27. Februar 2020, 21:42 Uhr

Sucht geht durch alle Schichten

27. Februar 2020, 21:42 Uhr

»Suchtprobleme sind komplex, das althergebrachte Bild des Heroin-Junkies entspricht kaum noch der heutigen Realität.« Vertreter der CDU-Fraktion im Kreistag des Vogelsbergkreises besuchten daher dieser Tage das Beratungszentrum Vogelsberg (früher bekannt als »Jugend- und Drogenberatung«, um sich über die aktuelle Entwicklung in diesem Bereich zu informieren. Einrichtungsleiter Matthias Gold und kaufmännischer Leiter Frank Gebauer empfingen die Kreispolitiker, darunter Alsfelds Bürgermeister und CDU-Kreisvorsitzender Stephan Paule, in der Beratungsstelle im Zeller Weg in Alsfeld. Dabei gaben sie einen Überblick über die aktuellen Tätigkeitsfelder sowie die Struktur des Beratungszentrums, das als kirchlicher Zweckverband in evangelischer Trägerschaft steht. Verwaltungssitz ist Alsfeld, daneben besteht eine weitere Beratungsstelle in Lauterbach. 14 Beschäftigte und 15 ehrenamtliche Mitarbeiter betreuen jährlich kostenfrei über 600 Klienten, die große Mehrheit aus dem Vogelsbergkreis.

Alkohol bleibt Droge Nummer eins

Dabei sind unter den Klienten Angehörige aller Berufsgruppen, Altersstufen und unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft. Als niederschwelliges Angebot bietet das Beratungszentrum jeden Mittwoch von 10 bis 12 Uhr eine offene Sprechstunde an; eine Rufbereitschaft besteht für Terminvereinbarungen etc. montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr. »Droge Nr. 1« sei weiterhin der Alkohol und damit eine »legale« Substanz, erläuterte Matthias Gold. Insgesamt gehe es bei etwa der Hälfte der Klienten um illegale Suchtmittel, während die andere Hälfte wegen Suchtproblemen mit legalen Substanzen beraten werde. Während der »klassische Heroinabhängige« in der offenen Drogenszene, wie früher am Alsfelder Klostergarten, selten geworden sei, habe man es im Bereich illegaler Drogen heute häufiger mit THC (Cannabis) bis hin zu drogeninduzierten psychiatrischen Erkrankungen, polyvalenter Abhängigkeit (eine Person nimmt mehrere Drogen, ist aber nur von einer abhängig) oder auch einer polytoxikomanen Abhängigkeit (der Konsument ist von mehreren Substanzen abhängig) zu tun.

Auch die Kooperation mit Einrichtungen zur Entgiftung wie dem Lauterbacher Eichhof-Krankenhaus und die Thematik der Drehtür-Klienten, die eine Beratung und Entgiftung beginnen, wieder rückfällig werden und danach wieder zur Beratung kommen, wurden thematisiert.

Gelder reichen nicht aus

Auch die Rolle von Drogen in der »Schulverweigerer-Szene« und die kontroverse Debatte über die Legalisierung »weicher« Drogen wurde diskutiert. Der kaufmännische Leiter Frank Gebauer umriss die Finanzierung des Beratungszentrums aus kirchlichen und öffentlichen Mitteln. Die aktuelle Finanzierungsbasis werde mittelfristig nicht reichen, um die Angebote in der bisherigen Qualität und Quantität aufrechtzuerhalten. Neben den kostenfreien Beratungsangeboten habe das Beratungszentrum auch kostenpflichtige Dienstleistungen wie MPU-Kurse, betriebliche Suchtkrankenhilfe und Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten in ihr Programm aufgenommen.

Fraktionsvorsitzender Paule dankte Gold und Gebauer für den Einblick in die Arbeit des Beratungszentrums.

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