21. August 2020, 21:47 Uhr

Suchthelfer gehen auf die Straße

21. August 2020, 21:47 Uhr
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Von Joachim Legatis
Sorge um den Erhalt der Suchtberatung äußern Mitarbeitende der Beratungsstelle Vogelsberg beim evangelischen Dekanat. Sie demonstrieren mit Transparenten und einem Sarg. FOTO: JOL

Der mitgeführte Sarg steht für die Sorge, dass Suchtkranke künftig keinen Ansprechpartner im Vogelsberg mehr finden. Mit dem drastischen Symbol zogen am Freitag Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Beratungszentrums Vogelsberg vor das Büro des evangelischen Dekanats Vogelsberg, um der Mitarbeitervertretung deutlich zu machen, dass sie mehr Einsatz erwarten. Eine Teilnehmerin erläuterte MAV-Vorsitzendem Norbert Kelbassa, dass die Suchtberatungsstelle seit über zwei Jahren auf eine Lösung des Problems dringt.

Denn das Budget ist festgeschrieben, die jährlichen Lohnsteigerungen werden nicht durch Anhebung der Zuwendungen ausgeglichen. »Spätestens 2023 werden die finanziellen Rücklagen des Beratungszentrums aufgebraucht sein, dann heißt es Stellen Streichen und das Angebot herunterfahren.«

Kein Lohnverzicht möglich

Das wäre aus Sicht der Mitarbeiter der Beratungsstelle fatal für die jährlich rund 600 Hilfesuchenden mit Süchten nach Alkohol und Betäubungsmitteln sowie Menschen mit bedrohlichen Essstörungen. Die Beschäftigten des Beratungszentrums haben angeboten, auf Lohnerhöhungen zu verzichten, »das ist jeder und jedem von uns nicht leicht gefallen«. Doch die MAV als Vertretung der Mitarbeiter habe darauf hingewiesen, dass ein solcher gemeinsamer Lohnverzicht arbeitsrechtlich nicht möglich ist. Die Teilnehmer forderten die MAV-Mitglieder auf, »uns zu weiteren Aktionen zu begleiten«.

Kelbassa erinnerte daran, dass sich die MAV bereits seit Jahren immer wieder mit der Lage im Beratungszentrum befasst hat. Man sieht sich für die Mitarbeiter verantwortlich, könne aber nicht die ganze Beratungsstelle sichern. »Das ist Sache der Politik.« Ein Lohnverzicht kann Teil eines Sanierungskonzepts der Beratungsstelle sein, aber nur wenn die finanzielle Lage schlecht sei. Aktuell gehe es darum, die Möglichkeiten auszuloten, um die finanzielle Schieflage abzuwenden. Das sei eine Frage an die Träger der Einrichtung, die evangelische Kirche und den Vogelsbergkreis. Dabei stehe die MAV an der Seite der Beschäftigten, hebt Kelbassa hervor. Wenn man von den vereinbarten Tariferhöhungen abweicht, verstößt das gegen das Arbeitsrecht. Das könne die MAV den Mitarbeitern also nicht empfehlen. Der Leiter des Beratungszentrums, Matthias Gold, verwies darauf, dass die Landeskirche eine Einmalzahlung zugesichert hat. Das reiche aber nicht, um den Bestand zu sichern. Man brauche diese Zahl an Mitarbeitern, um Suchtkranken und Angehörigen kurzfristig zu helfen. Darüber gab es ein Gespräch mit Landrat Görig und der CDU im Kreistag. Die Beratungsstelle wird von den evangelischen Dekanaten Vogelsberg und Büdinger Land, vom Land und dem Kreis getragen. Für 2021 wird ein Verlust von 30 000 Euro wegen der Gehaltserhöhungen erwartet. Da jedes Jahr rund 3,5 Prozent mehr Gehalt fällig werden, summiert sich das Defizit bis 2024 auf 300 000 Euro für die vier Jahre.



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