22. Mai 2020, 22:11 Uhr

Protestaktion vor dem Werkstor

22. Mai 2020, 22:11 Uhr
Die Kamax-Rentner Ferdinand Hareter und Hans-Jürgen Sitt protestieren vor dem Werksgelände von Kamax in Homberg gegen eine Unternehmenspolitik, die auf Kosten der Mitarbeiter gehe. FOTO: PM

Mit einer Protestaktion haben in dieser Woche zwei ehemalige Beschäftigte der Kamax-Gruppe auf die angekündigten Umstrukturierungen reagiert. Sie hatten sich vor die Zufahrt zum Homberger Werksgelände gestellt und verteilten Flugblätter. Viele Kamax-Mitarbeiter sind derzeit in Sorge, weil bei dem Automobilzulieferer von einem Arbeitsplatzabbau in dreistelliger Höhe die Rede ist. Tenor des Protestes vor dem Werkstor: die Mitarbeiter müssten sich schon seit Jahren in Verzicht üben, »aber sie machen die Eigentümer-Familien immer reicher«, so Ferdinand Hareter, der bis zum Ruhestand im Jahr 2018 im Bereich Kamax Tools tätig war.

Verweis auf Zahlung an Eigentümer

Das »manager magazin« beziffere das Vermögen der Eigentümer des Familienkonzerns in 2018 auf rund 350 Millionen Euro. In der Liste der 1000 reichsten Deutschen hätten die betreffenden Familien »einen Riesensatz nach oben gemacht«, von Platz 615 auf Platz 476. Eine weitere Familie, die ebenfalls Anteile habe, finde sich nicht in der Liste, sie habe den ersten Wohnsitz vermutlich im europäischen Ausland, so Hareter, ehemaliger IG-Metall-Sekretär, und Hans-Jürgen Sitt, langjähriger Betriebsrat.

Dass genau im Jahr 2017 alle der damals rund 1200 Mit- arbeiter/innen der Kamax Holding »tarifvertraglich gesichert verzichten durften, ist natürlich nur ein Zufall«. Der Verzicht laufe bis Ende März 2022. Wenngleich von manchen auch Sozialneid unterstellt werden könnte, »zum Nachdenken bringt einen das schon«, so Hareter weiter.

Der Gewerkschafter fragt sich, welche Wirtschaftsprüfer für die IG Metall damals ge- arbeitet haben. Während die Mitarbeiter jede Woche zwei Stunden länger umsonst arbeiten müssten, würden die Anteilseigner immer reicher. Laut Geschäftsbericht 2018 seien den Anteilseignern in 2017 8,9 Millionen Euro und ein Jahr später 5,8 Millionen Euro auf die Gesellschafterkonten überwiesen worden. Was die beiden Rentner und Alt-Gewerkschafter auf die Palme gebracht hat, war eine Meldung in der Zeitung, in der von möglichen geplanten Kündigungen die Rede war. »Wir mussten lesen«, führt Sitt aus, »dass Kamax jetzt Kündigungen in dreistelliger Höhe aussprechen will. Trotz Zukunftspakt und jahrelangem Verzicht der Mitarbeiter.«

An den Text, warum man den Vertrag überhaupt abgeschlossen habe, wolle man sich bei Kamax offenbar nicht mehr erinnern. Dort heißt es, Ziel des Tarifvertrages sei die Wiederherstellung wettbewerbsfähiger Produktionsbedingungen und die Sicherung der Arbeitsplätze an den Standorten Homberg/Ohm und Alsfeld. Im Nachhinein sei es wohl ein Fehler gewesen, der Vereinbarung zuzustimmen, sagen Hareter und Sitt.

Unabhängig von der Tat- sache, dass Verzicht noch nie auch nur einen einzigen Arbeitsplatz gerettet habe, wünsche man sich vor dem Hintergrund der Vermögensverhältnisse der Eigentümerfamilien und gutbezahlten Managern bei Kamax, »dass sie sagen: ›Wir haben genug Geld, unsere Arbeitnehmer sind unser größtes Kapital, wir brauchen keine Hilfe vom Staat, die paar Monate kommen wir so zurecht. Wir entlassen jetzt niemanden.‹«

Schließlich könne das Motto nicht sein: »Der Firma gehts gut, trotzdem nehmen viele den Hut.«

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