06. Januar 2020, 11:55 Uhr

Zugewanderte

Als Lehrerin wieder die Schulbank drücken

Im Alsfelder Selbstlernzentrum können sich Zugewanderte mit der deutschen Sprache befassen. Shaima Attiqi ist eine von ihnen. Sie erinnert sich gut an die Zeiten, in denen sie selbst Lehrerin war.
06. Januar 2020, 11:55 Uhr
Menschen aus bis zu 31 Nationen nutzen das Angebot des evangelischen Dekanats und besuchen das Selbstlernzentrum. Zum Beispiel: Mohamed Kedir aus Äthiopien, Shaima Attiqi und Razye Sharifi aus Afghanistan, hier mit SLZ-Leiterin Tilla Lotz (2.v.l.). FOTO: PM

Lehrerin sein sei das, was sie immer machen wollte und was sie bis heute liebt, sagt die 52-Jährige. Doch unterrichtet hat Shaima schon lange nicht mehr. Heute hat sie ihre Rolle als Lehrerin eingetauscht gegen die der Schülerin. Statt wie früher in Kabul vor Acht- bis Zwölftklässlern an der Tafel zu stehen, sitzt sie jetzt selbst mit Büchern, Heft, Stift und einem Laptop am Tisch - im Alsfelder Selbstlernzentrum (SLZ) des evangelischen Dekanats Vogelsberg. Vor etwa vier Jahren ist Shaima Attiqi mit ihrem Mann, ihren beiden Söhnen sowie ihrer Tochter aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Die fünfköpfige Familie lebte seitdem in Flüchtlingsunterkünften in Kassel und Schlitz, seit wenigen Monaten hat sie eine eigene Wohnung in Alsfeld. Über eine Dekanatsmitarbeiterin ist Shaima auf das SLZ aufmerksam geworden.

Hilfe beim Dolmetschen

Shaima Attiqi ist eine von zehn Teilnehmenden im Alter zwischen 14 und 60 Jahren mit Migrations- oder Fluchthintergrund, die das Angebot nutzen. Sie lernen kostenlos Deutsch, machen sich mit dem Computer vertraut, knüpfen Kontakte und bekommen Hilfe bei alltäglichen Dingen. Dazu stellt das Dekanat neben ausgewählten Materialien für alle Niveaus auch eine Reihe von Laptops mit geeigneter Lernsoftware zur Verfügung.

Finanziert wird das SLZ durch Mittel des evangelischen Dekanats, über das hessische Weiterbildungsgesetz sowie über Sonderprogramme des Landes und des Bundes. Gestartet ist das Angebot vor acht Jahren als ein Hessencampus-Projekt, auf Initiative und in Kooperation mit der Volkshochschule. »Deshalb können Lernende an der Volkshochschule bis heute zusätzlich das Selbstlernzentrum nutzen«, erklärt Ralf Müller, Referent für Erwachsenenbildung und Ökumene. Ein »richtig gutes Nebenprodukt« der Kooperation zwischen dem Dekanat und der VHS sei zudem der Sprachmittlerpool, findet Müller.

Molortuya Bodigerel-Köhler betreut, qualifiziert und vermittelt als Freiwilligenmanagerin Flüchtlingsarbeit den Pool ehrenamtlicher Sprachmittler. Sie besucht regelmäßig Abschlusskurse der VHS, um Absolventen als Sprachmittler zu werben. Diese werden kreisweit für Dolmetscher-Einsätze angefragt, zum Beispiel für Elterngespräche an der Schule oder für Arztbesuche. »Insgesamt 350 Sprachmittler-Einsätze hatten wir dieses Jahr«, berichtet Molortuya Bodigerel-Köhler.

Insgesamt fünf ehrenamtliche Freiwillige geben zwei Mal die Woche Unterricht und Hilfe für alle, die lernen wollen - unabhängig vom Aufenthaltsstatus. »Ohne Aufenthaltsstatus hat man in Deutschland kein Anrecht auf Kurse, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge anbietet«, erklärt Tilla Lotz. Sie ist Dozentin für EDV, Alphabetisierung und Deutsch als Fremdsprache (DaF) und leitet das SLZ. »Unser Selbstlernzentrum ist eine gute Alternative und eine erste Anlaufstelle. »Es ist schön, die Entwicklung der Menschen hier zu sehen. Es erstaunt mich immer wieder, wie schnell sie Lernfortschritte machen.« In den Jahren 2015/16 kamen rund 40 Teilnehmende zu jedem Treffen. Das sei zwar deutlich weniger geworden, sagt Lotz, doch »solange es noch Interessierte gibt, bieten wir das weiterhin an - und zwar unverbindlich, freiwillig und kostenlos.« Das Angebot richtet sich darüber hinaus an Menschen mit Alphabetisierungsbedarf, also Lese- und Schreibanfänger, genauso wie an diejenigen, die schon gute Grundkenntnisse haben und diese erweitern wollen. Ein Angebot, für das Shaima Attiqi sehr dankbar ist, erzählt die zierliche Frau mit leiser Stimme: »Meine Lehrer sind nett und ich mag es, Deutsch zu lernen.« Zwar befindet sich Shaimas Deutsch schon auf A2-Niveau und wird immer besser, aber zur Sicherheit hat sie an diesem Tag ihren Sohn mitgenommen, um ein bisschen beim Übersetzen zu helfen. Shaimas Ziel ist es, so schnell wie möglich selbst so gut Deutsch zu können, dass sie bald wieder als Lehrerin tätig sein kann. »Ich möchte gerne als Nachhilfelehrerin hier arbeiten«, verrät sie.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Aufenthaltsstatus
  • Deutsche Sprache
  • Dolmetschen
  • Evangelische Kirche
  • Nachhilfelehrerinnen und -lehrer
  • Vogelsberg
  • Volkshochschulen
  • Weiterbildungsgesetze
  • Alsfeld
  • Redaktion
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.