19. März 2020, 08:20 Uhr

Corona-Krise CORONAVIRUS

Beim Einkaufen schwanken Menschen zwischen Angst und Gelassenheit

Angst, Verdrängung, aber auch mehr Höflichkeit im Umgang mit anderen - in der aktuellen Corona-Krise sind bei den Menschen unterschiedliche Verhaltensweisen zu beobachten.
19. März 2020, 08:20 Uhr
Leerer Schulhof an der Gesamtschule in Mücke, für zu Hause gibt es Aufgaben für die Schüler. FOTO: KS

Die junge Frau sitzt in einem VW Caddy, der auf dem Parkplatz vor einem Supermarkt in Flensungen steht. Mit ängstlich geweiteten Augen schaut sie vom Rücksitz aus durch eine kleine Scheibe nach draußen. Beim Versuch der vorsichtigen Kontaktaufnahme macht sie klar, dass sie nicht aussteigen wird: Sie hat Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus.

Um sie herum dagegen ein anderes Bild. Am Mittwoch herrscht vor vielen Märkten in Mücke der übliche Einkaufsverkehr. Der Parkplatz ist gut gefüllt. Von Hamsterkäufen ist nichts zu sehen. Auch von Sorge oder Panik ist unter den Menschen, die unterwegs sind, nichts zu spüren. Die meisten der Befragten erscheinen in der aktuellen Krise sehr gelassen - zu gelassen vielleicht? »Das Leben muss doch weitergehen«, ist mehrfach zu hören.

Zwei Frauen berichten, dass sie normal ihren Einkauf machen, von Vorräten halten sie nichts: »Wer will denn schon das alte Zeug essen?« Angst vor einer möglichen Ansteckung haben sie nicht.

Sie hätten so viel Vertrauen in ihre Mitmenschen, dass sie glauben, die würden schon daheim bleiben, wenn bei ihnen die gefürchten Symptome wie Fieber oder Husten auftreten.

Auch sonst hätten sie nicht sehr viel an ihrem Verhalten geändert, sie treffen sich weiter zum Kaffeetrinken, und beim Besuch von Sohn und Enkel habe man einen Spaziergang an der frischen Luft genossen, »aber Abstand halten wir schon ein.« Sie würden sich nirgendwo dazusetzen, betonen sie. Eine andere Frau geht nur noch mit Gummihandschuhen an den Händen zum Einkauf, damit fühlt sie sich sicherer.

Ein junger Mann kommt gerade mit seinem Korb aus dem Markt und scheint ebenfalls nicht über die Maßen besorgt. Aber ein »unangenehmes Gefühl« hat er schon, gibt er zu. Er will nun schauen, ob er nächste Woche Urlaub nimmt.

Eine andere Frau sagt, sie versuche ebenfalls, so normal wie möglich weiterzumachen, sie halte aber mehr Abstand zu den Menschen ein und sie nimmt in diese Tagen keinen Einkaufswagen, sagt sie: »Ansonsten muss das Leben weitergehen.

In der nahen Filiale einer regionalen Bank weist ein Schild darauf hin, dass die Kunden nur einzeln eintreten sollen, sie werden von den Mitarbeittern aufgerufen. Im Vorraum dagegen scheint es den Menschen wenig auszumachen, dass beim Abheben am Automaten oder beim Warten am Kontoauszugsdrucker nicht der empfohlene Sicherheitsabstand eingehalten werden kann. »Ich sehe kein Problem«, meint einer der Männer. Der nicht nur scherzhaft gemeinte Hinweis, dass der Feind in diesen Tagen unsichtbar ist, verhallt.

In der Homberger Stadtmitte geht es geruhsam zu. Vereinzelt sind Menschen in der Frankfurter Straße unterwegs. Manche haben das Schreibwarengeschäft Repp als Ziel. Weil es Zigaretten, Lotto und Zeitungen im Angebot hat, darf es offen bleiben. »Es sind weniger Leute unterwegs«, sagt Katja Wilhelm hinter dem Tresen. Er bietet einen Sicherheitsabstand zu den Kunden. Doch die halten schon etwas Distanz und haben Verständnis für Maßnahmen zu Eindämmung der Infektionswelle. So manche Mutter hat das Kind dabei, das nun zu Hause ist.

Die Corona-Epidemie hat aber auch positive Seiten, stellt Kerstin Schmidt in der Bäckerei Born fest. Den inzwischen üblichen Abschiedsgruß »Bleiben Sie gesund« findet sie »süß«. Auch beobachtet sie mehr Rücksichtnahme der Menschen. Wenn ein Kunde an der Theke steht, halte der nächste automatisch zwei Meter Abstand oder warte ganz an der Tür, bis er drankommt.

Generell hat die Verkäuferin aber das Gefühl, gegenwärtig in einem Ausnahmezustand« zu leben: »Es fühlt sich komisch an, keiner weiß, wie es weitergeht.« Dabei hätten sich die Menschen in ihrer Umgebung inzwischen an die neue Bedrohung gewöhnt.

Das Verständnis für die rigorosen Einschränkungen ist da, wie in allen Geschäften bestätigt wird. Spürbar ist auch die Sorge um die Zukunft, wenn Firmen auf Kurzarbeit setzen oder die Produktion unterbrechen. Kerstin Schmidt sagt, »die Menschen haben mehr Angst um ihren Arbeitsplatz als vor Corona«.

Im Laufe des Mittwochs kamen im Vogelsbergkreis vier neue Corona-Fälle hinzu. Eine Frau aus dem Ostteil des Kreises hatte Kontakt zu einem Erkrankten. Sie wird derzeit stationär behandelt, befindet sich aber auf dem Weg der Besserung.

Am Mittwoch lagen zudem die positiven Testergebnisse von drei Männern vor, allesamt Reiserückkehrer aus der Alpenregion. Die Männer aus verschiedenen Kommunen im südöstlichen Kreisgebiet befinden sich in häuslicher Quarantäne, sie zeigen bislang keine beziehungsweise leichte Symptome. pm

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