12. Februar 2020, 07:30 Uhr

Senioren

Vom Agil-Programm würden gerne noch viel mehr Senioren profitieren

Agil will jeder auch im Alter sein. Über das Training und die Gespräche freut sich der 86-jährige Josef Pohl in Unter-Seibertenrod. Noch viel mehr Senioren würden gern vom Programm profitieren.
12. Februar 2020, 07:30 Uhr
Günter Zeuner übt regelmäßig mit dem 86-jährigen Josef Pohl in Unter-Seibertenrod, damit der alte Herr wieder etwas mobiler wird. FOTO: JOL

Auf »den Günter« freut er sich schon. Der 86-jährige Josef Pohl plaudert munter drauflos. Und er wirkt konzentriert an den Übungen mit, die sein Besucher zwischen ein paar lockeren Sprüchen mit ihm macht. So funktioniert AGIL, ein Übungsprogramm für betagte Menschen, die altersbedingt viel in der Wohnung sitzen. Denn Josef Pohl ist seit einem Krankenhausaufenthalt im vergangenen Jahr zu schwach, um allein zu gehen. Aus seiner Wohnung im Obergeschoss des Hauses kommt der Unter-Seibertenröder nicht mehr heraus.

Er hat Angst zu fallen und sich dabei etwas zu brechen, erläutert seine zwei Jahre jüngere Frau Elli. Den Haushalt komplettiert Maria, eine Pflegekraft, die sieben Wochen bleibt und dann von einer anderen Betreuungskraft abgelöst wird. »Ohne Maria schaff ich das nicht«, sagt Elli. Beim Weg auf die Toilette hilft Maria, bis Josef Pohl den Rollator im Griff hat und sie fährt mit einem Rollstuhl hinter dem Senior her: »Zur Sicherheit«.

Günter Zeuner ist einmal pro Woche für eineinhalb Stunden bei den Pohls. Er macht einfache Muskelübungen mit Armen und Beinen, damit der alte Herr etwas gelenkig bleibt. Das Dehnen der Arme nach hinten gelingt nur teilweise, so steif ist der Rentner vom Sitzen. Zwar macht er regelmäßig Übungen mit einem Pedaltrainer, aber das Aufstehen fällt ihm schwer.

»Im Frühling will ich mit ihm auf den Hof gehen«, hat sich Zeuner vorgenommen. Dafür braucht er die Hilfe des Sohnes, der im selben Haus lebt. Dann kann Pohl auch wieder einmal mit Nachbarn plauschen und sehen, was auf der Dorfstraße los ist. Denn mit der körperlichen Schwäche geht oft der Rückzug ins Private einher. Es ist auch im Dorf schwierig, den Kontakt zu Nachbarn und Bekannten halten, wenn man nicht mehr raus kann, sagt Zeuner.

Er hat erst kürzlich eine Weiterbildung nach dem AGIL-Programm absolviert, die das Diakonische Werk angeboten hat. »AGIL - Aktiv geht’s immer leichter« ist ein Tageskurs mit einem Trainer des Landessportbundes.

Erklärtes Ziel ist es, alte Menschen zu Hause durch eine individuelle Gesundheitsförderung zu unterstützen. Dabei geht es auch um den persönlichen Kontakt, wie zwischen Zeuner und Pohl. Das weiß aber auch Elli Pohl zu schätzen. Die rüstige 84-Jährige geht gerne zum Gymnastikabend, den ebenfalls Zeuner anbietet. Dort ist sie die älteste Teilnehmerin. Sie erlebt, wie ihr Mann gerne die Übungen mit Zeuner macht, die er vielleicht aus eigenem Antrieb nicht mehr umsetzen würde.

Im vergangenen Jahr haben die beiden eiserne Hochzeit gefeiert. Nach 65 Jahren Ehe wollen sie so lange wie möglich gemeinsam im Haus in dem Ulrichsteiner Ortsteil bleiben, sagt sie.

18 Teilnehmer, davon viele Frauen, haben an der kostenfreien Fortbildung für AGIL teilgenommen. Die Inhalte basieren auf einem finnischen Programm mit 52 Übungsanleitungen.

Hierbei handelt es sich um einfache Übungen, die Balance, Kraft und Ausdauer im Alltag trainieren. Durch Förderung der Bewegung und den sozialen Kontakt soll Pflegebedürftigkeit im hohen Alter verhindert werden. Zudem werden viele hilfreiche Tipps, für den Umgang mit Senioren vermittelt, wie das Diakonische Werk dazu mitteilt.

Geplant ist, dass die ehrenamtlichen AGIL-Trainer mit Unterstützung des Diakonischen Werks in Lauterbach in Kontakt zu älteren Menschen gebracht werden.

Die Resonanz auf das Angebot ist durchweg positiv, sagt Koordinatorin Bianca Reith. »Die Besuchenden freuen sich über die Freude, die sie bringen und die Dankbarkeit der alten Menschen.« Die alten Menschen haben gerne Besuch. »Eine ältere Dame meinte, sie findet es toll, dass sie mal ein jüngerer Mensch besuchen kommt, weil Leute in ihrem Alter immer nur über Krankheiten sprechen.«

Das Diakonische Werk kooperiert mit der Fachstelle für Prävention im Alter in der Kreisverwaltung, PRIMA. Die Fachstelle vermittelt die AGIL-Besucher an alte Menschen, die von Bewegung und Gesprächen profitieren können. Im Moment sieht es so aus, dass die Liste der alten Menschen, die auf Besuche warten, bei weitem nicht bedient werden kann. »Wir suchen ganz dringend noch Freiwillige, die Lust haben, bei uns mit zu machen«, sagt Reith.

Das wünscht sich auch Zeuner. Wenn mehr Menschen eine AGIL-Schulung absolviert haben, haben sie einen Grund mehr, auch beim nicht mehr so fitten Nachbarn vorbeizuschauen. Die Begegnung macht Spaß, wie Josef Pohl bestätigt: »Das hat auch mit dem Günter zu tun.« Seine Frau hat einen Wunsch: »Er will und soll nicht in ein Heim - so lange es geht«.

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