05. Februar 2020, 07:50 Uhr

Sucht

Vom langen mühsamen Weg heraus aus der Alkoholabhängigkeit

In der Faschingszeit bleibt es für viele nicht bei einem Glas. Doch für manche reicht nicht mal eine Flasche: Die Droge Alkohol hat rund vier Millionen Menschen im Griff.
05. Februar 2020, 07:50 Uhr
Eine Frau hinter leeren Bierflaschen. Viele Alkoholabhängige verlieren irgendwann die Kontrolle über ihr Trinkverhalten. Die Betroffenen können die Abhängigkeit aber manchmal erstaunlich lange vor ihrem Umfeld verbergen. FPOTO: DPA

Vom ersten Bier zur Konfirmation bis zum hemmungslosen Saufen am Wochenende hinweg ist ein »typischer« Weg, den die Gesprächspartner gut kennen. Sie waren am Boden, körperlich und geistig vom jahrelangen Alkoholmissbrauch gezeichnet. Das Selbstvertrauen ging gegen Null, Beziehungen waren ruiniert. Nun sind Bernd B., Andi L. und Sabine C. ehrenamtliche Suchthelfer. Sie helfen Menschen in einer Motivationsgruppe für Abhängige, die ihr Leben wieder in den Griff bekommen wollen.

Sie wissen, wie schmal der Grat ist, auf dem sie sich bewegen.

Dabei hilft es, sich immer wieder mit den Hintergründen der Sucht zu beschäftigen, sonst rutschen sie schnell wieder in alte Gewohnheiten ab. Die Wege in die Abhängigkeit sind unterschiedlich, das zeigt sich im Gespräch bei einer Limonade im Beratungszentrum in Alsfeld. Bernd hat »ganz klassisch« bei der Konfirmation zum ersten Mal Alkohol getrunken. In seiner Clique war er anschließend derjenige, der »immer bis zum Filmriss« trank«.

Schon mit 18 wurde er betrunken im Auto erwischt. Er heiratete, es gab immer wieder Streit um den Suff, als er 45 Jahre alt war, trennte sich seine Frau von ihm. »Die Trennung war schlimm, ich habe dann nicht mehr getrunken«. Ein halbes Jahr später dachte er, die Firma geht den Bach herunter, ein weiterer einschneidender Punkt. Es folgten Entgiftung, stationäre Therapie und ein Rückfall zwei Jahre später. Er entschloss sich zu einer weiteren Therapie und schließlich für die Ausbildung zum »Ehrenamtlichen und betrieblichen Suchtkrankenhelfer«.

Andi ist erst mit über 30 zum Alkohol gekommen: »Vorher hat es mir nicht geschmeckt.« Aber als seine Eltern starben und kurz darauf die Schwester Suizid beging, brach seine Welt zusammen. Kurz darauf hatte sich noch seine langjährige Freundin von ihm getrennt, er musste in eine Klinik. »Da habe ich gelernt, Alkohol zu trinken«, erinnert er sich. Langsam kam er auf den Geschmack. Bei einem weiteren Reha-Aufenthalt hat er in netter Runde dann gern einen oder mehrere getrunken.

Andi füllte Wein in eine Thermoskanne und schmuggelte ihn in die Klinik. Danach trank er täglich. Seine Partnerin sprach ihn darauf an, ohne dass er etwas änderte. Er schaffte sieben Monate Trinkpause, probierte danach wieder ein Glas Wein und binnen einer Woche war alles wie vorher. Er machte erneut eine Trinkpause, um an Silvester ein Glas Sekt zu trinken: »Da habe ich vier Flaschen Wein hingestellt und die weggemacht«. Heimlich trank er weiter, bis der Körper rebellierte.

Sein Arzt regte eine Entgiftung in der Klinik an. Erst war er dagegen, sah dann aber die Chance. Nach der Entgiftung waren ambulante Therapie und eine Selbsthilfegruppe eine große Hilfe. Bei den Gesprächen habe er viel über sich gelernt.

Sabine kam wie Bernd über Jugendgruppen an den Stoff. Kirmestreffen mit der Clique waren wichtig, sie habe Party gemacht, »aber schon damals immer ein Glas mehr als die anderen getrunken«. Mit zunehmendem Alter verlagerte sich das Trinken aufs Wochenende.

Sie heiratete, bekam zwei Kinder und lebte während der Schwangerschaften abstinent, auch wenn es schwer fiel. Schließlich gab es Eheprobleme, sie war unglücklich und trank fast jeden Tag. Nach der Scheidung und einer Kur ging es zwei Jahre lang gut. Im Urlaub trank sie dann ein Glas Wein mit Freunden, ein paar Wochen später war es eine ganze Flasche: »Das hat sich gesteigert«. Ein halbes Jahr hat sie heimlich getrunken, die Weinflaschen im Schrank versteckt. Sie schaffte einen zweiten Entzug zu Hause: »Ich musste ja funktionieren, ich habe Kinder und einen Job«. Längere Zeit schaffte sie es ohne den Stoff, um dann doch wieder am Wochenende auszubrechen. Wenn sie nicht »funktionieren« musste, hielt sie am Freitag an einem Supermarkt an und holte sich mehrere Tetrapack Wein, die sie über das Wochenende leerte. bHauptmotivation für den Ausstieg sind ihre Kinder, eines ist noch in Therapie. Zudem hat sich ihr Wesen durch das Trinken verändert, erzählt sie. Nach Klinikaufenthalt und Gruppentreffen ist sie stärker, glaubt sie. Für Betroffene hat sie diesen Rat: »Es gibt nur einen Weg und der ist, abstinent zu leben«.

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