Vogelsbergkreis

Bei Atzenhainer Firma produzieren jetzt auch Bienen

Auf fleißige Mitarbeiter kann man bei Hürner Schweißtechnik bauen. Die einen stellen Kunststoffverbindungen her. Die anderen sammeln hinter dem Betriebsgebäude emsig Pollen.
07. Januar 2020, 12:55 Uhr
Kerstin Schneider
Mitarbeiter von Hürner kümmern sich um die drei Bienenvölker auf dem Firmengelände.
Mitarbeiter von Hürner kümmern sich um die drei Bienenvölker auf dem Firmengelände.

Alles fing mit einem großen Ärger an. Hürner-Geschäftsführer Michael Lenz war mit zwei Ingenieuren in Österreich unterwegs und wollte von Linz aus zurückfliegen. Im Gepäck war ein Glas Bienenhonig, Geschenk eines Mitarbeiters, der Hobbyimker ist. Am Check-in gab es kein Pardon, das Lebensmittel musste weggeworfen werden, Vorschrift. Die Aktion beschäftigte Lenz noch eine Weile und führte zur Frage, wer sich in der Firma mit Bienen auskennt. Was nicht ist, das kann ja werden, dachten sich vier interessierte Mitarbeiter und machten auf Firmenkosten eine Imkerausbildung. Sascha Karl, Justin Theiß, Florian Kraus und Benjamin Lange sind nun die Bienensachverständigen, die Firma ist zudem Mitglied im Deutschen Imkerverband.

Was zunächst keiner ahnte: Die Begeisterung war ansteckend und griff in der übrigen Firma schnell um sich.

Schließlich entwickelte ein Student aus Gießen eigens für die Firma sogar einen »digitalen Bienenstock«. Damit kann eine perfekte Wohlfühlatmosphäre für 20 000 geflügelte Hürner-Facharbeiter erzeugt werden. Denn wenn beispielsweise die Temperatur unter einen gewissen Punkt sinkt, wird die Königin nervös. Vier Monate dauerte die Entwicklung des Geräts. Witziger Clou ist eine Kamera, mit der das emsige Treiben vor und im Bienenstock beobachtet werden kann, etwa wenn der »Landeanflug« nach dem Pollensammeln im Gange ist.

Im Sommer schauen etliche Mitarbeiter am Morgen vor der Schicht zunächst ein bisschen »Bienenfernsehen«, so groß ist die Begeisterung. Die vier Experten sind dann abends eine Viertelstunde vor Feierabend damit beschäftigt, die drei Völker zu betreuen, natürlich im Schutzanzug. Und weil Bienen für das Pollensammeln nicht weit fliegen wollen, schon gar nicht über die Autobahn, wurde hinter dem Firmengebäude eine Blumenwiese angelegt.

Die daneben liegende Wiese wird nicht mehr gemäht, weil die Bienenvölker keine Erschütterung vertragen. Die nächsten tierischen Mitarbeiter könnten also bald im Schafspelz daherkommen...

Schon länger setzt Hürner auf Standards, um die Umwelt zu schützen, erzählen Geschäftsführer Lenz und Marketingfrau Nicole Rühl-Jankovic im Gespräch. So werden beispielsweise nur noch lebensmittelechte Öle verwandt. Da sei der Weg zur Biene nicht weit gewesen und so sammeln »Maja und Co.« nun fleißig im Sommer. 100 Gläser mit Honig konnten Ende des Jahres abgefüllt werden.

Der Honig wird an Kunden und Mitarbeiter verschenkt oder sorgt auf Messen für Aufmerksamkeit. In Zusammenarbeit mit dem Bienenverband wurde zuvor ein Etikett entwickelt. Die Ausrüstung zum Schleudern des Honigs wurde erst von einem Imker geliehen und dann angeschafft.

Der Anspruch, da eigene Unternehmen und Tochterunternehmen »grüner« zu machen, soll weiter ausgebaut werden. So soll am Standort in Italien bald Honig produziert werden, bisher sei es aber nicht möglich gewesen, eine Königin etwa von Hessen nach Thüringen zu bringen. Erst nach einer Prüfung durch das Veterinäramt darf eine Volk nun verschickt werden. Bald werden also auch nahe Mailand »bienenfleißige« Mitarbeiter für süßen Aufstrich sorgen. Konkurrenz zu Hobbyimkern gebe es nicht, auch der Imkerverband habe sich sehr wohlwollend geäußert.

Die Begeisterung für das neue Produkt der Firma hat jeden erfasst, erzählt Nicole Rühl-Jankovic: »Bei uns heißt er nur noch Hürner-Honey.« Bei wohl noch keinem Projekt seien die Leute mit so viel Emotion dabei gewesen, ergänzt der Chef.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/art74,657087

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