27. August 2020, 21:56 Uhr

»Da sitzen zwei Leute im Zug«

27. August 2020, 21:56 Uhr
Die von den Grünen gewünschte Direktfahrt mit der Vogelsbergbahn nach Frankfurt wird wohl nicht kommen, zu sehr würden bevölkerungsreiche Gegenden in der Wetterau »ausgebremst«. FOTO: ARCHIV

Öffentlicher Personennahverkehr ist auf dem Land ein schwieriges Thema. Busse und Bahnen sind vom Grundsatz her Massenbeförderungsmittel, was in Städten und Ballungsräumen funktioniert. Auf dem Land fehlt diese Masse an Fahrgästen und Busse gondeln im Vogelsberg außerhalb der Schulzeiten nicht selten als »Geisterbusse« durch die Gegend: Außer dem Fahrer niemand an Bord. Niedrigen Einnahmen stehen hier hohe Kosten gegenüber. Bündnis 90/Die Grünen sehen das Problem dagegen im mangelhaften Angebot. Sie fordern beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV), unter anderem dafür zu sorgen, dass es garantierte maximale Umsteigzeiten gibt, weitere Expressbusse, eine Ausweitung der Nachtverbindungen und Verbesserung der Fahrtzeiten sowie, dass die Nutzer der Vogelsbergbahn ohne Umsteigen im Zug bis Frankfurt fahren können.

Dr. Udo Ornik (Grüne) zeigte sich in der Sitzung des Kreistags am Mittwoch im Wartenberg-Oval verwundert, »dass der Betrieb auf der Vogelsbergbahn für weitere 15 Jahre ausgeschrieben wird, ohne dass es irgendwelche Veränderungen gibt.« Landrat Manfred Görig verwies auf eine Studie, nach der es »keine umsetzbaren Ergebnisse gibt.« Ein Problem ist unter anderem, dass die Orte nahe an Gießen mehr Haltepunkte haben wollen, was die Fahrt aus Sicht der Vogelsberger deutlich verlängern würde. Der bisher bewährte Stundentakt funktioniere dann nicht mehr, so SPD-Fraktionsvorsitzender Matthias Weitzel: »Die Vogelsberger gehen auf die Barrikaden, wenn der Gießener Raum noch drei weitere Haltepunkte bekommt.«

Veränderungen im Bahnbereich sind schwer, weil alle Anliegerkommunen einverstanden sein müssen, so Landrat Görig. Als Beispiel nannte er die von den Grünen geforderte Fahrt nach Frankfurt ohne Umsteigen: »Wir blockieren dann mit einem Zug auf der Strecke ganz Friedberg, wo 1000 Leute zusteigen wollen.«

Dafür werde es in bevölkerungsreichen Kreisen wie in der Wetterau niemals Zustimmung geben. Görig: »Wir haben hier zu wenig Menschen, die die Verbindungen nutzen.« Bereits jetzt gebe es die von den Grünen geforderten Früh- und Spätverbindungen, »da sitzen zwei Leute im Zug.«

Reaktivieren der Ohmtalbahn schwer

Als weiteres Beispiel nannte Görig den Anrufsammeltaxenverkehr. Hier mache man ein Angebot von zwei Millionen Kilometern im Jahr, »ein Viertel davon wird tatsächlich gefahren.« Und weiter: »Ein Spätbus etwa nach Ober-Seibertenrod wäre ökologisch kompletter Blödsinn.« Er warf den Grünen vor, sie forderten vieles, was schon vorhanden ist. »Und dann wollen sie noch einen Bus mehr, obwohl der eine Bus schon leer ist.« Zum Beispiel sei Schotten von Gießen aus schon gut erreichbar. Auch gebe es eine Expressbuslinie von Homberg nach Marburg, die gut nachgefragt sei.

Ob es eine Nachfrage nach weiteren Abend- und Spätverbindungen gibt, das sei mehr als fraglich, so Görig, der sich dafür aussprach, den jetzigen Stundentakt auf der Vogelsbergbahn zu erhalten. »Die Nachfrage ist nicht da. Wir haben ein großes Angebot, aber nur ein Viertel davon wird genutzt.«

Für die CDU sagte Fraktionsvorsitzender Stephan Paule ebenfalls, vieles, was die Grünen wollten, sei bereits da. Der Antrag der Grünen, dass sich der Kreis für ein verbessertes Angebot einsetzt, wurde abgelehnt. Was die geforderte Reaktivierung der Ohmtalbahn angeht, so verwies Landrat Görig auf die in Auftrag gegebene Machbarkeits-Vorstudie. Diese wurde vor Kurzem beschlossen und werde nun auf den Weg gebracht.

Die mögliche Reaktivierung werde schwierig, warnte Görig, denn alle Anliegerkommunen müssten mitbezahlen. Zudem habe die Strecke gerade einmal 22 Kilometer zwischen Marburg und Homberg/Ohm und keinerlei Verbindung zu einer anderen Schiene oder Umstiegsmöglichkeit, gab er zu bedenken.

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