18. März 2020, 07:50 Uhr

Corona-Krise

Mundschutz im Pflegeheim und Kurzarbeit in Betrieben

Hamsterkäufe, die Sorge um alte Menschen in den Pflegeheimen und Kurzarbeit in Hotels - die aktuelle Krise hat viele Gesichter. Verständnis.
18. März 2020, 07:50 Uhr
Hinweis an einer Apotheke: Als Vorsichtsmaßnahme dürfen nicht mehr als drei Kunden gleichzeitig im Raum sein. FOTO: JOL

Die Mitarbeiter im Einzelhandel kommen in diesen Tagen mit dem Nachräumen in die Regale kaum noch nach, wie es im Edeka-Markt in Homberg auf Anfrage der Alsfelder Allgemeinen Zeitung heißt. Schon seit 14 Tagen wird zunehmend auf Vorrat gekauft. »Zuerst waren es Toilettenpapier und H-Milch, inzwischen auch Hygieneartikel, Mehl und Haferflocken.«

Dabei liegen manchmal die Nerven blank. So beschwerte sich am Montagmittag ein Kunde, weil die Sonderangebots-Kartoffeln nicht mehr vorrätig waren. Die Auslagen waren immer noch voll mit anderen Kartoffeln, aber es musste das Billigangebot sein. »Wenn Sie etwas über die Psyche der Menschen erfahren wollen, dann ist das jetzt eine gute Zeit«, so der Einzelhändler. Nicht nur bei etlichen Kunden ist die Stimmung gereizt. Der Mitarbeiter eines anderen Marktes wollte am Telefon überhaupt nichts über die Lage sagen, er war augenscheinlich nur genervt.

Große Schwierigkeiten hat die Gastronomie, erläutert Christine Gärtner vom Landhotel in Mücke-Flensungen. »Wir haben auch Buchungen, aber deutlich mehr Stornierungen.« So wurde eine Fortbildung ebenso abgesagt wie eine Familienfeier mit 60 Gästen. Ein Junggesellenabschied mit 30 Teilnehmern und eine Geburtstagsfeier finden ebenfalls nicht statt. Gäste aus Dänemark und Schweden haben abgesagt, weil sie fürchten, nicht mehr in ihr Heimatland zurückzudürfen. Nun beantragt Christine Gärtner Kurzarbeitergeld für die Belegschaft; immerhin acht Menschen ernährt der Familienbetrieb.

Ebenfalls betroffen vom Erlass ist das Gesundheitszentrum Atzenhain. Dort konnte bis gestern unter hohem Hygieneaufwand noch an den Geräten trainiert werden, heute ist Schluss. Man suche jetzt nach Lösungen, die für die Kunden und Mitarbeiter tragfähig seien, sagte Nina Reimöller auf Anfrage.

Weil eine solche Situation noch nie da war, »hatten wir natürlich keinen Plan B in der Schublade«. Sie appelliert genau wie viele Betriebe an die Mitglieder, in der momentanen Krise solidarisch zu sein und nicht auf ihre Rechten zu bestehen. Denn wenn jeder jetzt sein Geld zurück will, dann drohen Komplettschließungen als mittel- oder längerfristige Folge.

Die von der Bundesregierung in Aussicht gestellten Hilfen sind eben nur Darlehen, so Reimöller, die irgendwann zurückgezahlt werden müssen. »Und wir haben leider nach der Krise nicht den doppelten Umsatz, um den Verlust wieder hereinzuholen.« Darauf haben auch schon viele Hotel- und Restaurantbesitzer aufmerksam gemacht.

In den Seniorenheimen ist man derzeit in erster Linie darauf aus, die Viren außerhalb der Häuser zu halten - mit hohem Hygieneaufwand. Zudem hat das hessische Sozialministerium festgelegt, dass jeder Bewohner täglich nur einen Besucher empfangen darf. Menschen, die in einem Risikogebiet unterwegs waren, sollen auf Besuche verzichten. »Die Menschen haben bei uns ihre Wohnung, da können und wollen wir keinen Riegel vorschieben«, erläutert Peter Buchhorn, Pflegedienstleiter im Haus am Gleenbach in Kirtorf. Im Haus tragen Mitarbeiter und Besucher einen Mundschutz, der zumindest eine Weitergabe von Erregern verhindert. Zudem werden die Angehörigen gebeten, ihre Besuche einzuschränken. Denn ältere Menschen haben oft ein geschwächtes Immunsystem und erkranken schwerer an Covid-19.

Wichtig ist die Unterstützung der Mitarbeiter bei der Kinderbetreuung, solange Kitas und Schulen geschlossen sind. »Wir organisieren eine Kinderbetreuung auf privater Ebene«, sagt Buchhorn. Das Kursana-Pflegeheim Mücke und das Seniorenzentrum Goldborn Homberg verweisen auf die Vorgaben des Landes. Demnach sind Besuche ebenfalls prinzipiell erlaubt, erkrankte Menschen sollten aber darauf verzichten. Besucher tragen sich in ein Gästebuch ein, was wichtig wird, wenn Erkrankungen in der Umgebung auftreten.

Für Peter Müller, Sprecher der »Best Care Residenz« in Ulrichstein, ist Hygiene besonders wichtig. Erkrankungen würden außerhalb auftreten, deshalb gehe es aktuell darum, Sozialkontakte einzuschränken. Die Angehörigen sind informiert, dass Besuche möglich sind, aber seltener erfolgen sollen. »Für unsere Bewohner sind die Besuche eigentlich der Höhepunkt des Tages«, die Angehörigen sollen deshalb stärker per Telefon Kontakt halten.

Im Heim werden unterdessen mehr Angebote unterbreitet, um Langeweile zu verhindern. Bislang reagieren die Angehörigen sehr verständnisvoll, so Müller. Die Vorsicht soll auch den Betrieb sichern: Wenn Erkrankungen im Haus auftreten, muss die komplette Einrichtung unter Quarantäne gestellt werden.

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