Vogelsbergkreis

Täglich den Rechtsstaat verteidigen

Für diesen Teilnehmer wurde noch schnell das Programm geändert. Wenige Tage vor der Gedenkveranstaltung an die Pogromnacht von 1938 in Alsfeld sagte Kanzleramtsminister Helge Braun seine Teilnahme zu. Und der Medizinprofessor aus Gießen enttäuschte nicht, er warb vor gut 60 Teilnehmern dafür, eben keinen Schlussstrich unter die Schattenseiten der Geschichte zu ziehen. Er sprach von einem »Mahnmal für die Zukunft«, wenn die Gesellschaft in diesem Land an die Gewalttaten des Dritten Reichs erinnert.
11. November 2019, 21:16 Uhr
Joachim Legatis
Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht in Alsfeld mit Kanzleramtsminister Prof. Dr. Helge Braun (rechts vorne). 	(Foto: jol)
Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht in Alsfeld mit Kanzleramtsminister Prof. Dr. Helge Braun (rechts vorne). (Foto: jol)

Für diesen Teilnehmer wurde noch schnell das Programm geändert. Wenige Tage vor der Gedenkveranstaltung an die Pogromnacht von 1938 in Alsfeld sagte Kanzleramtsminister Helge Braun seine Teilnahme zu. Und der Medizinprofessor aus Gießen enttäuschte nicht, er warb vor gut 60 Teilnehmern dafür, eben keinen Schlussstrich unter die Schattenseiten der Geschichte zu ziehen. Er sprach von einem »Mahnmal für die Zukunft«, wenn die Gesellschaft in diesem Land an die Gewalttaten des Dritten Reichs erinnert.

Daran hatte zunächst Pfarrer Peter Remy erinnert, um den 9. November 1938 haben 1400 Synagogen im deutschen Reich gebrannt, über 7400 Geschäfte jüdischer Kaufleute plünderte der Mob aus Nationalsozialisten und »Tätern aus der Mitte der Gesellschaft«. Rund 140 000 Menschen wurden angegriffen und verletzt, weil sie jüdischer Abstammung waren.

Auch in Alsfeld brannte die Synagoge, ein Feuerwehrmann wollte das Gotteshaus löschen, wurde aber mit vorgehaltener Pistole daran gehindert. »Das Problem von damals ist heute noch existent«, sagte Remy. »Wir müssten im Alltag das Reden und Denken über Juden hinterfragen.« Antisemitismus vergifte das Denken normaler Menschen. Oft kommt laut Remy die »Judenfrage« von einst heute als Kritik an Israel daher.

An den Appell zur Aufmerksamkeit knüpften sechs Schülerinnen der Geschwister-Scholl-Schule mit »Sag Nein« an. Eine Zeile des Textes lautete »Misch dich ein, wenn sie Deutschland braun verfärben«. Unterstrichen wurde das von Musikstücken, die Lea Hamel auf dem Saxofon spielte, es waren bekannte Stücke jüdischer Tradition.

Erst Hass, dann Straftaten

Bürgermeister Stephan Paule hob hervor, dass zu der Gedenkveranstaltung ein breites Spektrum an Menschen kommt, so aus Kirchen und Schulen. Besonders begrüßte er die Kommunalpolitiker »aller demokratischen Parteien«. Mit dem Gedenken am Standort der ehemaligen Synagoge an der Lutherstraße stehe man gemeinsam gegen Verfolgung von Minderheiten ein. »Es geht darum, den demokratischen Rechtsstaat jeden Tag aufs Neue gegen rechte Akteure zu verteidigen«, hob Paule hervor. Dabei zeige der 9. November die Bandbreite der politischen Geschichte auf, mit der Ausrufung der Demokratie 1918, der Gewaltorgie 1938 und der friedlichen Grenzöffnung von 1989.

In seinem Beitrag schlug Helge Braun den Bogen hin zum Umfeld der rechten Gewalt von heute. Über digitale Plattformen verbreiteten sich rechtsextreme Positionen schnell. »Hass und Hetze im Internet sind Triebfeder für viele Straftaten«, so der Bundesminister.

Der Rechtsextremismus ziehe in Europa immer weitere Kreise, antisemitische Vorfälle nehmen zu. Ein Höhepunkt war der rechtsextreme Anschlag auf die jüdische Gemeinde in Halle, bei dem zwei Menschen getötet und neun verletzt wurden.

Ein Rechtsextremist tötete Walter Lübcke, dem Braun freundschaftlich verbunden war. Deshalb zeigte sich Braun froh, gemeinsam mit den Teilnehmern der Alsfelder Gedenkveranstaltung »zur deutschen Verantwortung« zu stehen. Dabei gehe es um Toleranz gegenüber Menschen anderer Religion, sexueller Orientierung und politischer Richtung.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/vogelsbergkreis/art74,643724

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