16. November 2011, 17:43 Uhr

Stimmen »befahlen« Mord am eigenen Vater

Schlitz/Gießen (sha). »Ich fühle mich nicht schuldig«, sagte der Angeklagte zum Prozessauftakt am Mittwoch vor der Fünften Großen Strafkammer des Gießener Landgerichts.
16. November 2011, 17:43 Uhr

Laut Anklageschrift soll er in der Nacht vom 13. auf den 14. Mai dieses Jahres in Schlitz seinen 79 Jahre alten Vater aus Habgier getötet haben – allerdings im Zustand der Schuldunfähigkeit, wie Staatsanwältin Daniela Zahrt betonte: Der 46-jährige Mann leide an einer schizophrenen Psychose. Die Tat stehe in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Krankheit. Nach Angaben des aus Schlitz stammenden Mannes hätten die Stimmen eines Ehepaares, die er überall hören könne, ihm diese Tat befohlen. Dieses Paar habe hohe Schulden und hätte ihn deshalb angestiftet, »Sterbehilfe« bei seinem kranken Vater zu leisten, um an das Erbe zu kommen. Das Urteil in diesem Prozess wird für den 23. November erwartet.

Etwa von Weihnachten 2009 bis Juni 2010 habe er in Eschweiler (Nordrhein-Westfalen) gelebt, berichtete der Angeklagte. In der Wohnung über ihm habe das Paar gewohnt, dessen Stimmen er gehört und dessen Gedanken er habe lesen können. Auf diese Weise sei es ihm möglich gewesen, überall mit dem Mann und dessen Frau zu kommunizieren. »So fern es klingt, es ist wahr«, beteuerte der mutmaßliche Täter.

Zur Polizei sei er nicht gegangen, »weil ja kein Mensch diese Geschichte glaubt«. Auch seine Versuche, durch weite Reisen Distanz zu schaffen, seien gescheitert, erklärte der Angeklagte, der zu diesem Zweck extra nach Mallorca und Fuerteventura geflogen sei. Selbst beim Tauchen im Meer habe er die Stimmen nicht loswerden können. 24 Stunden am Tag habe er die Äußerungen des Paares gehört. Gefallen habe ihm das nicht, »weil es bei denen immer um Geld ging«, schilderte der Mann.

Ausgestattet mit einer Strumpfmaske, Handschuhen und Plastiktüten über den Schuhen habe er die Tat im Haus des Vaters begehen sollen, andernfalls hätte das Paar ihn umgebracht. Durch ein Fenster sei er eingedrungen, habe seinen Vater im Schlafzimmer angetroffen und dort mit dem Kopfkissen erstickt, berichtete der Angeklagte.

Auf eine Nachfrage des Vorsitzenden Richters Bruno Demel hin räumte er ein, dass er auch die Hände benutzt habe, um den 79-Jährigen zu ersticken.

Opfer kratzte den Angeklagten

Diese Version des Tathergangs passt auch zu den Verletzungen im Mund- und Nasenbereich des Opfers, sagte Rechtsmediziner Prof. Manfred Riße. Eine Untersuchung des mutmaßlichen Täters habe außerdem gezeigt, dass der alte Mann, der ein vergrößertes Herz gehabt hatte, sich gewehrt habe. Der Angeklagte habe im Nacken Kratzspuren aufgewiesen, die von dem Opfer stammten.

Mehrere als Zeugen gehörte Kriminalbeamte bestätigten am Mittwoch die Aussagen des Angeklagten zum Geschehen in der Tatnacht. So sei auf dem Gelände einer Tankstelle am Stadtrand von Fulda das Fahrrad des Opfers gefunden worden, mit dem der 46-Jährige vom Tatort weggefahren sein will. Im Haus des Getöteten sei auch die Zugfahrkarte des Mannes gefunden worden, der mit der Bahn von seinem damaligen Wohnort Düsseldorf nach Fulda und zurück gefahren ist. Weiterhin fanden die Beamten an einer von dem Angeklagten beschriebenen, tatortnahen Stelle im Gebüsch die Strumpfmaske, die Handschuhe und die Plastiktüten.

Nach eigenen Angaben entwendete der gebürtige Osthesse aus dem Haus seines Vaters nur 50 Euro aus dessen Portemonnaie sowie ein Fernglas, das er später für zehn Euro verkauft habe. Eine Geldkassette, in der er
150 Euro zu finden hoffte, habe er nicht entdeckt. Ein Kriminalpolizist erläuterte, dass der Angeklagte das Schlafzimmer des Vaters durchwühlt habe. Die in Rede stehende Kassette sei von Beamten in einem Raum im Obergeschoss des Hauses gefunden worden.

Ein ebenfalls als Zeuge gehörter Bruder des Opfers gab an, dass das Verhältnis des Getöteten zu dessen Sohn »nie so gut war«. Unter anderem habe der Angeklagte in den vergangenen Jahren einmal das Auto des Vaters entwendet und verkauft sowie dessen Girokonto »abgeräumt«.

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