungsbeschluss sei zudem vorgesehen, die Erdmassen weitgehend innerhalb der Baustelle und auf der Autobahntrasse abzuwickeln und erst nach dem Bau der Brücken. Massentransporte von Erde durch die Orte seien laut Planfeststellung nicht vorgesehen. Überschüssige Erde könnte über einen zwei Kilometer langen Wirtschaftsweg vom Segelflugplatz zur MHI-Deponie gebracht werden.

Barbara Schlemmer (Grüne) zweifelte an, dass sich die Baugesellschaft an die Vorgaben aus dem Planfeststellungsbeschluss hält. Beklagt wurde von Leonhard Morneweg (Grüne), dass jetzt schon Feldwege erheblich beschädigt sind.

Laut Möller sollten erst die Brücken gebaut, dann die Erdmassen bewegt werden: »Diese Pflicht wird bereits verletzt.« Der Lkw-Verkehr laufe schon durch Homberg, er könne künftig noch ganz andere Dimensionen erreichen. »Wir müssen hier den Fuß in die Tür setzen und sagen, das geht so nicht.« Es könne nicht so einfach vom Wegekonzept im Planfeststellungsbeschluss abgewichen werden. »Das wird Konsequenzen haben, die dann auch dem Ministerium in Wiesbaden aufzeigt werden müssen.«

Bürgermeisterin Claudia Blum beantragte, die Verkehrsprognose in Auftrag zu geben sowie eine Machbarkeitsstudie zu einer Ortsumgehung Homberg (Ostring). Barbara Schlemmer brachte den Antrag ein, umgehend alle Empfehlungen des Büros Regio-Consult umzusetzen. Jutta Stumpf schlug vor, zunächst eine Strategieentscheidung zu treffen und zu überlegen, welche Beschlüsse vordringlich sind. Man wolle den Bau nicht verzögern, weil das die Belastung noch erhöhe, »sondern etwas für die Stadt und die Bürger herausholen«. Dem stimmten SPD und CDU zu. Matthias Möller riet auf alle Fälle zur Verkehrsprognose. Bürgermeisterin Blum sagte, nicht alle Beschlüsse seien eilig, manches könne man noch diskutieren. »Wir wollen möglichst zu einem breitem Konsens kommen.«

Schlemmer bleibt dabei, es sei wichtig, kurzfristige Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung einzuleiten. »Sechs Wochen können eine lange Zeit sein, wenn man mit dem Baustellenlärm leben muss.« Sie beharrte auf einer raschen Entlastung für Anwohner im betroffenen Bereich. Es sei »nicht solidarisch, Beratungen noch einmal in den Bauausschuss zu schieben«.



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